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, um nicht verstört zu werden von so mancher Erscheinung, die ihr ein Gefühl erregt, dem sie kein anderes gleichstellen könne als die wahre tötende Gespensterfurcht. Dahin rechnete sie vorzüglich den geheimnisvollen Zwiespalt, der sich zwischen dem Prinzen Hektor und Kreisler erhoben, und der das Entsetzlichste ahnen lassen, denn nur zu gewiss sei es, dass der arme Johannes fallen sollen von der Hand des rachsüchtigen Italieners und nur, wie Meister Abraham versichere, durch ein Wunder gerettet worden.

"Und," so sprach Julia, "und dieser furchtbare Mann, er sollte dein Gemahl werden? – Neinnimmermehr! Dank der ewigen Macht! du bist gerettet! Niemals kehrt er zurück. Nicht wahr, Hedwiga? Niemals!"

"Niemals!" erwiderte die Prinzessin mit dumpfer, kaum vernehmbarer stimme. Dann seufzte sie auf aus tiefer Brust und sprach leise weiter wie im Traume: "Ja, dieses reine Himmelsfeuer soll nur leuchten und wärmen, ohne mit verderblichen Flammen zu vernichten, und aus der Seele des Künstlers leuchtet die zum Leben gestaltete Ahnungsie selbstseine Liebe hervor! So sprachst du hier an dieser Stelle." –

"Wer," rief Julia ganz bestürzt, "wer sprach so? – An wen dachtest du, Hedwiga?"

Die Prinzessin fuhr mit der Hand über die Stirne, als müsse sie sich besinnen auf die Gegenwart, der sie entrückt. Dann wankte sie, von Julien unterstützt, zum Sofa, auf dem sie sich ganz erschöpft niederliess. Julia, um die Prinzessin besorgt, wollte die Kammerfrauen herbeirufen, Hedwiga zog sie aber sanft nieder auf den Sofa, indem sie leise lispelte: "Nein, Mädchen! – Du, du allein sollst bei mir bleiben, glaube ja nicht, dass mich etwa Krankheit erfasst. – Nein, es war der Gedanke der höchsten Seligkeit, der zu mächtig wurde, der diese Brust zersprengen Wollte, und dessen Himmelsentzücken sich gestaltete wie tötender Schmerz. bleibe bei mir, Mädchen, du weisst es selbst nicht, welch einen wunderbaren Zauber du über mich zu üben vermagst! – Lass mich schauen in deine Seele wie in einen klaren reinen Spiegel, damit ich mich selbst nur wiedererkenne! – Julia! oft ist es mir, als käme die Begeisterung des himmels über dich, und die Worte, die wie Liebeshauch über deine süssen Lippen strömten, wären trostreiche Prophezeiung. Julia! – Mädchen, bleibe bei mir, verlasse mich nienie!"

Damit sank die Prinzessin, indem sie Julias hände festielt, mit geschlossenen Augen zurück in den Sofa.

Wohl war Julia an Augenblicke gewöhnt, in denen Hedwiga geistig krankhafter Überspannung erlag, doch fremd, ganz fremd und rätselhaft war ihr der Paroxysmus, wie er sich eben jetzt zeigte. Sonst war es eine leidenschaftliche Verbitterung, die, erzeugt von dem Missverhältnis des inneren Gefühls mit der Gestaltung des Lebens, beinahe bis zum Gehässigen sich steigernd, Julias kindliches Gemüt verletzte. Jetzt schien Hedwiga, wie sonst niemals, ganz aufgelöst in Schmerz und namenloser Wehmut, und dieser trostlose Zustand rührte Julien in eben dem Grade, als ihre Angst stieg um die geliebte Freundin.

"Hedwiga," rief sie, "meine Hedwiga, ich verlasse dich ja nicht, kein treueres Herz neigt sich zu dir als das meinige, aber sprich, o sprich doch nur, vertraue mir doch nur, welch eine Qual dein Inneres zerreisst? – Mit dir will ich klagen, mit dir will ich weinen!"

Da verbreitete sich ein seltsames Lächeln auf Hedwigas Antlitz, ein sanftes Rot schimmerte auf den Wangen, und ohne die Augen zu öffnen, lispelte sie leise: "Nicht wahr, Julia, du bist nicht in Liebe?"

Seltsam fühlte sich Julia von dieser Frage der Prinzessin getroffen, als durchbebe sie ein jäher Schreck.

In welches Mädchens Brust regen sich nicht Ahnungen einer leidenschaft, die das Hauptbedingnis scheint seiner Existenz, denn nur das liebende Weib ist dies ganz. Doch ein reiner, kindlicher, frommer Sinn lässt diese Ahnungen ruhen, ohne weiter zu forschen, ohne im lüsternen Vorwitz das süsse Geheimnis entüllen zu wollen, das nur in dem Moment aufgeht, den eine dunkle sehnsucht verheissen. So war es mit Julia, die plötzlich ausgesprochen hörte, was sie zu denken nicht gewagt, und geängstigt, als zeihe man sie einer Sünde, der sie selbst nicht klar sich bewusst, ihr eigenes Innres ganz zu durchschauen sich mühte.

"Julia," wiederholte die Prinzessin, "du liebst nicht? – sage es mir! – sei aufrichtig."

"Wie sonderbar," erwiderte Julia, "wie seltsam du mich fragst, was kann, was soll ich dir antworten?"

"Sprich, o sprich," flehte die Prinzessin. – Da ward es sonnenhell in Julias Seele, und sie fand Worte, das auszusprechen, was sie deutlich erblickte in ihrem eignen inneren.

"Was," so begann Julia sehr ernst und gefasst, "was geht vor in deinem Gemüt, Hedwiga, indem du mich so frägst? Was ist dir die Liebe, von der du sprichst? Nicht wahr, man soll sich hingezogen fühlen zu dem Geliebten mit solcher unwiderstehlichen Macht, dass man nur ist, nur lebt in dem Gedanken an ihn, dass man sein ganzes Ich aufgibt um ihn, dass er allein uns alles Sehnen, alles Hoffen, alles Verlangen, die ganze Welt dünkt? Und diese leidenschaft soll die höchste Stufe