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Augenblick vorübergehenden Bekannten zunickte, auch wohl gar ein wenig blaffte, gewiss um die Blicke vorübergehender Schönen seines Geschlechts auf sich zu ziehen. – An mich schien der Leichtsinnige gar nicht zu denken, und unerachtet ich, wie gesagt, ihn gar nicht zu sprechen wünschte, so war es mir doch gar nicht recht, dass er nicht nach mir fragte, gar keine Notiz von mir nahm.

Ganz anderer und, wie es mich bedünken wollte, viel artigerer und vernünftigerer Gesinnung war der ästetische Professor, Herr Lotario, der, nachdem er sich überall im Zimmer nach mir umhergeschaut, zu dem Meister sprach: "Aber wo ist denn Euer vortrefflicher Monsieur Murr!" - .

Es gibt für einen ehrlichen Katzburschen keine schnödere Benennung als das fatale Wort: Monsieur, indessen muss man von Ästetikern in der Welt viel leiden, und so verzieh ich dem Professor die Unbill.

Meister Abraham versicherte, dass ich seit einiger Zeit meine eignen Gänge gehabt und vorzüglich nachts selten zu haus gewesen, wovon ich denn müde und ermattet geschienen. Soeben habe ich auf dem Kissen gelegen, und er wisse in der Tat nicht, wohin ich eben jetzt so schnell verschwunden.

"Ich vermute," sprach der Professor weiter, "ich vermute fast, Meister Abraham, dass euer MurrDoch ist er auch hier irgendwo versteckt und lauscht? – Lasst uns doch einmal ein wenig nachsehen."

Leise zog ich mich in den Hintergrund des Ofens, aber man kann denken, wie ich die Ohren spitzte, da nun von mir die Rede. – Der Professor hatte vergebens alle Winkel durchsucht zu nicht geringer Verwunderung des Meisters, der lachend rief: "In der Tat, Professor, Ihr tut meinem Murr unglaubliche Ehre an!"

"Hoho," erwiderte der Professor, "der Verdacht, den ich gegen Euch, Meister, hege wegen des pädagogischen Experiments, vermöge dessen ein Kater zum Dichter und Schriftsteller wurde, kommt mir nicht aus der Seele. Gedenkt Ihr nicht mehr des Sonetts, der Glosse, die mein Ponto Euerm Murr recht unter den Pfoten weggeraubt? – Doch dem sei, wie ihm wolle, ich nutze Murrs Abwesenheit, um Euch eine schlimme Vermutung mitzuteilen und Euch recht dringend zu empfehlen, achtsam zu sein auf Murrs Betragen. – Sowenig ich mich sonst um Katzen bekümmere, doch ist es mir nicht entgangen, dass manche Kater, die sonst ganz artig und manierlich waren, jetzt plötzlich ein Wesen annehmen, das gegen alle Sitte und Ordnung gröblich anstösst.

Statt wie sonst sich demütig zu biegen und zu schmiegen, stolzieren sie trotzig daher und scheuen sich gar nicht, durch funkelnde Blicke, durch zorniges Knurren ihre ursprüngliche wilde natur zu verraten, auch wohl gar die Krallen zu zeigen. Sowenig sie auf ein bescheidenes stilles Betragen achten, ebenso wenig ist ihnen daran gelegen, was das Äussere betrifft, als gesittete Weltleute zu erscheinen. Da ist an kein Putzen dies Bartes, an kein Glänzendlecken des Fells, an kein Abbeissen der zu lang gewordenen Krallen zu denken; zottig und rauh mit struppigem Schweif rennen sie daher, allen gebildeten Katzen ein Greuel und Abscheu. Was aber vorzüglich tadelnswert erscheint und nicht geduldet werden darf, sind die heimlichen Zusammenkünfte, die sie zur Nachtzeit halten und dabei ein tolles Wesen treiben, welches sie Gesang nennen, unerachtet dabei nichts vernehmbar als ein widersinniges Geschrei, dem es an schicklichem Takt, ordnungsmässiger Melodie und Harmonie gänzlich mangelt. Ich fürchte, ich fürchte, Meister Abraham, dass Euer Murr sich auf die schlechte Seite gelegt hat und teilnimmt an jenen unanständigen Belustigungen, die ihm nichts einbringen können als tüchtige Prügel. – Es sollte mir leid tun, wenn alle Mühe, die Ihr auf den kleinen Grauen verwandt, umsonst wäre und er sich trotz aller Wissenschaft zu dem gewöhnlichen wüsten Treiben gemeiner liederlicher Kater herabliesse." – Als ich mich, meinen guten Muzius, meine hochherzigen Brüder verkannt sah auf so schnöde Weise, entfloh mir unwillkürlich ein Schmerzenslaut. "Was war das?" rief der Professor, "ich glaube gar, Murr sitzt doch versteckt im Zimmer! – Ponto! Allons! – Such', such'!" – Mit einem Satz war Ponto herunter von der Fensterbank und schnüffelte im Zimmer umher. Vor der Ofentüre blieb er stehen, knurrte, bellte, sprang herauf. – "Er ist im Ofen, das hat keinen Zweifel!" So sprach der Meister und öffnete die tür. Ich blieb ruhig sitzen und blickte den Meister mit klaren glänzenden Augen an. "Wahrhaftig," rief der Meister, "wahrhaftig, da sitzt er ganz hinten im Ofen. – Nun? – bequemt Er sich hervorzukommen? – Ob Er heraus will!"

Sowenig ich auch Lust hatte, meinen Versteck zu verlassen, so musste ich doch wohl dem Befehl des Meisters gehorchen, wollte ich es nicht auf Gewalt gegen mich ankommen lassen und dabei den kürzeren ziehen. Langsam kroch ich daher hervor. Kaum war ich aber an das Tageslicht gekommen, als beide, der Professor und der Kleister, laut riefen: "Murr! – Murr! wie siehst du aus! – Was sind das für Streiche!" –

Freilich war ich über und über voller Asche, und kam noch hinzu, dass wirklich mein Äusseres seit einiger Zeit merklich gelitten, so dass ich mich in der Schilderung, die der Professor von schismatischen Katern gemacht, wiedererkennen musste, so konnte ich mir freilich die erbärmliche Figur, in