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"Seht die verfluchte Bestie!" sprang er auf mich zu. Es war zu spät, mich zu retten, ich kniff die Ohren an, ich duckte mich nieder, so gut es gehen wollte, ich fühlte schon die Rute auf meinem rücken. Aber die Hand schon aufgehoben, hielt der Meister plötzlich inne, schlug eine helle Lache auf und rief: "KaterKater, du liesest? ja, das kann, das will ich dir nicht verwehren. Nun siehsieh! – was für ein Bildungstrieb dir inwohnt." – Er zog mir das Buch unter den Pfoten weg, schaute hinein und lachte noch unmässiger als vorher. "Das muss ich sagen," sprach er dann, "ich glaube gar, du hast dir eine kleine Handbibliotek angeschafft, denn ich wüsste sonst gar nicht, wie das Buch auf meinen Schreibtisch kommen sollte? – Nun, lies nurstudiere fleissig, mein Kater, allenfalls magst du auch die wichtigen Stellen im buch durch sanfte Einrisse bezeichnen, ich stelle dir das frei!" – Damit schob er mir das Buch aufgeschlagen wieder hin. Es war, wie ich später erfuhr, Knigge, "über den Umgang mit Menschen", und ich habe aus diesem herrlichen Buch viel Lebensweisheit geschöpft. Es ist so recht aus meiner Seele geschrieben und passt überhaupt für Kater, die in der menschlichen Gesellschaft etwas gelten wollen, ganz ungemein. Diese Tendenz des buches ist, soviel ich weiss, bisher übersehen und daher zuweilen das falsche Urteil gefällt worden, dass der Mensch, der sich ganz genau an die im Buch aufgestellten Regeln halten wollte, notwendig überall als ein steifer herzloser Pedant auftreten müsse.

Seit dieser Zeit litt mich der Meister nicht allein auf dem Schreibtisch, sondern er sah es sogar gern, wenn ich, arbeitete er selbst, heraufsprang und mich vor ihm unter die Schriften hinlagerte.

Meister Abraham hatte die Gewohnheit, oftmals viel hintereinander laut zu lesen. Ich unterliess dann nicht, mich so zu postieren, dass ich ihm ins Buch sehen konnte, welches bei den scharfblickenden Augen, die mir die natur verliehen, möglich war, ohne ihm beschwerlich zu fallen. Dadurch, dass ich die Schriftzeichen mit den Worten verglich, die er aussprach, lernte ich in kurzer Zeit lesen, und wem dies etwa unglaublich vorkommen möchte, hat keinen Begriff von dem ganz besonderen Ingenium, womit mich die natur ausgestattet. Genies, die mich verstehen und mich würdigen, werden keinen Zweifel hegen rücksichts einer Art Ausbildung, die vielleicht der ihrigen gleich ist. Dabei darf ich auch nicht unterlassen, die merkwürdige Beobachtung mitzuteilen, die ich rücksichts des vollkommenen Verstehens der menschlichen Sprache gemacht. Ich habe nämlich mit vollem Bewusstsein beobachtet, dass ich gar nicht weiss, wie ich zu diesem Verstehen gekommen bin. Bei den Menschen soll dies auch der Fall sein, das nimmt mich aber gar nicht wunder, da dies Geschlecht in den Jahren der Kindheit beträchtlich dümmer und unbeholfener ist als wir. Als ein ganz kleines Käterchen ist es mir niemals geschehen, dass ich mir selbst in die Augen gegriffen, ins Feuer oder ins Licht gefasst oder Stiefelwichse statt Kirschmus gefressen, wie das wohl bei kleinen Kindern zu geschehen pflegt.

Wie ich nun fertig las und ich mich täglich mehr mit fremden Gedanken vollstopfte, fühlte ich den unwiderstehlichsten Drang, auch meine eignen Gedanken, wie sie der mir inwohnende Genius gebar, der Vergessenheit zu entreissen, und dazu gehörte nun allerdings die freilich sehr schwere Kunst des Schreibens. So aufmerksam ich auch meines Meisters Hand, wenn er schrieb, beobachten mochte, durchaus wollte es mir doch nicht gelingen, ihm die eigentliche Mechanik abzulauren. Ich studierte den alten Hilmar Curas, das einzige Schreibevorschriftsbuch, welches mein Meister besass, und wäre beinahe auf den Gedanken geraten, dass die rätselhafte Schwierigkeit des Schreibens nur durch die grosse Manschette gehoben werden könne, welche die darin abgebildete schreibende Hand trägt, und dass es nur besonders erlangte Fertigkeit sei, wenn mein Meister ohne Manschette schriebe, sowie der geübte Seiltänzer zuletzt nicht mehr der Balancierstange bedarf. Ich trachtete begierig nach Manschetten und war im Begriff, die Dormeuse der alten Haushälterin für meine rechte Pfote zuzureissen und zu aptieren, als mir plötzlich in einem Moment der Begeisterung, wie es bei Genies zu geschehen pflegt, der geniale Gedanke einkam, der alles löste. Ich vermutete nämlich, dass die Unmöglichkeit, die Feder, den Stift so zu halten wie mein Meister, wohl in dem verschiedenen Bau unserer hände liegen könne, und diese Vermutung traf ein. Ich musste eine andere, dem Bau meines rechten Pfötchens angemessene Schreibart erfinden und erfand sie wirklich, wie man wohl denken mag. – So entstehen aus der besonderen Organisation des Individuums neue Systeme. –

Eine zweite böse Schwierigkeit fand ich in dem Eintunken der Feder in das Tintenfass. Nicht glücken wollt' es mir nämlich, bei dem Eintunken das Pfötchen zu schonen, immer kam es mit hinein in die Tinte, und so konnte es nicht fehlen, dass die ersten Schriftzüge, mehr mit der Pfote als mit der Feder gezeichnet, etwas gross und breit gerieten. Unverständige mochten daher meine ersten Manuskripte beinahe nur für mit Tinte beflecktes Papier ansehen. Genies werden den genialen Kater in seinen ersten Werken leicht erraten und über die Tiefe, über die Fülle des Geistes, wie er zuerst aus unversiegbarer Quelle aussprudelte, erstaunen, ja ganz ausser sich geraten. Damit die Welt sich dereinst nicht zanke über die Zeitfolge meiner unsterblichen