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dass damals, als der übermütige Frevler dich ausprügelte auf schnöde Weise, du noch ein blutjunger Neuling und kein wackrer, tüchtiger Bursche warst wie jetzt. Auch war dein Kampf mit dem Bunten kein ordentliches Duell nach Regel und Recht, ja nicht einmal ein Renkontre zu nennen, sondern nichts weiter als eine philistermässige Balgerei, die unanständig ist für jeden Katzbursch. Merk' dir's, Bruder Murr, dass der auf unsre besondre Gaben neidische Mensch uns die Neigung vorwirft, uns auf ehrwidrige beschimpfende Weise zu prügeln, und fällt unter seinem Geschlecht dergleichen vor, dies mit dem Schimpf- und Spottnamen: Katzbalgerei bezeichnet. Schon darum wird und muss ein ordentlicher Kater, der Ehre im leib hat und auf gute Sitten hält, jedes böse Renkontre der Art vermeiden; er beschämt den Menschen, der unter gewissen Umständen sehr geneigt ist, zu prügeln und geprügelt zu werden. – Also, geliebter Bruder, lass alle Furcht und Scheu fahren, bewahre dein tapfres Herz und sei überzeugt, dass du im ordentlichen Duell genugsame Rache für alle erfahrne Unbill nehmen und den bunten Gecken dermassen zerkratzen kannst, dass er das dumme Liebeln und alberne Daherstolzieren wohl auf einige Zeit lassen wird. – Doch halt! – Eben will mich bedünken, dass nach dem, was zwischen euch vorgefallen, der Zweikampf auf den Kratz keinen genügenden Ausschlag geben kann, dass ihr euch vielmehr auf entscheidendere Weise, nämlich auf den Biss, schlagen müsst. – Wir wollen die Meinung der Burschen hören!" –

Muzius trug in einer sehr wohlgesetzten Rede den Fall, der sich mit mir und dem Bunten ereignet, der Burschenversammlung vor. Alle stimmten dem Redner bei, und ich liess daher dem Bunten durch Muzius sagen, ich nehme die Ausforderung zwar an, könnte und würde bei der Schwere der erlittenen Beschimpfung mich aber nicht anders schlagen, als auf den Biss. Der Bunte wollte zwar Einwendungen machen, vorschützen, er habe stumpfe Zähne u.s.w.; da aber Muzius ihm nach seiner ernsten und festen Weise erklärte, dass hier nur durchaus von dem entscheidenderen Duell auf den Biss die Rede sein könne, und dass, wenn er dies nicht eingehen wolle, er den niederträchtigen Spitz auf sich sitzen lassen müsste, entschloss er sich zu diesem Duell auf den Biss. – Die Nacht, in der der Zweikampf vor sich gehen sollte, kam heran. Ich stellte mich auf dem dach des Hauses, das an der Grenze des Reviers lag, mit Muzius um die bestimmte Stunde ein. Auch mein Gegner kam bald mit einem stattlichen Kater, der beinahe bunter gefleckt war und noch viel trotzigere, keckere Züge im Antlitz trug als er selbst. Er war, wie wir vermuten konnten, sein Sekundant; beide hatten verschiedene Feldzüge als Kameraden zusammen gemacht und befanden sich auch beide bei der Eroberung des Speichers, die dem Bunten den Orden des gebrannten Specks erwarb. Ausserdem hatte sich, wie ich nachher erfuhr, auf des umund vorsichtigen Muzius Anlass eine kleine lichtgraue Katze eingefunden, die sich ganz ausserordentlich auf Chirurgie verstehen und die schlimmsten, gefährlichsten Wunden zweckmässig behandeln und in kurzer Zeit heilen sollte. – Es wurde noch verabredet, dass der Zweikampf in drei Sprüngen stattfinden, und falls bei dem dritten Sprunge noch nichts Entscheidendes geschehen, weiter beschlossen werden sollte, ob das Duell in neuen Sprüngen fortzusetzen, oder die Sache als abgemacht anzusehen. Die Sekundanten massen die Schritte aus, und wir setzten uns gegenüber in Positur. Der Sitte gemäss erhoben die Sekundanten ein Zetergeschrei, und wir sprangen aufeinander los.

Im Augenblick hatte mein Gegner, indem ich ihn fassen wollte, mein rechtes Ohr gepackt, das er dermassen zerbiss, dass ich wider Willen laut aufschrie. "Auseinander!" rief Muzius. Der Bunte liess ab, wir gingen in die Position zurück.

Neuer Zeter der Sekundanten, zweiter Sprung. Nun glaubte ich meinen Gegner besser zu fassen, aber der Verräter duckte sich und biss mir in die linke Pfote, dass das Blut in dicken Tropfen hervorquoll. – "Auseinander!" rief Muzius zum zweitenmal. "eigentlich," sprach der Sekundant meines Gegners, sich zu mir wendend, "eigentlich ist nun die Sache ausgemacht, da Sie, mein Bester, durch die bedeutende Wunde an der Pfote hors de combat gesetzt sind." Doch Zorn, tiefer Ingrimm liessen mich keinen Schmerz fühlen, und ich entgegnete, dass es sich bei dem dritten Sprunge finden würde, inwiefern es mir an Kraft gebräche und die Sache als abgemacht anzusehen. "Nun," sprach der Sekundant mit höhnischem lachen, "nun, wenn Sie denn durchaus von der Pfote Ihres Ihnen überlegenen Gegners fallen wollen, so geschehe Ihr Wille!" – Doch Muzius klopfte mir auf die Schulter und rief: "Brav, brav, mein Bruder Murr, ein echter Bursche achtet solch einen Ritz nicht! – Halt dich tapfer!"

Zum drittenmal Zeter der Sekundanten, dritter Sprung! – Meiner Wut ungeachtet hatte ich die List meines Gegners gemerkt, der immer etwas seitwärts sprang, weshalb ich ihn fehlte, während er mich mit Sicherheit packte. – Diesmal nahm ich mich in acht, sprang auch seitwärts, und als er mich zu fassen glaubte, hatte ich ihn schon dermassen in den Hals gebissen, dass er nicht schreien, nur stöhnen konnte. "Auseinander!" rief jetzt der Sekundant meines Gegners. Ich sprang sogleich zurück, der Bunte sank aber ohnmächtig nieder, indem das Blut reichlich aus der