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Hand fasste und ihr starr in die Augen blickte, während Julia heisse Tränen vergoss, wähnend, dass wohl der Todesschlaf über die Herzensfreundin kommen werde. Da holte Hedwiga tief Atem und sprach mit dumpfer, kaum vernehmlicher stimme: "Ist er tot?" – Sogleich hielt Prinz Ignatius ein mit Weinen trotz seines Schmerzes und erwiderte in voller Freude über die gelungene Exekution lachend und kichernd: "Ja jaPrinzessin Schwester, ganz tot, gerade durch das Herz geschossen." – "Ja," sprach die Prinzessin weiter, indem sie die Augen, die sie aufgeschlagen, wieder sinken liess, "ja, ich weiss es. Ich sah den Blutstropfen der aus dem Herzen quoll, aber er fiel in meine Brust, und ich erstarrte zu Kristall, und er nur lebte in dem Leichnam!" – "Hedwiga," begann die Rätin leise und zärtlich, "Hedwiga, erwachen Sie aus bösen unglücklichen Träumen, Hedwiga, erkennen Sie mich?" Die Prinzessin winkte sanft mit der Hand, als wolle sie verlassen sein. "Hedwiga," fuhr die Benzon fort, "Julia ist hier." Ein Lächeln schimmerte auf Hedwigas Wangen. Julia beugte sich über sie hin, drückte einen leisen Kuss auf die erblassten Lippen der Freundin. Da lispelte Hedwiga kaum hörbar: "Es ist nun alles vorüber, in wenigen Minuten bin ich ganz erkräftigt, ich fühl' es." –

Niemand hatte sich bis jetzt um den kleinen Hochverräter bekümmert, der mit zerfleischter Brust auf dem Tisch lag. Nun fiel er Julien ins Auge, und erst in dem Augenblick wurde sie auch inne, dass Prinz Ignatius wieder das abscheuliche, ihr verhasste Spiel gespielt. "Prinz," sprach sie, indem ihre Wangen sich hoch röteten, "Prinz, was hat Ihnen der arme Vogel getan, dass Sie ihn ohne Erbarmen töten hier im Zimmer? – Das ist ein rechtes einfältiges grausames SpielSie haben mir längst versprochen, es zu lassen, und doch nicht Wort gehaltenAber! tun Sie es noch einmal, niemals ordne ich mehr Ihre Tassen oder lehre Ihre Püppchen reden oder erzähle Ihnen die geschichte vom Wasserkönig!" – "Nicht böse sein," wimmerte der Prinz, "nicht böse sein, fräulein Julia! Aber es war ein bunter Erzschelm. Er hatte allen Soldaten heimlich die Rockschösse abgeschnitten und überdem eine Rebellion angezettelt. Aber es tut wehes tut weh!" – Die Benzon blickte den Prinzen, dann Julien an mit seltsamem Lächeln, dann rief sie: "Was das für ein Wehklagen ist über ein paar verbrannte Finger! – Aber es ist wahr, der Chirurgus wird ewig mit seiner Brandsalbe nicht fertig. Doch hilft ein gemeines Hausmittel auch wohl ungemeinen Leuten. Man schaffe rohe Kartoffeln herbei!" Sie schritt nach der tür, aber wie plötzlich von irgendeinem Gedanken erfasst, blieb sie stehen, kehrte um, schloss Julien in die arme, küsste sie auf die Stirne und sprach: "Du bist mein gutes liebes Kind und wirst immer das ganz sein, was du sein sollst! – Hüte dich nur vor überspannten wahnsinnigen Toren und verschliesse dein Gemüt dem bösen Zauber ihrer verlockenden Reden!" – Damit warf sie noch einen forschenden blick auf die Prinzessin, die sanft und süss zu schlummern schien, und verliess das Zimmer.

Der Chirurgus trat hinein mit einem ungeheuren Pflaster in den Händen, unter vielen Beteuerungen versichernd, dass er schon seit geraumer Zeit gewartet in den Zimmern des gnädigsten Prinzen, da er nicht vermuten können, dass er in dem Schlafgemach der gnädigsten PrinzessinEr wollte mit dem Pflaster los auf den Prinzen, die Kammerfrau, die ein paar stattliche Kartoffeln auf einer silbernen Schüssel herbeigebracht, vertrat ihm aber den Weg und versicherte, dass für Verletzungen durch Brand geschabte Kartoffeln das allerbeste Mittel wären. "Und ich," fiel Julia der Kammerfrau ins Wort, indem sie ihr die silberne Schüssel abnahm, "und ich selbst will für Sie, mein Prinzchen, das Pflaster gar fein bereiten."

"Gnädigster Herr," sprach der Chirurg erschrokken, "bedenken Sie! – ein Hausmittel für verbrannte Finger eines hohen fürstlichen Herrn! – Die Kunstdie Kunst sollmuss hier allein helfen!" Er wollte von neuem auf den Prinzen los, der prallte aber zurück und rief: "Weg da, weg da! fräulein Julia soll mir das Pflaster bereiten, die Kunst soll sich zum Zimmer hinausscheren!"

Die Kunst empfahl sich samt ihrem wohlpräparierten Pflaster, indem sie giftige Blicke auf die Kammerfrau warf.

Stärker und stärker hörte Julia die Prinzessin atmen, doch wie erstaunte sie, als

(M. f. f.) – einschlafen. Hin und her wälzte ich mich auf meinem Lager; ich versuchte alle nur mögliche Stellungen. Bald streckte ich mich lang aus, bald wickelte ich mich rund zusammen, liess den Kopf auf den weichen Pfoten ruhen und ringelte den Schweif zierlich um mich herum, so dass er die Augen bedeckte, bald warf ich mich auf die Seite, liess die Pfoten wegstarren vom leib, den Schweif in lebloser Gleichgültigkeit hinabhängen vom Lager. Allesalles vergebens! – Wirrer und wirrer wurden Vorstellungen, Gedanken, bis ich endlich in jenes Delirium fiel, das kein Schlaf, sondern ein Kampf zwischen Schlafen und Wachen zu nennen, wie Moritz, Davidson, Nudow, Tiedemann, Wienholt, Reil, Schubert, Kluge und andere physiologische Schriftsteller,