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ihr bald die heiligste und süsseste Angelegenheit ihres Lebens ihre Anlagen zu entwickeln, und dem zu wahrer Frömmigkeit sich hinneigenden Gemüt die Richtung zu geben, diewie sie aus Erfahrung wusstein allen Freuden und Leiden welche das Schicksal bietet, nur in sich Schutz und Schirm und Gleichgewicht findet.

Sie lehrte sie, mehr durch Beispiel als durch Worte, in Freude an der natur, in stillen nützlichen Beschäftigungen und in der Erfüllung ihrer Pflichten den Zweck, so wie die Würze ihres Daseins suchen. Auch waren Erna's Verhältnisse ganz geeignet, um mit ihrem Plan im Bunde sie zur ernsten Einkehr in sich selbst, zur frühen Reife des Geistes, zur sanften Mässigung ihrer lebhaften Gefühle hinzuleiten. Denn die stets leidende Mutter, die gleichsam das ganze Leben ihrer Erna als ein Opfer kindlicher Liebe hinnahm, das ihr gebührte, und die das früh resignirte Kind aus der Sphäre fröhlicher Jugendlust, die ihren Jahren angemessen war, an den engen Kreis bannte, welcher ihr Schmerzenslager umgab, half durch den Anblick ihres langsamen Dahinschmachtens ihre Phantasie von dem Irrdischen abziehen, und zu jener höheren Ansicht empor richten, die wie ein Stern in dunkler Nacht den blick des Geistes aufwärts hebt.

Nichts bildet die moralischen Fähigkeiten edler aus, nichts wirkt herrlicher auf das weibliche Gemüt, als wenn es ganz von dem Beruf der Krankenpflege durchdrungen, ihn als eine heilige Pflicht anerkennt und übt. Sanftmut, Geduld, frommer Glaube an eine Hand, die jedes Leiden lindert, wäre es auch erst jenseits, Ergebung und himmlischer Friede entkeimen der Saat, welche Selbstverläugnung in den steinigen Boden des Entbehrens streut, und lohnen jeden hingegebenen Genuss der Welt durch die reiche Fülle des Bewusstseins.

So glaubte Auguste in Erna's Fortschreiten im stillen Versagen bunter Jugendfreuden, und in einer sich selbst vergessenden Tätigkeit die stärksten Waffen gegen alle feindlichen Angriffe eines künftigen Geschicks ihr in die Hand gegeben zu haben, und als sie die sanfte Morgenröte einerwie sie hoffteglücklichen Neigung in ihrer Seele anbrechen, und diese durch die Wünsche der Familie geheiligt, so wie durch Alexanders auch sie bestechende Aussenseite gerechtfertigt sah, wähnte sie ihren Liebling nahe an der Schwelle des Tempels der höchsten irdischen Glückseligkeit, und freute sich der immer wärmer werdenden Innigkeit, die sie bemerkte.

XIII

Denn ein weibliches, unverdorbenes Wesen, auch wenn es selbst durch ungünstige Erfahrungen nur die Dornen, nicht die Rosen der Liebe gekannt hat, weiss sich dennoch keinen anderen Himmel hienieden zu träumen, als den einer glücklichen ehelichen Verbindung.

Mit treuem Anteil, und freudig gerührt, nahm sie daher Erna's Geständnis, dass sie so glücklich sei, als einen Vorboten des noch wichtigeren Bekenntnisses, dass sie liebe, auf, und half ihrer zarten Verschämteit, ihren mit sich selbst kämpfenden, des Ausdrucks ermangelnden Gefühlen zur Sprache, indem sie sanft ihr entgegen kommend, eigentlich mehr erriet als von ihr erfuhr.

Freilich fehlte noch, um sie als glückliche Braut zu begrüssen, Alexanders förmliche Erklärung. Aber war nicht sein ganzes, Erna so sichtbar auszeichnendes Betragen eine ehrerbietig und liebevoll fortgesetzte Bewerbung der nur das entscheidende Wort fehlte, um bindend auf ewig zu sein? Und oft sprechen Worte nicht so deutlich, als Handlungen, in denen unwillkührlich sich die Neigung verrät. Er wusste ja die Absichten seiner Tante und der Frau von Willfriedunmöglich hätte er sich bei den grundsätzen wahrer Ehre, die man an ihm zu bemerken glaubte, dem Schein, in sie einzugehn, geliehen, wenn sie nicht mit den seinigen harmonisch übereinstimmten.

Und konnte er eine edlere Wahl treffen, als die, die diesen Engel an Güte und Herzlichkeit ihm zur künftigen Gefährtin seines Lebens bestimmte? Selbst in conventioneller Hinsicht machte Erna's bedeutendes Vermögen sie zu einer sehr vorzüglichen Partie, doch seltner noch war der Reichtum ihres Gemüts und ihres Geistes, neben einer Gestalt, die ohne noch zur vollkommenen Schönheit heran geblüht zu sein, doch schön zu werden versprach, so wie ihre Jugend, und die grosse Biegsamkeit ihres Charakters nicht bezweifeln liess, sie werde leicht und geschickt sich in die künstlich geschliffenen Formen der grossen Welt fügen lernen, die freilich auf dem land ihr fremd geblieben waren.

Alles dies sagte sich Auguste in ihrer innigen Teilnahme an dem künftigen Loose ihres holden Zöglings vor, und Erna mit dem Segen der wärmsten Liebe an ihre Brust drückend, erwartete sie zuversichtlich von den nächsten Tagen die endliche Schürzung des Knotens.

XIV

Was sie noch mehr als alle vorhergegangenen Umstände zu dieser Erwartung berechtigte, war ein Vorfall, der traurige Folgen hätte haben können, der aber jetzt nach Erna's Ansichten nur dazu diente, ihr auf eine etwas rauhe Art den Himmel ihrer Zukunft früher zu öffnen.

Alexander, der das ihm anvertraute Amt als Lehrmeister ernst und gewissenhaft verwaltete, fand es notwendig, dass seine Schülerin sich an mehr als e i n Pferd gewöhne, um sicherer in allen den Eigentümlichkeiten der Reitkunst zu werden.

Nicht ohne ein inneres, weissagendes Vorgefühl der Gefahr vertauschte daher Erna eines Tages ihr liebes frommes Ross mit seinem schnaubenden Araber, der aber trotz der Fülle des Mutes und Uebermutes, die aus ihm wieherte, trefflich zugeritten war, und keine Unarten hatte, die die mindeste Besorgnis für seine zarte Reiterin erregen konnte. Wohlgemut trabten beide über die frischen Wiesen dahin, dem kühlen wald zu, der mit seinen dämmernden Schatten ihnen so einladend winkte. Dort liessen sie die Tiere langsam gehen, und im traulichen Wechselgespräch schwand Erna's leise Furcht, so