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mit so grazienhafter Leichtigkeit sich im Gleichgewicht zu halten, so mutig und sicher die ihr nun selbst anvertrauten Zügel zu führen, dass er ohne Bedenken ihr einen Spazierritt über die engen Schranken des Gartens hinaus ins Freie vorzuschlagen wagte.

Es war ein wunderschöner Maimorgen. Junges, helles Grün mit Blütenschnee durchwebt, schmückte Bäume und Gesträuch, und die Nachtigallen mischten den Zauber ihrer Melodieen in den monotonen, und doch so anmutigen laut des Kukuks, der, wie sie, den Lenz begrüsste. Das Trillern der Lerche in hoher Luft, und das Geschwirr und Sumsen der Insekten, die im warmen Sonnenschein sich freuten, vollendete den Chor der natur, der noch niemals inniger als jetzt Erna's erregtes Herz angesprochen hatte. Ein heitrer blauer Himmel, ähnlich dem, den sie für ihre Zukunft sich träumte, spannte sich lächlend über sie aus, und die dampfenden Felder, und die taufunkelnden Wiesen, mit vielfarbigen Blumen bedeckt, sandten ihr die süssesten Düfte hinauf, den Rausch ihrer Stimmung noch zu erhöhen.

Alexander bemerkte mit Vergnügen, dass seine Nähe immer mehr die starre Rinde der Blödigkeit von Erna's Wesen hinweg schmolz, wie der Schnee im Frühling von den Hügeln taut, wenn die Sonne mit Feuerblick auf ihn hernieder sieht. Es kam Leben und Seele in ihre Züge. Das jugendliche Erwachen ihres Gefühls, der unverkennbare, unschuldsvolle Wunsch, ihm zu gefallen, der nicht in Künsten studierter Koketterie, sondern nur in dem aufmerksamen Bestreben, sich seine Meinungen anzueignen, seinem Geschmack zu entsprechen und seine Eigentümlichkeit aufzufassen, sich verriet, gab seiner Eitelkeit ein belustigendes Schauspiel, dem wenigstens das Interesse der Neuheit nicht fehlte. Selbst wenn sie oft vergebens suchte, aus ihrer reineren schuldlosen natur herauszutreten, um sich mit seiner Individualität zu amalgamiren, deren Verdorbenheit ein schimmernder Firnis überzog, und es ihr nicht gelingen wollte, gleich ihm zu fühlen und zu urteilen, selbst dennoch erblickte sie ihn hoch über sich, und gab der Beschränkteit ihres eigenen Sinnes die Schuld, wenn sie den seinigen nicht ganz zu begreifen und zu würdigen wusste.

Heute betrafen ihre gespräche das Glück des Landlebens, die Schönheit der Gegend, die stillen Freuden der Wohltätigkeit. Denn es lag Alexandern daran, sie zutraulicher noch zu stimmen, und das konnte ihm weniger gelingen, wenn er Gegenstände berührte, die ihrer Unerfahrenheit fremd waren. Er gab sich die Miene, als ermüde ihn der Zwang in einer geräuschvollen Stadt unter betäubenden Zerstreuungen, diewenn sie auch d e n G e i s t momentan zu beschäftigen vermöchten, doch das nach edleren Genüssen schmachtende Gemüt leer und unbefriedigt liessenleben zu müssen, und drückte die sehnsucht nach idyllischer Einfachheit der Sitten und nach den Freuden der Häuslichkeit um so lebhafter aus, je entfernter seine Seele davon war, sie wirklich zu empfinden.

Erna hatte noch nie Romane gelesen. Die Sprache derselben, ihr eben so neu als verführerisch, und so ganz ihren innersten Begriffen zusagend, schmeichelte sich von Alexanders, der Verstellung gewohnten Lippen süss und zutraulich in ihr Herz, und ihre achtung für ihn nahm in eben dem Grade zu, in welchem ihr schüchternes Wohlwollen, ihr selbst unbewusst, sich zur innigsten Liebe verstärkte.

So kehrte sie von diesem Spazierritt mit erhöhter Freudigkeit und Zuversicht, so wie mit verdoppelter Neigung für ihn, zurück, und ihre wonnevoll beklommene Brust konnte die Fülle ungewohnter Seligkeit nicht bergen. Tief erglühend in der schönen Röte, die zwischen Schaam und Freude schwankt, sank sie in die arme ihrer Freundin Auguste, die sie bei ihrer Rückkehr empfing, und flüsterte leise und entzückt ihr ins Ohr: Auguste, wie bin ich glücklich!

XII

Auguste war eine Freundin und Gehülfin des Hauses. Frau von Willfried, der sorgsamsten und ununterbrochensten Pflege bedürfend, hatte sie, ehe Erna allein ihr diese leisten konnte, und um sie ihr späterhin zu erleichtern, zu sich genommen, und ihr die Aufsicht über die Dienstboten und das Hauswesen, und Erna's Unterricht in den feineren weiblichen arbeiten übertragen.

Auguste, die Tochter eines Predigers, war eine jener zarten, früh verblühenden Gestalten, die verschlossen, aber in tiefen Frieden mit sich selbst und andern ihren Lebensweg dahin gehen, ohne dass der aufmerksame Beobachter dem ihre früheren Verhältnisse fremd sind, zu entscheiden vermag, ob der Wurm der Kränklichkeit, oder eines durch Unglück erschütterten Gemüts an ihrer vor der Zeit gewelkten Blüte nagt.

Hier hatte beides sich vereinigt, sie rasch über die Gränzlinie feuriger, genussvoller Jugend in jenen sinnigen, ruhigen Zustand reiferer Jahre hinüber zu führen, in welchem ein weibliches Wesen das leidenschaftliche Getriebe der Welt nicht mehr als eine Bühne des Handelns, sondern nur des Zuschauens betrachtet.

So lag schon in ihrem acht und zwanzigsten Jahr das Dasein beschlossen, und geendet in seinen innigsten Beziehungen hinter ihr. Doch hatte sie die Schätze eines reinen Gewissens, der Geistesklarheit, und einer nun nicht mehr zu untergrabenden Ruhe aus dem Schiffbruch einer trüben Vergangenheit gerettet, und gelassen, klaglos und zufrieden widmete sie sich in stiller Geduld dem ganzen Umfang ihres Berufs, dankbar, dass Frau von Willfrieds Sanftmut und Erna's himmlische Güte ihren Pfad freundlich ebneten, indem beide ihren sittlichen Wert erkannten, und höher ehrten, als ihrer Bescheidenheit eigentlich gerecht schien.

Erna zählte erst sieben Jahr, als Auguste ihre Hausgenossin ward. Sie fühlte sich schnell mit herzlicher Liebe zu dem holden kind hingezogen, das schon früh in allen seinem Denken und Tun den Keim einer seltenen Vortrefflichkeit ahnen liess, und es ward