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seltenen Erscheinungen gehörte, wenn hie und da die schnell wieder vom dichten Faltenwurf verdeckte Spitze ihres Schuhs sichtbar wurde, und er hatte schon öfters im Stillen die boshafte Vormutung gehegt, dass die natur sie in diesem Punkt stiefmütterlich behandelt haben müsse, weil er nicht begreifen konnte, dass Sittsamkeit in einem weiblichen Gemüt die Oberhand über Eitelkeit und Sucht zu glänzen behaupten könne.

Wie verwundert wurde er daher, als er bei'm ersten blick der errötenden Erna den Verdacht in Gedanken abbitten musste, dass sie, wie so viele ihres Geschlechts, ohne die mindesten Kosten aufgrossem Fuss lebe.

Niemals hatte er so zart geformte, so gleichsam in leiser Anmut schwebend auftretende Füsschen gesehen, wie die ihrigen. Sie schien in den zierlich geschnürten Stiefeln kaum den Boden zu berühren. Das sammtne Barret, von hohen Federn umschwankt, gab dem allzubescheidenen, zu sehr an Verschüchterung gränzenden Ausdruck ihrer Züge etwas Kühnes, das ihr wohl stand, und das eng sich anschmiegende Kleid, dessen lebhafte Farbe günstig auf das bleiche Gesicht wirkte, verriet eine Körperform, der nur noch etwas mehr Fülle fehlte, um vollkommen zu sein.

X

Mit wohlgefälligem Lächeln verweilten Mutter und Tante auf der so vorteilhaft veränderten Gestalt, und nachdem Frau von Willfried Alexandern aufs dringendste empfohlen hatte, doch ja ihr geliebtes Kind sorgsam vor allen Schaden zu hüten, und es als ein heiliges, seiner Vorsicht anvertrautes Pfand zu betrachten, begann der praktische Unterricht.

Doch schon im allerersten Anfang zeigte sich eine Schwierigkeit. An die Galanterie der grossen Welt gewöhnt, die er sich gleichsam wie seine andere natur angeeignet hatte, hielt Alexander, wie er bei den Schönen der Residenz gewohnt war, seine Hand hin, damit Erna sie als Schemel betrachten, und von ihr sich in den Sattel schwingen möchte.

Das blöde Kind weigerte sich aber standhaft, dies zu tun, und zwar mit einer Festigkeit, die sehr von ihrer gewöhnlichen still resignirten Nachgiebigkeit abwich. Vergebens versicherte er ihr, dass das so Sitte, und für sie das Bequemste sei. Ihr ohnehin beklommener Zustand wurde durch sein Zureden nur noch peinlicher, aber dennoch errang er diesmal nicht den Sieg über ihren festen Willen, und bewegt stand er am Ende ab von seinem Begehren, als Erna mit Tränen in den Augen sagte: "Wie könnt' ich jemals mich entschliessen, auf die Hand zu treten, als sei sie fühlloser Stein, die sich so gütig für mein Vergnügen bemüht." Gerührt über den wohlwollenden Sinn ihrer Weigerung, dem vielleicht auchihr selbst unbewusstein dunkles Gefühl von mädchenhafter Scheu mit zum grund lag, drang er nicht mehr in sie, sondern umfasste ehrerbietig ihre schlanke Gestalt, sie aufs Ross zu heben.

Es am Zügel führend, und ihr nun die Regeln aus einander setzend, durch welche es sich am sichersten leiten und beherrschen lasse, fühlte Erna ihre Bangigkeit allgemach verschwinden. Mit Freudestrahlenden Augen, über alle bleiche Angst nun erhaben, schaute sie auf ihren Lehrer herab, und dann wieder rings um sich her, kindlich froh und stolz, die Welt gleichsam zu ihren Füssen erblickend. Zum erstenmal in ihrem Leben drang das Bewusstsein eigner Kraft, die sie bisher nur im Dulden und Tragen geübt hatte, in ihr Gemüt, und es schien ihr in dem heitern Traum ihrer Macht, als entwickele sich jede Bewegung des muntern Tieres, welches sie trug, aus ihrer Willkühr, die es regierte. Sie hörte wenig von dem, was Alexander sagtesie sah nur die liebliche Bewegung seiner blühenden Lippennur den Glanz der fröhlichen Augen, diewie eine selig in ihr dämmernde Ahnung ihr sagtedie Planeten waren bestimmt ihrer künftigen Lebensbahn zu leuchten.

Wirklich wäre es schwer gewesen, so vieler männlicher Schönheit und Anmut, wie in Alexandern sich vereinigte, den Preis der Vollendung abzustreiten, den selbst ein unparteiisches Urteil, wie nicht vielmehr ein von dem Zauber der ersten Liebe befangenes Herz ihm zugestehen musste. Er war, wie Aeschylos so charakteristisch von einem seiner Helden sagt: ein Jünglingsmann. Alle einschmeichlenden Reize der Jugend, verbunden mit der Würde und Sicherheit des Mannes schmückten mit strahlendem Nimbus sein Wesen, und flössten auch denen, die um die Entweihung seines inneren Lebens wussten, das lebhafteste Interesse für seine der natur und der Weltbildung so glücklich gelungene Aussenseite ein.

Dass Erna's blick, der die Untiefen des menschlichen Herzens zu durchschauen, noch nicht geübt war, da, wo glatter Schimmer ihr entgegen trat, den Spiegel hehrer Seelenreinheit, und wo schlaue Verstellung sich Täuschungen erlaubte, die Lauterkeit eines unverdorbenen, ihrer achtung würdigen Gemüts wahrnahm, lag in der Unerfahrenheit ihrer Unschuld, die noch nicht durch Menschenkenntnis getrübt, von sich selbst auf andere schloss. Im tiefsten Herzen vernahm sie den Ruf der ersten Liebe. Alles was bisher ihr Leben beschäftigt und ausgefüllt hatte, erblich vor der allmächtigen Flamme, die in ihr aufzulodern begannihre ganze Vergangenheit schwand in Dämmerung wie ein Traum, aus dem sie nur eben erst zur Wirklichkeit erwacht schiendunkle, aber selige Hoffnungen regten sich in ihrem Busen, und es zogen Anklänge des Gefühls durch ihr süss erschüttertes Wesen, als gingen sie von einer Sphärenmusik aus, die aus dem Heiligsten der Himmel niederwallte.

XI

Sehr zufrieden mit der Gelehrigkeit seiner holden Schülerin endigte Alexander die erste Lection schnell, um ihre Kräfte so wenig wie ihre Geduld zu ermüden.

Am folgenden Tag aber begann der Unterricht von neuen, und Erna sass bereits so fest im Sattel, wusste