sie zum Ausruhen vermocht, nicht der Kampf mit dem nahenden tod sie auf das Sterbebette hingestreckt.
Da trat Auguste zu ihr hinein. Zärtlich forschte sie mit einer fast mütterlichen Sorgsamkeit nach Erna's momentanem Zustand, leitete dann von den Blumen, die Alexander's Gabe waren, die Rede auf ihn selbst, und fragte sanft, ob sie, wenn er wünsche, sie zu sehen, ihm wohl einen kurzen Besuch gestatten wolle?
Erna wurde sichtbar durch diese Frage erschüttert. Sie richtete sich auf – ein freudiger Schrecken zitterte bei'm Klange des geliebten Namens durch alle ihre Nerven, und in ihren Zügen schimmerte die selige Verklärung des Danks zu Gott über die Möglichkeit, ihn noch einmal zu sehen, die sie still gewünscht, aber nie gehofft, und noch weniger jemals ausgesprochen hatte.
O, wenn er vielleicht hier ist, so säume nicht, ihn mir zu bringen! sagte sie. Meine Augenblicke sind gezählt, und mehr als irgend ein Mensch ahnen kann, sehen' ich mich, ihn noch einmal zu sprechen.
Als Alexander diese Worte vernahm, konnte er sich nicht länger zurückhalten. Er öffnete die Tür, die ihn von ihr trennte, und warf sich stumm an ihrem Lager nieder, ihre Hand mit seinen Küssen und Tränen bedeckend.
Erna schaute ihn an mit einem Blicke, in dem ihre ganze Seele lag. So sehe ich Dich doch noch einmal wieder, ehe ich sterbe, sprach sie, und in himmlischer Ruhe des Bewusstseins, das mir durch keinen Vorwurf diesen heiligen Moment verbittert. Denn dass ich Dich geliebt habe – Dich allein auf Erden – das wird Gott verzeihen, da ich mutig strebte, mich rein zu erhalten im Kampfe zwischen Neigung und Pflicht. Mein Alexander! So dicht an der dunkeln Pforte stehend, die hinüber führt ins Land der Vergeltung, wo jedes schwere Opfer sich belohnt, und wo ich nicht vor mir selbst zu erschrecken brauche, oder vor dem, dessen Rechte ich gekränkt haben würde, hätt' ich meinem Herzen gefolgt – da darf ich Dir es frei bekennen, dass Du der Abgott meiner Seele warst, dass mein erstes, erwachendes Gefühl, so wie das letzte, das nun bald der Tod verlöscht, nur D i c h umfasste. Und auch jenseits noch! Ja, fest, wie ich an die Fortdauer eines höheren Daseins glaube, glaube' ich auch an die Dauer einer Liebe, in der allein ich erst, als sie mir klar wurde, die ganze Tiefe meines Wesens, den ganzen Umfang meiner geistigen Kraft erkannte.
Starr vor sich niederblickend, betäubt durch den wonnevollen Schmerz dieses Geständnisses am rand des Grabes, das, die Geliebte zu verschlingen, sich bereits geöffnet hatte, hörte Alexander ihr zu.
So geh voran, Du Himmlische! da uns hienieden das Glück nicht lächeln wollte, sprach er, geh voran in eine bessere Heimat – ich folge Dir bald!
Da ergriff Erna mit unbeschreiblicher Zärtlichkeit seine Hand, und drückte sie fest an das immer schwerer schlagende Herz. Ja, ich gehe voran, und werde Deiner warten, sagte sie; aber gelobe mir, mein Geliebter, mir nicht eher zu folgen, ehe G o t t e s W i l l e , nicht der rasche Entschluss des Lebensüberdrusses und der Verzweiflung, Dein Ziel steckt.
Alexander beugte sich herab auf ihre Hand, und flüsterte leise, in seinem Schmerz verloren: Du willst es – ich werde Dir gehorchen.
Und nun lass uns scheiden! fuhr sie fort. Trage das Leben, wie ein Mann, und gedenke oft dieser Stunde, der ersten und zugleich der letzten, die das Band meiner Zunge lösete, und mir gestattete, Dir zu bekennen, wie teuer Du mir bist. Und wenn dereinst – ach, das Schicksal hat kein Mutterherz! – wenn meine Kinder – – noch sind sie unter der Obhut ihres Vaters, in dem Schutz, den ihnen die natur anwies; aber die Verhältnisse der Menschen sind so wechselnd und schwankend – wenn sie einst verlassen und einsam wären im engen kalten Leben, o dann, Alexander, liebe in ihnen ihre Mutter noch fort – nimm Dich ihrer an, sei ihr Freund, ihr Ratgeber, ihr zweiter Vater. – Betrachte sie immer als das heilige Vermächtnis Deiner Erna. Gelobst Du mir auch dies?
Er erwiderte: ich gelobe es!
Und nun empfange meinen letzten Abschiedsgruss, sprach sie, den innigen Segen eines Herzens, das Dich liebte bis in den Tod! Ich werde meinem Gatten nicht verhehlen, dass ich Dich sah, aber ungern möchte ich, dass er Dich hier fände. Denn erst mein Grab wird friedlich wieder vereinen, was das Leben so feindselig geschieden hat. Daher erhalte mir die ungestörte Stille, die ich bedarf, um mich zu sammeln, und mein Gemüt würdig zu dem feierlichen Schritte vorzubereiten, der mich aus dieser mangelhaften Welt in eine bessere führt.
Sie verhüllte bei diesen Worten ihr Antlitz, als wollte sie ihren Augen wehren, ihn länger anzuschauen. Noch einmal bebte der innige Druck ihrer Hand durch sein ganzes Wesen – dann winkte sie ihm zu, sich zu entfernen, und dumpf, in tonloser Betäubung, ohne sich dagegen aufzulehnen, oder irgend etwas zu erwiedern, folgte er gehorsam diesem stummen Befehle.
Und als am andern Morgen Benedikt wie gewöhnlich hingegangen war, nach dem Befinden der Kranken zu fragen, kam er wieder mit der Nachricht, die ihm Auguste erteilt hatte: I