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, und erreichte die Strasse, wo Erna wohnte. Er stellte sich ihrem Haus gegenüber, um sein ungestüm klopfendes Herz erst wieder zu einiger Ruhe zu zwingen. Tiefe Wehmut bemächtigte sich seiner, und lösete den tobenden Aufruhr seines inneren in mildes Zagen und Trauern auf. Achda schimmerte bleich das Licht, das ihre Leiden beschienvielleicht, dachte er, sind morgen schon diese Fenster dunkelunwiderstehlich trieb ihn dieser Gedanke an, zu e i l e n , und ohne auf die abmahnende stimme der überlegung zu hören, betrat er entschlossen die ihm heilige Schwelle.

Hier schien bereits des Todes grauenvolles Schweigen zu herrschen. Alles war öde und still, wie in einem grab. Vergebens sah er sich nach irgend einem menschlichen Wesen um, das Erna seine Nähe hätte verkünden können, denn er befürchtete mit Recht das Nachteilige einer plötzlichen Ueberraschung bei ihrer Schwäche. Endlich trat Auguste leisen Schrittes aus einem der Gemächer.

Erschrocken, als habe sie ein Gespenst erblickt, fuhr sie zurück als sie ihn erkannte. Sie hier? flüsterte sie bebend, und vermochte nichts weiter zu sagen; denn mit furchtbarem Ernst und völlig entschieden, seinen Willen durchzusetzen, trat Alexander ihr näher.

Ja, ich bin hier, sprach er, mit dem Rechte, das der Schmerz mir gibt. Ich muss Erna noch einmal sehen. Bringen Sie, ich beschwöre Sie darum, bringen Sie mich nicht um den unersetzlichen Moment des letzten Abschieds, wie Ihr unversöhnlicher Groll mich einst um das ganze Glück meines Lebens brachte! Ich möchte' es Ihnen jetzt schwerer verzeihen, als damals, und es ist gefährlich, dem Verzweifelnden eine Bitte zu verweigern.

Sie sollen sie sehen, erwiderte Auguste in einem milden, begütigenden Tone; denn teils ergriff sein Anblick sie in der wilden Verworrenheit des Sinnes, in der er vor ihr stand, mit grausenerregender Ahnung dessen, was er in dieser Stimmung fähig sei, teils wollte sie so dicht vor dem Gemach der Kranken jede lautere Aeusserung verhüten.

Sie drängte ihn daher in ihr Zimmer, wo sie noch immer zitternd, ihn, sich erst zu fassen und zu erholen, bat.

Doch Alexander wehrte heftig das sanfte Zureden ab, mit dem sie ihn zu beruhigen suchte. Ihre Beredsamkeit, sagte er bitter, vermag nichts über m i c h . Schlimm genug, dass diese einst Erna von dem Wege verlockte, auf dem sie glücklich geworden wäre, und glücklich gemacht hätte. Dochdas ist vorüberaber sparen Sie das gleissnerische Bemühen, mich vielleicht anderen Sinnes machen zu wollendie Augenblicke sind kostbarführen Sie mich hin zu Erna!

Da ermannte sich Auguste. Dass ruhige Vernunft, und der heisse Wunsch, eine würdige Wahl möge das los meiner Freundin sichern, s t r e n g e r über Sie urteilte, als d i e L i e b e , die ich nicht mehr in Erna's Brust ahnete, da sie sich in tiefer Verschlossenheit bargist das ein Verbrechen, das Sie so hart zu rügen berechtigt sind? fragte sie. Sie können Ihr früheres Betragen nicht entschuldigen, und es war nur die gerechte Nemesis, die Ihre Strafe dictirte. M i c h trifft kein Vorwurf als der, dass ich nicht an die Besserung eines Menschen glaubte, dessen Ruf eben so nachteilig, als früher seine eigenen Geständnisse, von seiner tiefen Verdorbenheit sprach. Doch lassen wir das! Hab ich geirrt, indem ich strebte, Erna's Schicksal die Richtung zu geben, ach, so büsse ich hart genug durch den Anblick ihres Vergehens, der mir bitterer ist, als der eigene Tod mir wäre!

Der Tränenstrom, der bei diesen Worten ihren Augen entstürzte, besänftigte Alexandern einigermassen. Doch sagte er nichts, sie zu trösten und aufzurichten, sondern erneuerte ungestüm sein schon früher ausgesprochenes Verlangen.

Sie werden gewiss der Schonung, die die Leidende bedarf, nicht Ihre Wünsche unbedingt voransetzen, antwortete Auguste. Ihr Anblick, erschien er ihr unerwartet, könnte leicht den ohnehin nur noch matt glimmenden Funken ihres Lebens verlöschen. Daher, wenn es Ihnen nicht genügt, sie durch die Glastür eines Nebenzimmers zu sehen, muss ich Erna durchaus erst vorbereiten.

Alexander beschwor sie, nicht damit zu zögern. Sie öffnete also einen Allcoven, der an das Krankenzimmer stiess, und hiess ihn behutsam eintreten. Leise verschob sie die seidene Gardine von der Glastür, die ihn nur noch von Erna schied, und er erblickte sie dicht neben sich auf ihrem Lager.

XX

Das lang entbehrte Glück ihrer Nähe, ach, wie hob es seine Brust in schmerzlichen Atemzügenwie drängte seine ganze sehnsucht sich ihr entgegen, die in unbewusster Ruhe sein gedachte, ohne zu ahnen, wie dicht sein Herz neben dem ihrigen schlug.

Still in ihren Leiden, in mondheller Blässe lag sie da, in den gefalteten Lilienhänden die Blumen haltend, die er ihr gesendet hatte. Sie war abgezehrt, aber nicht entstellt. Denn ihr Wesen schien frei von der Angst, der sonst sterbliche Naturen am rand ihres Daseins unterliegen, und tiefer Friede drückte sich in dem Scheideblick aus, mit dem sie noch auf dem dahin schwindenden Leben verweilte. Träumen süsser Erinnerung hingegeben, erhob sie oft ihr sanftes Auge, und es war, als ob das Anschauen der Welt, die sich in ihrem inneren bewegte, ihren Blicken höheren Glanz, ihrem Lächeln innigere Freudigkeit verliehe. Völlig angekleidet, schien es, als habe nur eine tiefe Ermattung