1820_Ahlefeld_001_64.txt

momentane Freude auf ihrem Krankenbette gewähren könne.

Wie gern hätte er, da er auf andere Weise gezwungen war, gegen sie zu verstummen, die Blumensprache des Orients jetzt benutzen mögen, um in dem Strauss, den er für sie band, seinen Schmerz und seine sehnsucht auszusprechen, aber zartere Rücksichten, als die gegen sich selbst, liessen ihn unter der Menge nur die wählen, deren milderer Duft nicht narcotisch auf ihre ergriffenen Nerven zu wirken drohte. Einige so schöne Rosen, wie sie kaum der reichste Sommer erzieht, verbunden mit Erna's Lieblingsblume, der unscheinbaren, aber Erquickung ausströmenden Reseda, waren am Ende alles, was seine Vorsicht nach einer strengen Prüfung nicht verwarf.

Er trug seine Gabe zur Gräfin, die die einzige Vermittlerin war, durch deren hülfe er hoffen durfte, sie in Erna's hände zu bringen, und er fand siegerührt durch die beklommene Angst seines Herzens, die sich in jedem Worte, in jedem Seufzer verrietsogleich willig, seinen Auftrag zu übernehmen. Er küsste die Blumen zum Abschied, die nun bald an ihrem Busen duften sollten, und schämte sich der männlichen Träne nicht, die auf sie herabrollte. Bewegt nahm die Gräfin sie aus seiner Hand. Sie geben Ihren Rosen, was ihnen noch fehlte, sagte sie, auf die Tränen deutend; das ist der Morgentau, den kein Treibhaus erzeugt. Ja, versetzte er dumpf und leise, d e r Morgentau, der der Verkündiger eines ewigen Schmerzes ist.

Nicht mehr erschüttert von dem Wechselfieber banger Furcht und tröstender Hoffnung, wie früher, erwartete er die Zurückkunft der treuen Freundin; denn er wusste wohl, sie hatte ihm nur die Bestätigung seiner bangen Ahnung, nur die traurigste Gewissheit des nahenden Verlustes, der ihm drohte, zu bringen.

Gleichwohl konnte seine Phantasie, durch inneres Grauen vor diesem Schreckenbilde geschützt, sich Erna's Tod nicht, als so bald erfolgend, ausmalen, dass nicht noch manche Kunde von ihr die letzten Lichtstrahlen in sein dann verdunkeltes Leben zu werfen vermöchte.

Als daher die Gräfin, in Tränen gebadet, zurückkehrte, und durch die lakonischen Worte: nun hab ich Erna zum letztenmal gesehen! die Wurzel so wie den Gipfel alles Seins in ihm tödtend zerschnitt, da war ihm, als habe er zum erstenmal in die Ruinen seiner Zukunft geblicktals sei die dürre Wüste seines Lebens ohne s i e jetzt erst in ihrer ganzen schrecklichen Einsamkeit vor ihm geöffnet worden.

Teilnehmend suchte die Gräfin ihn zurückzuhalten, als er hinwegstrebte, aber umsonst. Musste sie selbst doch sich eingestehen, dass keine Besänftigung seines Kummers, keine Linderung seiner Angst in ihrer Macht stehe. Auch bedurfte ihr eigenes Gemüt der Ruhe, um sich von dem erschütternden Anblick der Leiden ihrer nun von den Aerzten aufgegebenen Freundin zu erholen. Daher liess sie ihn gehen, und er stürzte hinaus, und rannte, von den Furien eines wütenden Schmerzes gegeisselt, zweck- und sinnlos im Freien umher.

XIX

Es war ein trüber Novembertag. Voll melancholischen Ernstes senkte sich die schwer bewölkte Himmelsdecke, Nebel aushauchend, auf ihn herniederkein Sonnenstrahl durchdrang das Grau der Wolkenfinster und verödet, wie in seiner Seele, sah es rings umher in der natur aus.

Lange schweifte er, düster vor sich hinstarrend, umher, bis sein Weg sich dem Kirchhofe näherte, der aussen vor der Stadt in einem dunkeln Kranz von Flieder so manchen seiner Bekannten, seiner Freunde sogar, einschloss.

Da, im Innersten fast convulsivisch ergriffen, warf er sich auf einen Stein am Eingang nieder, und seine heisse Stirn an das kalte Gitter der Pforte lehnend, rief er verzweiflungsvoll aus: Also h i e r soll ich Dich künftig suchen, Dich, die Du wie ein schönes Meteor meinem armen Leben nur glühtest, um so früh zu erlöschen? Hier auf dem feuchten Kirchhof, in den frostigen Gewölben des Todes, in grässlicher Einsamkeit wird bald Deine wohnung sein! – –

Indem hallten traurig die langsamen Pulse der Abendglocke zu ihm herüber. Es war, als ob diese Töne seine Besinnung weckten, seinen Geist ermutigten, und einen Entschluss in ihm aufriefen, den er fasste, als sei er ihm von oben eingegeben.

Noch lebt sie, sprach er zu sich selbst, und was heute noch nicht unmöglich ist, sie zum letztenmal zu sehen, und den Abschiedsgruss des hinscheidenden Engels zu empfangen, wehrt mir bereits der nächste Morgen, der vielleicht schon über ihrer Leiche aufgeht. Alle Bedenklichkeiten, die die Spannung zwischen Linovsky und ihm seinem Wunsch entgegenstellten, alle Hindernisse, die den ungestörten Augenblick, nach dem er sich sehnte, zu unterbrechen drohten – – sonst ihm so wichtig und zurückstossend scheinendkamen ihm jetzt leicht zu überwinden und nichtig vor.

Er raffte sich auf und ging. Ihm war, als habe der Vorsatz, sich zu ihr hinzudrängen, und sie, allen Schwierigkeiten zum Trotz, wieder zu sehen, sei es auch z u m l e t z t e n m a l e , die Welt um ihn her verändertals knüpfe ihn wieder ein glühender Anteil an die Erde, als wehe eine andere Lebensluft als vorher, neuen Mut und neue Kraft in seine ermattete Seele.

Als er in die Stadt zurückkehrte, hatte sich die Dämmerung bereits in Dunkelheit verwandelt. Wie Mistöne, die seinen Schmerz verhöhnten, drang das Kutschengerassel der zerstreuungssüchtigen Menge, die dem Teater zueilte, in sein Ohr. Mühsam wand er sich hindurch