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er nach einer quaalvoll durchseufzten Stunde den Wagen der Gräfin zurückkommen.

Er trat ihr bis ins Vorzimmer entgegen, aber dort, wo er sie von ihren Leuten umgeben fand, durfte er sich keine andere Frage erlauben, als die, die sein forschender blick an ihre schmerzlich ergriffenen Züge und an die Spuren der Tränen tat, die er in ihren Augen bemerkte.

Endlich waren sie allein, und nun warf sich die Gräfin erschöpft und weinend in den Sopha.

Es ergreift mit doppelter Gewalt, wenn man Menschen, die sonst stets die scherzhafte Seite des Daseins auffassen, und nur dem Frohsinn und dem lachen sich gewidmet haben, plötzlich von tiefer Betrübnis durchdrungen sieht. Wie um so heftiger erschütterte es jetzt Alexandern, die Gräfin so zu erblikken, da ihr Schmerz ihm auch ohne Worte das Todesurteil der Geliebten zu verkünden schien.

Reden Sie, rief er mit dem Ungestüm der namenlosesten Seelenmarter, sprechen Sie das Entsetzliche nur aus! Ernaich ahne esist verlorensie ist tot.

Nein, versetzte die Gräfin, sich sammelnd, noch ist sie es nicht, aber bald, fürchte ich, wird die Vermutung Ihrer Furcht wie eine prophetische Weissagung sich bestätigen. Ich habe sie sehr krank gefunden, und wie sie im Leben ein holdes Beispiel der Tugend war, so könnte man auch jetzt von ihr zu sterben lernen.

Sie erzählte ihm nun, dass Erna von einem schleichenden Fieber ergriffen, in einem Zustande der äussersten Ermattung sich befinde, der dem arzt wenig Hoffnung, sie zu retten, gebe. Nur noch der Schatten ihrer ehemaligen Gestalt, sei sie auch in der Blässe des nahenden Todes durch ihre sanfte Geduld, ihre fromme Ergebung noch immer eine der anmutigsten, herzgewinnendsten Erscheinungen, die, nicht vom Farbenschmelz der äusseren Blüte abhängig, den Stempel einer höheren Abkunft in den verklärten Zügen tragend, flüchtig über die Erde hinweg der besseren Heimat entgegen schweben. Linovsky behandele sie jetzt mit zarter Schonung. Sein düsterer Gram spreche deutlich die sorge aus, sie zu verlieren, und Erna begegne seinem achtungsvollen Betragen mit aller Dankbarkeit eines liebenden, mit aller Milde eines versöhnten Gemüts. So freundlich sie aber auch ihren Besuch aufgenommen habe, so sei sie doch aufrichtig genug gewesen, ihr die Bitte auszusprechen, ihn nur äusserst selten zu wiederholen, da eine durch keines Fremden Dazwischentreten gestörte Einsamkeit die einzige Bedingung der Ruhe und Zufriedenheit ihres Gatten sei.

Dieser Nachsatz erhöhte Alexander's Schmerz, denn ach, galt dieser Wunsch schon der Freundin, wie um so viel weiter musste er i h n von ihr verbannen, i h n , den in Linovsky's Augen eine so schwere Schuld belastete, der als der Störer seines häuslichen Glücks in so tiefem Schatten vor seiner Seele stand! Je leidender er sie wusste, je mächtiger fühlte er sich hingezogen zu dem Kreise, wo sie lebte und litt, und der schauderhafte Gedanke der Möglichkeit, ja sogar der Wahrscheinlichkeit, um nicht Gewissheit zu sagen, sie für immer zu verlieren, kämpfte mit schmerzlicher Gewalt mit allen den Hindernissen, die sich dem kühnen Wagstück, sie noch einmal zu sehen, entgegen stellten.

Doch, sich den Vielen anzuschliessen, die wenigstens durch Nachfragen nach ihrem Befinden eine bloss conventionelle Teilnahme ausdrückten, konnte ihm selbst Linovsky's feindselige Gesinnung nicht wehren, und er war überzeugt, dass selbst der Groll seiner Eifersucht in diesen, ach seine sehnsucht so drückenden Schranken, die er sich anwies, die gesetz der Höflichkeit ehren müsse, die eine solche bescheidene Aeusserung des wärmsten Anteils wenigstens zu dulden ihn verpflichteten.

Jeden Morgen musste daher der treue Benedikt hingehen, um im Namen seines Herrn die sorgsamste Kunde einzuziehen, wie sie die Nacht zugebracht habe, und ob noch kein Schimmer von Genesung die dunkeln Wolken seiner Furcht erhelle. Aber achjeden Morgen kam er wieder, ihm durch die Nachricht, dass die Kranke immer mehr dahin schwinde, den Pfeil des Schmerzes tiefer in die Brust zu stossen!

XVIII

So war der Späterbst herangekommen. Seine Stürme hatten die Haine entblättert, seine Regengüsse die Spuren der letzten Blumen hinweggetilgt, und öde und winterlich, wie in Alexander's Herzen, sah es ringsumher in der natur aus.

Ohne Zweck und Ziel, nur um der inneren Angst zu entrinnen, oder vielmehr um sie zu betäuben, rannte er zuweilen stundenlang durch die Strassen, und so führte ihn der Zufall auch einst an ein Gewächshaus vorüber, hinter dessen hohen Glasfenstern sich die bunteste Blütenfülle des Sommers vor dem zerstörenden Einfluss des Frostes geflüchtet zu haben schien.

Wehmütig, wie die Träume einer längst verschwundenen Kindheit, begrüsste ihn bei diesem Anblick seine alte Neigung zu der Pflanzenwelt wieder, und er trat hinein, durch die Magie der Unschuld, die unsichtbar im zarten Duft der Blumen weht, die schwarzen Geister der Schwermut in seiner Seele zu beschwören.

Wirklich erheiterte es ihn für Momente, wie durch die Berührung eines Zauberstabs, der rauhen Jahrszeit entrückt und mitten in den reichsten Ueberfluss einer wärmeren Zone sich versetzt zu sehen.

Gleich alten, ihm lange aus den Augen entschwundenen Bekannten lächelte er dem reichen Kranze zu, der von blühenden Stauden und Blumen sich um ihn schloss, und wie jeder seiner Gedanken mit dem an Erna verschmolzen war, und selbst die heterogensten Gegenstände ihn an sie erinnerten, so gedachte er auch hier bei dem frischen, kraftvollen Leben, das rings um ihn her grünte und duftete, an sie, die FrühVerwelkende, der vielleicht eine sorgsam getroffene Auswahl unter diesen Blumen eine