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unstät bemüht, die Zeit bis zu ihrer Erfüllung so gut wie möglich zu tödten und zu kürzen, nahm sich Alexander eines Tages vor, zur Gräfin zu gehen.

Zwar hatte ihr Umgang eben keinen sonderlichen Reiz für ihn, da ihre Heiterkeit nicht kindlich spielend, wie er es an Frauen liebte, sondern oft stechend und durch Ironie verwundend war; aber die Hoffnung zog ihn mit magnetischer Kraft zu ihr hin, vielleicht bei ihr ein Wort von Erna zu hören. Denn es schien ihm, als sei er jetzt auf einem Punkt gekommen, wo er nun nicht länger Nachricht von ihr entbehren könne.

Er begegnete, als er sich zu ihr begeben wollte, unter dem Portal des Hauses Frau von Lahnberg mit ihrer Tochter, die eben von ihr kamen, und ihn mit vielen freundlich sein sollenden Verzerrungen ihrer ohnehin nicht lieblichen Gesichtszüge becomplimentirten.

Durch Combinationen und Nachforschungen war er nach und nach dahinter gekommen, dass der bittere Verdrus, den ihm einst Mariane, seinen Erna geschenkten Rhododendron und die Daphne an der Brust, bereitete, nur durch ein Gewebe boshafter Lügen entstanden sei, wodurch ihre Misgunst den reichen und blühenden Bewerber von Erna ab, und wo möglich auf sich zu lenken strebte, indem sie jene Blumen, so wie das Geheimnis ihrer Herkunft bloss ihrer Zudringlichkeit, nicht Erna's Geringschätzung seiner Gabe verdankte.

Seitdem hatte er weder Mutter noch Tochter eines Wortes wieder gewürdigt, und mit kalter Höflichkeit ihre zuvorkommende Begrüssung erwiedernd, ging er auch jetzt stumm an ihnen vorüber.

Wie erstaunte er aber, als er die Gräfin in der lebhaftesten Gemütsbewegung, und zugleich im Begriff, auszugehen fand.

Ah, sind Sie es? rief sie ihm entgegen, nun Gott sei Dank, so erhalte ich wohl früher als durch mich selbst Aufschluss über die rätselhaften begebenheiten, die mich quälen, und an die ich nicht eher glauben kann, bis ich sie auf eine Art bestätigt höre, die mir keinen Zweifel mehr gestattet. Was macht Erna?

Das eben glaubt' ich von Ihnen zu erfahren, erwiderte Alexander, i c h sah sie lange nicht.

Und auf welche Weise sahen Sie sie zuletzt? unterbrach ihn die Gräfin, ihre heftig gereizte Lebhaftigkeit nicht mehr im Zaume haltend. Man sagt, wie mir eben Lahnbergs erzählten, dass Linovsky sie kürzlich in einem tête à tête mit einem Liebhaber überrascht, und sogar entdeckt habe, dass sein unschuldiger dreijähriger Knabe bereits als Postillon d'amour gebraucht worden seidass er, Mutter und Kind mishandelnd, auf Scheidung sinne, und öffentlich dem fluche, der, das heilige Recht der Freundschaft misbrauchend, ihm seinen Himmel stahl.

Wie vom Blitz getroffen, stand Alexander stumm und starr, bis er in namenlosem Schmerz erbebte. Denn nicht nur die Ruhe, auch den Ruf der angebeteten Frau verunglimpft zu sehen, die so engelrein vor seiner Seele stand, raubte ihm den letzten Rest des inneren Friedens, der sich auf den Glauben stützte, dass wenigstens der Schleier des tiefsten Geheimnisses, ihrem Zartgefühl so wohltätig, den Mangel ihres häuslichen Glücks bedecke.

M a n s a g t ! fuhr er stürmisch auf, dies heillose Wort ist die giftigste Natter des geselligen Lebens, der feige Hinterhalt der Verläumdung, die die eigenen Erfindungen unter dieser Aegide dreist verbreitet. Dass sehr Viele einem solchen: man sagt, blinden Glauben beimessen, wundert mich nicht. Aber wie konnten Sie, Gräfin, einem blossen feindseligen Gerücht Ihr Ohr leihen, und an Ihrer Freundin zweifeln?

Ich zweifele nicht an ihrem Wert, versetzte die Gräfin, aberungern spreche ich es vor einem Herrn der Schöpfung aus, was ein feiner Menschenkenner schon vor Jahrhunderten von der Mehrzahl meines Geschlechtes behauptete: Gebrechlichkeit, dein Nam' ist Weib! – Eine frühe Jugendliebe, die unter der Asche um so beharrlicher fortglimmt, da sie nicht in lichten Flammen auflodern durfte, eine misvergnügte Ehe, nur von der Vernunft, nicht vom Herzen geschlossengrundlose, und darum eben doppelt ermüdende, doppelt beleidigende Eifersucht, die der Gemarterten jeden freien Aufblick ins Leben wehrtalles dies kann wohl am Ende selbst einen Engel von seinen himmlischen Höhen auf eine glatte irrdische Bahn herabführen, auf der das Straucheln so leicht ist. Und so viel ist unbezweifelt wahr, dass man Erna sehr krank zur Stadt brachtefreilich unter dem Vorwand, dem arzt näher zu sein. Aber aus vielen einzelnen Umständen lässt sich doch mit Sicherheit auf ein Misverständnis, wo nicht auf eine gänzliche Entzweiung zwischen ihr und Linovsky schliessen.

Diese Nachricht beraubte Alexandern seiner ganzen Fassung. Die Maske indifferenten Gleichmuts, hinter welcher er strebte, zu verbergen, was in seiner Seele vorging, entfiel ihm, und weder die Glut seiner Neigung, noch seine Angst mehr verhehlend, beschwor er die Gräfin, nachdem er ihr den wahren Vorgang der Sache mitgeteilt hatte, ihm hülfreich zu sein, und ihm Kunde von Erna's wirklichem Zustande zu verschaffen.

eigentlich sollt' ich mich zu nichts verpflichten, sagte sie, da ich Ihr Vertrauen nur dem Schrecken und der Ueberraschung verdanke. Ich will es jedoch so genau nicht nehmen, und da mich selbst darnach verlangt, mich von dem Befinden der armen Kreuzträgerin zu überzeugen, so erwarten Sie hier meine Zurückkunft, und lassen Sie mich jetzt sogleich meinen schon früher gehabten Vorsatz, sie zu besuchen, ausführen.

Sie eilte bei diesen Worten hinweg, und allen Martern der Ungewisheit Preis gegeben, blieb Alexander zurück.

XVII

Zwischen Furcht und Hoffnung schwankend, hörte