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, als wolle er ihn nimmer wieder loslassen, schien es wirklich, als sei Linovsky dem Knaben ein Fremder, und als ruhe jetzt erst das liebende Kind am Busen seines Vaters.

Düster rief Linovsky den Kleinen von Alexander's Schoosse zu sich. Er gehorchte, aber nicht aus Neigung, sondern sichtbar nur aus Furcht vor dem Zorn, den er bereits in des Vaters Augen funkeln sah, und obgleich losgerissen von dem lieben, freundlichen Freund, blieben seine Blicke doch unverwandt mit dem seelenvollsten Ausdruck der zärtlichsten anhänglichkeit an ihm hängen, wenn auch Linovsky's arme, gleich einem beängstigenden Gefängnis, ihn umschlossen, und jede seiner Bewegungen hemmten.

Hast du mich lieb, mein Kind? flüsterte Linovsky zu dem goldenen Lockenkopf sich herabbeugend.

Ja, ach ja! antwortete der Kleine ängstlich. Erst die Mutter, hernach Norbeck, und dann Dich.

Linovsky erbleichte bei diesem naiven Geständnis. Zürnend setzte er den Knaben nieder, der sogleich wieder zu Alexandern zurückstrebte. Aber ihn heftig beim Arm fassend und seitwärts schleudernd, sprang jetzt der Vater, seiner Wut nicht mehr gebietend, auf.

Ich hätte gehofft, Du würdest mein Andenken lebendiger in des Kindes Herzen erhalten haben, sprach er nach einer Pause mit Bitterkeit zu Erna. Aber, was in Dir selbst augenscheinlich nur allzuschnell unterging, um neuen Gegenständen Platz zu machenwie könnte es eine festere Dauer in einem so zarten Gemüte finden, das von P f l i c h t und R e c h t noch keinen Begriff hat.

Erna's blasses Gesicht überzog sich mit einer flammenden Röte, aber sie schwieg, weil sie fühlte, jede Erklärung in diesem Augenblick, sei sie auch noch so rechtfertigend, könne den Zwist, den sie zu vermeiden suchte, nur um so schleuniger entzünden.

Sie rief den weinenden Otto zu sich, der durch die rauhe Begegnung seines Vaters aufs Gesicht gefallen war und blutete, und indem sie ihn, ohne Partei gegen Linovsky zu nehmen, tröstete, und die Schuld seines Fallens auf seine eigene Ungeschicklichkeit schob, band sie ein Tuch um seine verletzte Stirn, und schickte ihn fort zu Augusten.

Auch Alexander war aufgestanden. Sein Blut kochtealle bösen Geister des Zorns, der Rache und der Vertilgungssucht wachten blutdürstig in seinem Herzen auf, und sehnten sich, nicht bloss zu knirschen, sondern zu handeln. – Doch Erna's Anblick, die still in ihren Leiden den rührenden, Ruhe gebietenden blick auf seine herausfodernden Augen heftete, entwaffnete ihn wieder, aber er empfand, dass die schnellste Entfernung nötig sei, um sich in einer wenigstens dem Anschein nach friedlichen Stimmung zu erhalten.

Er griff daher nach seinem hut. Mit beleidigender Hast zog Linovsky bei diesem Zeichen des nahen Gehens an der Klingel, und befahl dem hereintretenden Bedienten, Herrn von Norbeck's Pferd vorzuführen. Hierauf ging er ohne Abschied in ein Nebenzimmer, wo er, die Tür hinter sich werfend, sich verschloss.

XV

Stumm stand Erna jetzt Alexandern gegenüber. Sein Gesicht brannte, von der Glut innerer Empörung gerötet, ein convulsivisches Zittern flog durch seinen ganzen Körper, und krampfhaft hatte er, ohne es selbst zu wissen, beide Fäuste geballt.

Da nahte ihm die Geliebte, dem Engel des Friedens gleichend, dessen blick Vergebung, dessen Lächeln Versöhnung ist, und seine starre Hand fassend und sie innig drückend rief sie ihn, durch dies noch nie vorher von ihr empfangene Zeichen ihrer Gunst, aus dem Schwefelpfuhl ohnmächtiger Wut wieder zur Besinnung und zur Besänftigung empor.

Sie konnte nicht sprechen, denn zu beklemmt war ihre Brust von dem Schmerz über die Kränkung, die er erlitten, vom Vorgefühl der nahen, unvermeidlichen, undwie die Weissagung ihres Herzens ihr zuflüsterte – e w i g e n Trennung, und von der dunkeln Perspective in die freudenlose Zukunft an der Seite eines rauhen, ungerechten Mannes, der nach dieser Scene das höchste Gut, das er bisher in ihr besessen, ihre achtung nämlich, verloren hatte.

Nach Fassung ringend, sah sie ihm lange unverwandt in die Augenda wurde ihr plötzlich leichterihre Blicke schimmerten, wie himmlische, trostverheissende Sterne, ehe sie in milden Tränen hintauten, und in diesen Tränen fand sie Linderung, fand sie sich selbst und ihre Kraft wieder.

Wir müssen uns trennen, mein teuerer Freund, sprach sie; denn kein Opfer darf mir zu schwer sein, wenn es die Beschwichtigung des Mannes gilt, dem ich mit allen seinen Fehlern nun einmal zugesellt und ihn zu ehren und zu schonen verpflichtet bin. Möchte das Vereinsamte meines künftigen Lebens durch die überzeugung erheitert werden, dass Sie auch mit Nachsicht auf diese Stunde zurückblicken, und ohne Groll aus einem Kreise scheiden wollen, in dem ich Ihnen ewig ein treues Andenken bewahre. Leben Sie wohl!

Sie ward immer bleichermit halb geschlossenen Augen senkte sich ihr blick vorwärtsAlexander fürchtete, dass eine Ohnmacht sie anwandle, und fing sie in seinen Armen auf. Da ruhte ihre kalte Wange einen flüchtigen Moment an seinem flammenden Antlitz, und seiner selbst nicht mehr mächtig, bis zur Verwegenheit berauscht von einem nie als möglich geträumten Glück, das so unmittelbar auf die tiefste Erschütterung der gehässigsten Gemütsbewegungen folgte, wagte er es, seine glühenden Lippen auf ihren Mund zu drücken.

Du liebst mich, Himmlische! rief er aus; o ich hab es immer geahnet, geglaubt, und mit allen Kräften meiner Seele gewünscht. Wie kann ich je verzagen, nun ich