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wir uns s o n s t hätten überlassen dürfen, die aber j e t z t der ernste Spruch der Verhältnisse uns auf ewig verbietet. Lassen Sie uns das Vergangene vergessen, oderdenn Unmögliches darf ich nicht fodernwenigstens nie wieder erwähnen. Kommen Sie zuweilen zu uns, doch mit der Vorsicht und Schonung, die das reizbare Gefühl meines Mannes verlangt, der sich so leicht in einer auch nur geahneten Beeinträchtigung seiner Rechte an mein ausschliessliches Wohlwollen verletzt sieht. Enge nur und häuslich, Wenigen geöffnet, ist unser Kreis, aber überwinden Sie, um völlig einheimisch in ihm zu werden, die Abneigung gegen Augusten, diewenn sie auch einst in ihrer Strenge zu weit gingdoch nur die beste Absicht hatte, die ja so oft menschlichen Irrtümern zum grund liegt. Dann werden wir Alle Ihr Hinzutreten zu uns als einen Gewinn betrachten, der aus Ihrer Bekanntschaft sich entwickelte, und ohne blick und Urteil von aussen, ohne den Vorwurf des inneren Richters zu scheuen, der auch das Verborgene prüft, dürfen wir teil an einander nehmen, und uns freuen, dass wir einander fanden, um uns nie wieder zu verlieren.

Und sollte der schöne Beruf, dem Sie Sich widmen, die Unabhängigkeit des Vaterlandes verteidigen zu wollen, Sie früher als sich dieser freundlich von mir entworfene Plan realisiren lässt, auf die Bahn kriegerischer Tätigkeit rufensolltedenn dunkel ist die Zukunftder blutige Lorbeer, den Sie zu brechen Sich sehnen, nur f a l l e n d Ihnen werden, mit Ihrem tod erkauftdann – o Alexander! das Leben ist vergänglich, aber e w i g b l e i b e n d das Höhere in der menschlichen Brustdann wird Ihre Freundin, Ihre Schwester Ihnen für den Rest der eigenen Tage, und noch weiter hinaus, ein treues und inniges Andenken bewahren.

XII

In der tiefsten Bewegung las Alexander diese Zeilen. Dann, in seine Loge zurückkehrend, und versunken in das Meer der vielfach in ihm aufgeregten Gefühle sich in einem Winkel derselben niedersetzend, ging das Geräusch um ihn her ihm verloren; denn es vermochte nicht seinen inneren Sinn zu berühren, da seine ganze Seele sich in den Gedanken an Erna und in ihren Anblick versenkt hatte.

Da sass sie ihm gegenüber, ruhig, streng, mit Würde sich behauptend, und in dem so leise atmenden Busen nagte verheerend jede Lebenskraft, der Wurm der Hoffnungslosigkeit, der Reue, der umsonst bekämpften Liebe.

So wenigstens erklärte er sich den Geist ihres briefes, der zugleich ihr Gemüt ihm aufschloss. Schon hienieden durch tausend Schmerzensstunden zum fleckenlosen Engel verklärt, konnte er sie nicht ohne einen leisen, aber jedes Gefühl veredelnden Schauer betrachten, und doch sprach seine sehnsucht glühender wie jemals, und die Welt schien ohne sie ihm ein weites Grab.

In ihrem Anschauen vertieft, das selbst bei dem Erbleichen ihrer sonst so strahlenden Schönheit durch den magischen Geist so anziehend war, der tief, doch still aus dem Innersten ins Innerste drang, überraschte es ihn, plötzlich mitten in der Vorstellung die tür ihrer Loge öffnen und ihr ein Billet überreichen zu sehen, das offenbar eine grosse Sensation bewirkte.

Erna hatte es nämlich kaum gelesen, als sie aufstand, einige Worte zu ihren Nachbarinnen sprach und dann in ihren Shawl sich hüllend verschwand.

Welche Ungeduld brannte in Alexander's Seele, ehe er erfuhr, ob eine Sendung trauriger oder gleichgültiger Art sie abgerufen. Waren ihre Kinder vielleicht plötzlich erkrankt? – Aber neindann würde die Ruhe, mit der sie schied, ihr nicht treu geblieben sein; denn in der Mutterliebe verriet ihr fest beherrschtes Wesen ja einzig, dass sie auch durch l e i d e n s c h a f t l i c h e Hingebung an das Leben geknüpft sei.

Sobald es mit einiger Schicklichkeit geschehen konnte, ohne sich allzusehr das Ansehen einer unberufenen Neugierde zu geben, trat Alexander in den Kreis, der mit ihrer Entfernung allen seinen Zauber verloren hatte, und indem er, den vor Augen gehabten Vorgang ignorirend, sich an die Gräfin wandte, fragte er, ob Frau von Linovsky vielleicht nicht wohl geworden sei, da er sie nicht mehr an ihrer Seite erblicke.

Ach nein, versetzte diese lächelnd, ihr ist ganz wohl, und ich kann mich unmöglich überwinden, das, was ihr begegnet ist, zu den Unannehmlichkeiten zu zählen, die uns zuweilen die üble Laune des Schicksals bietet. Ihr Herr und Gemahl benachrichtigte sie in einem Billet von der Ankunft eines Courriers, der ihn von Seiten seines Souverains nach **** zum Congress bescheidet, und schon diese Nacht auf unbestimmte Zeit abzureisen zwingt. Um daher noch der Ehegenossin die gehörigen Verhaltungsregeln vorzuschreiben, vielleicht ihren Kerker noch enger zu umgränzen, als da, wo sein Despotenauge seine Schranken bewacht, berief er sie schnurstracks nach haus. Ich wünsche ihm im geist eine glückliche Reise, und hoffe, man werde die gleichsam bisher von einem Drachen bewachte Dulderin nun endlich einmal in seiner Abwesenheit geniessen dürfen.

Diese Nachricht tat Alexandern wohl; denn nicht ohne bitteren Neid und Groll vermochte er auf Erna's reinem Hausaltare Linovsky'n als den Götzen zu erblicken, der jedes Opfer der Aufmerksamkeit und Unterwürfigkeit als ein Recht foderte, oder als eine Pflicht in Anspruch nahm.

Er verliess das Schauspielhaus; denn dunkle Entwürfe, Pläne und Träume drängten sich in ihm, und winkten ihn aus den Disharmonieen, die jetzt selbst der Wohllaut für ihn bildete