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Leben nur erst, geprüft und geläutert und seinen wahren Wert erkennend, ergreift, um es zu geniessen, die Schattenseite meiner Ansichten? Vergeben Sie mirnur die Hoffnung, ein besonnener, unserer würdige Umgang werde uns in reiner tadelloser Freundschaft einander nähern, konnte mich, die sonst gegen jedermann Verschlossene, so geschwätzig machen.

Und diese Hoffnung, die Sie nicht täuschen soll, da sie sich auf die Kraft meines Charakters und auf die Festigkeit meines Willens gründet, versetzte Alexander bewegt, verleiht mir das Recht, schon jetzt auszusprechen, dass die Wehmut Ihres Wesens ein Echo in meinem inneren findet, das der Schmerz geheiligt hat. Nicht der frohe, lebensmutige Jüngling steht vor Ihnen, den Sie einst in der Zeit seiner Verirrungen kannten, sondern der ernst gereifte Mann, der bis über die Gränze des irrdischen Lebens hinaus das Bild seiner verfehlten Wünsche als das Höchste sich bewahrt, was ihm das Dasein zu bieten vermochte. Glauben Sie, ich könnte noch hoffen? könnte vielleicht Plane entwerfen für die entblätterte Zukunft, die vor mir liegt, der arabischen Wüste gleich, in der kein Labequell rieselt, der brennenden Schwüle Erquickung zu versprechen?

Erna wurde sichtbar gerührt. Sie suchte abzubrechen, und schlug das schöne Auge aufwärts, wo mit lautem Geschrei eine Schaar Zugvögel über ihr dahinbraussten.

Seid mir gegrüsst in Euerer Höhe, Ihr geflügelten Pilger, die Ihr so fröhlich von dannen zieht, Euerem Süden entgegen! sagte sie. Ach, wer mit Euch reisen könnte, in das schöne Land, zu dem Ihr hinstrebt! –

Wünschen Sie das? fragte Alexander.

Nun ja, erwiderte sie verlegen, denn selten steht ja der Mensch auf einem Punkte, von dem er sich nicht hinwegsehnt. Doch sind es eigentlich nicht die irrdischen Fittige, nach denen ich verlangejene höheren dehnen sich in mir, als wollten sie die schwache Brust zersprengen, die empor tragen ins Land der Verheissung, zum Vater der Liebe.

Sie sah ihn bei diesen Worten so hell und klar an, als wolle sie seinen Sinn erheben, wie ihre ahnenden Hoffnungen. Alexander konnte nichts erwiederntränenschwer schlug er die Augen nieder, und wandte sich in die Einsamkeit, da in demselben Moment Menschen ihnen nahten, die seine Stimmung weder zu begreifen noch zu schonen verstanden.

XI

Es wurde ihm an diesem Tage keine einsame Minute der Unterhaltung mehr mit Erna. An den Spieltisch gepflanzt, musste er sich zwingen, seine Aufmerksamkeit für die geringfügigsten Dinge und für die unbedeutendsten Menschen, die an seiner Partie teil nahmen, wach zu erhalten, und nur selten durfte ein durstiger blick zu ihr hinüberstreifen, die ruhig und in der ganzen Würde und Hoheit ihres Charakters, mit alle der milden Güte, die ihr eigen war, die Pflichten der Wirtin im Allgemeinen ausübte, ohne sich scheinbar um Einzelne ihrer Gäste auszeichnend zu bekümmern.

Als nun die späten Abendstunden zur Trennung auffoderten, und Alexander zwischen Erna und einigen anderen Damen die Verabredung treffen hörte, morgen gemeinschaftlich die Oper besuchen zu wollen, wagte er mit dem leisen Wort des Abschiedes, das er ihr zuflüsterte, die Frage zu verbinden, ob er sich dann an sie anschliessen dürfe, umsei es auch im störendsten Gewühlsie wieder zu sehen?

Erna besann sich einen Augenblick in scheinbarer Unentschlossenheit, die eine liebliche Röte auf ihre bleichen Wangen trieb. Dann aber fasste sie sich, gleichsam in ihrem inneren die Kraft zu einem freien, nicht durch Convenienz bedungenen Entschluss auffindend, und indem sie freundlich sein Lebewohl erwiderte, setzte sie mit Würde hinzu, dass sie sich freuen werde, ihm dort zu begegnen.

In tiefes Nachdenken versunken, kehrte Alexander nach der Stadt zurück, und lange noch hielten ihn die ungebändigten Wünsche, Hoffnungen, Zweifel und Besorgnisse wach, die von Erna's Bild ausströmten, das seine Seele so lebhaft im innersten Heiligtum derselben trug.

Nein! so benimmt sich die Gleichgültigkeit nicht, rief er endlich aus, nachdem er unter unsäglichen Quaalen ihr ganzes Betragen gegen ihn durchgegangen war, und jedes ihrer Worte prüfend auf die bebende Wagschaale der Furcht und des Unglaubens erwogen hatte. Jener Funke, der am frühen Morgen ihrer Jugend in ihr Herz fiel, und später mir durch beleidigten Stolz und gekränkte Empfindlichkeit wiederum verlöscht schiener glimmt noch fort, von meiner Treue genährt, von meiner Ausdauer flammender als je ins Leben zurückgerufen. Und gewiss, mir sagen es die seligen Ahnungen, die meinen Busen schwellen, sie wird mich einst noch lieben, wie ich s i e liebeja sie liebt mich schon, und die Stunde ist nicht mehr fern, in der sie es mir bekennen wird.

Unglücklicher! fuhr er fort, als während einer langen Pause trübes Nachdenken wiederum die Blüten seiner Hoffnung zu knicken drohtewie darfst du zu erlangen träumen, was so hoch und unerreichbar über dir steht, dass selbst dein mächtigstes Streben sich nicht zu ihm emporschwingen kann? Vergebens sehnst du dich, den Tempel deines Glücks zu betreten, dessen Himmelsglanz dir trunken winktachSchreckenbilder bewachen seine Schwelle, und wehren dir den Eingang! Ihre Tugenden sind es, ihre Pflichten, denen sie ja das ganze blühende Dasein geopfert hatihnen wird sie auch Dich zum Opfer bringen und selbst als Opfer fallen!

Dumpfer Schmerz, wie er ihn niemals nagender empfunden, raubte ihm bei dieser Vorstellung fast die Besinnung, und um seine Marter noch zu erhöhen, trat wie der sichtbare Kakodämon seines Schicksals Linovsky's verhasste