Peitsche, Steckenpferd, Trommel und Bilderbuch, und was die bunte Mannichfaltigkeit des mitgebrachten Spielzeugs noch sonst entielt, schien die Wiederkehr des Freundes ihn zu entzücken, und diese seltene, uneigennützige anhänglichkeit, diese tiefe Innigkeit des Gefühls in einem kind, hatte etwas so unbeschreiblich Rührendes, dass es begreiflich war, Erna davon erschüttert zu sehen.
Auch Linovsky, stolz auf das Vatergefühl, das ihm dieser Knabe zueignete, bewährte durch eine immer milder sich Alexandern zuwendende Freundlichkeit die alte Erfahrung, dass nichts sicherer die Herzen der Eltern gewinnt, als das Wohlwollen, das man ihren Kindern schenkt.
Denn Alexander erwiderte so von ganzem Herzen die Liebkosungen des Kleinen, sprach sich so warm und unverholen über seine herrlichen Anlagen, über sein tiefes Gemüt aus, dass Linovsky erfreut, von den Lippen eines Fremden bestätigt zu hören, was die eigene überzeugung ihm oft zugeflüstert hatte, ein inniges Behagen an der Gerechtigkeit fand, die seinem Otto widerfuhr.
Da nun noch überdem Alexander's kühner, freier, vom Leben gehärteter, und vom Schmerz geläuterter Sinn sich streng innerhalb der Schranken einer Vorsicht erhielt, die das Mistrauen eher einzuwiegen als zu erwecken vermochte, indem er Erna durchaus keine andere Aufmerksamkeit erwies, als die, die die allgemeine Höflichkeit der Frau vom haus zu widmen pflegt, so schien es wirklich, als sei er Linovsky'n ein willkommener Gast, und indem er ihn bat, zum Abendessen zu bleiben, äusserte er zugleich recht verbindlich, dass es ihn freuen werde, ihn öfterer zu sehen.
Auguste hatte den eingeschlummerten Wunibald zu seiner Wiege getragen, und war nicht wiedergekehrt – ein Brief, der Linovsky'n gebracht wurde, nötigte ihn, sich auf eine Viertelstunde zu entfernen, um ihn zu beantworten – jetzt also fand sich Alexander mit Erna allein, da Otto, der schön wie ein Liebesgott zwischen beiden stand, seines zarten Alters wegen für keinen Zeugen zu rechnen war.
Gleichwohl herrschte ein tiefes Schweigen zwischen ihnen; denn zu voll gedrängten Gefühls waren diese Augenblicke, um den Anfang einer gleichgültigen Unterhaltung zuzulassen.
Da ermannte sich Erna, und indem sie aufstand und ans Fenster trat, bat sie ihn als einen erfahrenen Botaniker und Blumisten um Rat über die Behandlung eines erkrankten Myrtenbäumchens, das sie, trotz aller Pflege, zu verlieren fürchtete.
Er betrachtete es genau, und beugte sich tief zu ihm nieder, doch mehr, um die Bewegung zu verbergen, in der er war, als um seinen eigentlichen Zustand zu untersuchen. Eine unbeschreibliche Wehmut überfiel ihn im Bewusstsein verlorenen Lebensglücks. Es wird sich wieder erholen, sagte er dumpf. Denn w e l c h e Jugend hat nicht dürres Reis und welke Blüten – w e l c h e n Glücklichen hienieden sprosst d i e M y r t h e in ungestörter Heiterkeit? Ein wenig frische Erde wird ihm wohl tun – – in ihr liegt Heilkraft für alle Krankheiten. –
Da sah ihn Erna an mit einem blick, dessen reine klarheit, obwohl von Mitleid getrübt, ihn hoch empor über allen irrdischen Kummer hob. Wie Blumen Labung uns entgegenduften, so drang der goldene Frieden der Unschuld, ihn moralisch erquickend, aus ihrer Seele in die seine, und beschwichtigt schwiegen seine Schmerzen, als ihre sanfte Rede wie milder Balsam in seine Wunden floss.
Doch nur momentan dauerte diese linde Befriedigung seines inneren. Diese schwermütigen Aeusserungen habe ich nicht hervorrufen wollen, sagte sie mit freundlichem Ernst. Auch sind sie Ihrer natur eigentlich fremd, die sich ja immer zum Frohsinn hinneigte. Warum sollte sie ihn jetzt verläugnen? O halten Sie ihn fest – er ist eine so starke, sichere Stütze in den Stürmen des Lebens!
Tief erschüttert ergriff sie Alexander's dunkel glühender blick. Dieser Rat kommt von I h n e n ? antwortete er bitter. In der Tat, das muss mich befremden. Wollen Sie meines gemishandelten Gefühls noch spotten? Wer mir die Stütze r a u b t e – darf mir noch raten, sie festzuhalten?
Norbeck! ich beschwöre Sie, nicht diesen Ton! unterbrach ihn Erna. Er entfernt uns von dem Wege, auf dem ich gern neben Ihnen durchs Leben ginge, und auf dem allein ich es d a r f . Lassen Sie der Vergangenheit ihren Schleier, und ehren Sie gleich mir in allem, was er verhüllt, eine höhere Fügung, der der Mensch geduldig gehorchen muss.
Wie? rief Alexander aufs höchste aufgeregt, wollen Sie mich zur Gotteslästerung verleiten? Menschliche Willkühr, menschliche Unversöhnlichkeit soll ich, statt über ihre Härte mich zu beklagen, noch mit kindlicher Unterwerfung als einen Rat der Vorsehung betrachten, die a l l e ihre Geschöpfe z u m G l ü c k berief, und auch m i c h nicht ausgeschlossen haben würde, wäre die jugendliche Uebereilung meines so oft und bitter bereueten früheren Betragens einer mein ganzes Leben vergiftenden Strafe entgangen?
Ja, fuhr er fort, ich habe damals, als das Glück Ihres Besitzes mir zugedacht war, es für unverträglich mit den lockenden Freuden der Freiheit gehalten, in denen ich schwärmte, und die ich in törichter Verblendung für das höchste Gut auf Erden hielt – – ich habe unedle Mittel ergriffen, es von mir abzulehnen, indem ich selbst meinen moralischen Wert verkleinerte, um die überzeugung hervorzubringen, als sei mein Charakter unwürdig, es zu erlangen. Leichtsinn, Unbesonnenheit rissen mich hin – und in der damals noch unentwickelten Knospe konnte ich nicht ahnen, welche Blüte des himmels,