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gebietenden Verhältnisse es wollen, dass sie sich dann und wann einmal zeigt.

Um vielleicht eine schonende Hülle über die männliche Tirannei zu werfen, mit der seine Anmassungen fodern, dass sie n u r f ü r i h n , und für keinen Genuss des Daseins a u ss e r i h m lebe, bewog sie ihn, das Landhaus Sorgenfrei zu kaufen, dessen Lage ihr schon früher sehr gefallen.

Dort richtete sie sich häuslich ein, und so sehr auch die Nähe der Stadt einen ausgebreiteten Umgang begünstigen würde, so scheuchte doch bald die finstere Gemütsart ihres Gatten alle Besuchenden, vorzüglich männlichen Geschlechts, zurück, so dass immer vereinzelter, immer einsamer der stille Weg ihres Berufs sie von den Freuden der Welt entfernt, und bloss auf Mann und Kinder und Augusten beschränkt.

Selbst ich, die ich doch so oft in das Haus des *schen Gesandten kam, und sie daher genauer kenne, als die meisten Uebrigen der hiesigen Gesellschaft, sehe sie nur selten, weil ich es nicht verbergen kann, dass ich dem eigensüchtigen Menschen, der uns so viel Liebenswürdigkeit entzieht, um sie egoistisch ganz allein zu geniessen, recht von Herzen gram bin.

So klar nun auch ihr häusliches Leben scheint, dass man wähnt, in seine innersten Verhältnisse wie in einen Spiegel hineinschauen zu können, so will es mich doch selbst bei den nur höchst sparsamen Besuchen, die ich mir gestatte, dünken, als ob ein Wurm an ihrem inneren nage, den nur Frömmigkeit, Selbstbeherrschung und eine exemplarische Pflichterfüllung beschwichtigen. Aber ob Unzufriedenheit mit ihrer Lage, ob irgend eine geheime Neigung, oder körperliche Kränklichkeitan die ich zuweilen bei dem zu frühen Erbleichen ihrer frischen Jugendblüte wohl glaubedie Ursache istdas kann ich nicht entscheiden, da ihr kaltes, schroffes Schweigen auch dem teilnehmendsten Forscher nicht entgegen kommt.

Hat Erna vielleicht, fragte Alexander leise, ihrem Gemahl je gelegenheit gegeben, eifersüchtig zu sein!

Das nicht, erwiderte die Gräfin. Selbst die giftigste Verläumdung würde nicht im stand sein, auch nur einen Schein von Schuld auf ihren tadellosen Wandel zu werfen. Aber es geht ihm, wie dem Geizhals, der seinen köstlichen Diamant lieber in den Kasten verschliesst, als ihn im Strahl der Sonne schimmern lässt, weil er meint, als verlöre er durch das bunte Farbenspiel, das Andere entzückt, an seinem inneren Werte. Auguste ist die einzige person, deren Nähe um Erna der Mysantrop freundlich duldet, da sie ganz für ihn eingenommen ist, und sich auch gewiss willig als C e r b e r u s leihen würde, wenn es einer solchen Kreatur bedürfte, um ein E l i s i u m zu bewachen. Da aber dies Elisium sich durch eigene Strenge und Würde schützt, folglich nie für ihn zum Tartarus wird, so spielt sie statt der Rolle einer auflauernden Duenna nur die einer Freundin im haus.

VIII

Diese Skizze von Erna's Leben und Verhältnissen gab Alexandern reichen Stoff zum Nachdenken mit nach haus, und liess ihn zugleich Linovsky's frostigen Empfang nicht als individuelle Abneigung, sondern nur als eine allgemeine wirkung des unglücklichen Hanges zur Eifersucht erblicken, der sein Dasein trübte, undstatt ihn auszuzeichnen, ihn nur nicht a u s g e s c h l o s s e n hatte.

Dies flösste ihm Mut ein, eine Pflicht des Wohlstandes zu erfüllen, und sobald er sich nur völlig erholt hatte, durch einen Besuch in S o r g e n f r e i Erna sowohl als ihrem Gemahl zu zeigen, wie dankbar durchdrungen er von ihrer Höflichkeit und Güte sei.

Er wählte absichtlich dazu einen Nachmittag, um Linovsky nicht zu verfehlen, weil er seinem mistrauischen Sinn keinen Anlass zu dem Verdacht geben wollte, als habe er Erna irgend etwas allein zu sagen.

Die Familie befand sich auf der Hausflur, die an Eleganz mit den Zimmern wetteifernd, als ein solches gebraucht wurde. Um den Teetisch versammelt, an welchem Erna präsidirte, Otto neben ihr, der kleine Wunibald auf einem Kissen zu ihren Füssen liegend, Auguste mit Arbeit beschäftigt, und Linovsky ein Buch in der Hand, aus welchem er vorzulesen geschienen hatte, stellte die kleine Gruppe, die sein scharfes Auge schon in der Ferne durch die weit geöffneten Glastüren übersehen konnte, wirklich ein lieblich anziehendes Bild häuslicher Eintracht und häuslicher Freuden dar.

Als sein Wagen vorfuhr, und man ihn erkannte, stand Linovsky auf, ihm entgegenzugehen. Da Alexander ihm sogleich als hauptsächlichen Grund seines Kommens den vergeblichen Versuch anführte ihn in der Stadt aufzufinden, um ihm doch endlich persönlich auszudrücken, wie innig verbunden er sich ihm für seine gastfreie Aufnahme fühle, so war der Empfang weniger steif und kalt, als er befürchtet hatte. Wie erstaunte er aber, als er die Stufen heraufstieg, und Erna von ihrem Platz verschwunden sah. Eine leise Ahnung durchbebte sein Inneres, dass sein Anblick sie nicht deshalb verscheucht habe, weil er ihr gleichgültig sei.

Endlich kam sie wieder. Eine sanfte Röte hatte sich über ihre Wangen ergossensie war jedoch die einzige verräterische Andeutung eines aufgeregten Gemüts, denn wie immer tronte der Friede auf ihrer Stirn, die Ruhe in ihrem Lächeln. Teilnehmend, aber mit vorsichtiger Zurückhaltung, erkundigte sie sich nach seiner Gesundheit, freute sich, ihn wiederhergestellt zu sehen, und zog sich dann zu Augusten zurück, ihn dem ausschliesslichen Gespräch mit Linovsky überlassend.

Der kleine Otto hatte ihn mit stürmischer Freude begrüsst. Mehr noch als