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Aufmerksamkeit nun von seiner Entfernung abgezogen, sich zu i h r hingewandt hatte, und der, noch immer weinend, sich bemühte, an ihr emporzuklettern.

In diesem Augenblick, der ihn den letzten Ueberrest besonnener Fassung raubte, hieb der Kutscher zum Glück auf die Pferde, die ihn in raschen Trab von dannen zogen. Ihm war, als erwache er aus einem Traume, und als habe das Verhängnis die Zügel ergriffen, und lenke mit jener geheimnisvollen Macht, der nichts widersteht, ihn gerade in der Secunde vom rand des Abgrundes hinweg, in der er nahe daran war, sich selbst zu vergessen.

VII

Dass seine Gesundheit unter diesen neuen Erschütterungen litt, war natürlich. Sehr erschöpft und dumpf betäubt kam er in der Stadt an, und es dauerte mehrere Tage, ehe er von dem Stillstand auf dem Weg der Genesung sich zu weiterem Fortschreiten erholte.

Als er wieder einige Kraft gewann, sollte sein erster Besuch wirklich ein Opfer der Höflichkeit sein, und Linovsky gelten. Er freute sich, ihn nicht zu treffen, da er gern den Anblick des Beneidenswerten vermiedund doch zuckte es mit allen Regungen der bittersten Empfindlichkeit und der Eifersucht durch seine Seele, als man ihm sagte: er sei bereits nach seinem Landhausfolglich zu Ernazurückgekehrt.

Er beschloss nun, die ihm bestimmte Zeit der Gräfin zu widmen, und ging zu ihr. Noch hatte er niemand von seinen ehemaligen Bekannten begrüsst, und daher war seine Zurückkunft so verschwiegen geblieben, dass seine Erscheinung die Gräfin jetzt eben so überraschte, als erfreute.

Hilf Himmel! rief sie ihm entgegen, was für ein gespenstisches, wunderbares Wesen sind Sie doch geworden! So plötzlich und spurlos aus unserer Mitte zu verschwindenman weiss nicht wohin? – und eben so unerwartet wieder aufzutreten, man weiss nicht woher? – das ist ein Rätsel, das Sie mir durchaus lösen müssen, da mein eigener Scharfsinn es nicht vermag.

Alexander parirte als ein geübter Wortfechter die Stösse ab, mit denen ihre fragen seinem leicht verletzlichen inneren weh taten. Statt sie zu beantworten, bat er sie, da er in dem sonst so bekannten Kreise gewissermassen fremd durch seine lange Abwesenheit geworden sei, ihn wieder ein wenig zu orientiren, ehe er sich ihm von Neuem anschlösse, und sie führte bereits mit geläufiger Zunge alle bedeutenden Veränderungen, die indessen vorgefallen waren, an ihm vorüber, als ein neuer zu dem diplomatischen Corps gehörender Ankömmling, Baron H...., gemeldet und angenommen wurde.

Erst seit sehr kurzer Zeit war er bei dem hiesigen hof accreditirt, und die Gräfinscherzhaft wie immersuchte bereits sein Urteil über das bunte Tulpenbeet der Damen zu erforschen, daswie sie bei der letzten Cour bemerkt haben wollteer mit genau prüfendem Kennerblick gemustert habe.

Mit der Feinheit eines Hofmanns sprach der Baron seine Meinung behutsam aus, und es schwellte Alexander's Herz mit wehmütig freudigen Regungen, als er, leicht über die blühende Schönheit mehrerer jungen Frauen und Mädchen hinweggleitend, den interessanten Ausdruck und die Anmut und Lieblichkeit Erna's rühmte, der er, obgleich ihre Reize mehr zu rühren als zu blenden geeignet seien, den Vorzug vor allen übrigen einzuräumen schien.

Ohne eben kränklich auszusehen, fügte er hinzu, ist in dieser seelenvollen Physionomie doch ein so mit Leiden vertrauter Zug entalten, dass man von ihr mit Marmontel sagen möchte: on sent bien, que l'amour à passé par .

Die Lebhaftigkeit der Gräfin gestattete nicht, dass das Gespräch lange bei e i n e m Gegenstand verweilte. Gern hätte Alexanderwenn gleich aus dem mund eines Fremdennoch mehr über Erna gehört; allein nach einigen flüchtigen Minuten empfahl sich der Baron schon wieder, und nun stand er nicht an, diesen ihm so interessanten Faden wieder aufzufassen, und die Gräfin geradezu zu fragen: ob der Ausdruck einer leisen verschwiegenen Schwermut, den auch er, während seines kurzen Aufentalts bei ihr, in ihrem Wesen wahrgenommen habe, wohl wirklich auf einen geheimen Kummer deute, oder ob er vielleicht, ohne innere Beziehung, nur zufällig sei?

Lieber Freund, versetzte die Gräfin, Erna ist nicht allein in der Fülle der Vollkommenheit ihrer Eigenschaften, sondern auch in ihren Fehlern eine seltene und sonderbare Erscheinung.

Verschlossen wie das Grab, dringt höchstens der blick ihrer milzsüchtigen Auguste, kein anderer, in das streng umhüllte Heiligtum ihres eigentlichen Gefühls, und was ich Ihnen daher mitteilen kann, sind bloss Vermutungen, Beobachtungen und Combinationen, zu denen s i e mir keineswegs den Schlüssel gab.

Sie hat Linovsky wohl nur geheiratet, weil man von allen Seiten ihr seinen Wert pries, weil Auguste ihn als ein Muster männlichen Verdienstes anerkannte, weil er sich dringend um sie bewarb, undweil sie wirklich nichts gegen ihn einzuwenden vermochte.

Vielleicht hat sie auch geglaubt, ihn zu liebenich weiss es nichtgenug, sie gab ihm freiwillig aus überzeugung, aus Vernunft, aus tiefgegründeter achtung ihre Hand, und hat sich auch gewiss in seinem Charakter nicht geirrtaber gleichwohl schien doch mit dem Hauch, der das bräutliche Ja von ihren Lippen entführte, ihr jugendlicher Frohsinn und die unbefangene Heiterkeit ihrer Stimmung zu verschwinden.

Dazu kam noch, dass sein Hang zur Eifersucht sie, um nicht sowohl den Hausfrieden, als ihm die wohltätige Stille eines nicht durch Leidenschaften aufgewühlten Gemüts zu erhalten, bald von allen geselligen Kreisen isolirte, den Hof ausgenommen, wo denn nun freilich die mächtig