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Schwert der schärfsten Erinnerung in Alexanders Seele schnitt:

Doux enfant Jesus! sang sie,

Donne moi le Saint Esprit

Et toutes les vertus

De ta mère Marie, Marie, Marie!

Ach, welche versunkene Welt, damals, als er zuerst diesen einfachen Gesang von ihr vernahm, noch voll blühender Hoffnungen, und jetzt so verödet, tat sich von Neuem vor ihm auf, den bittersten Schmerz als Echo dieses Liedes weckend! –

Er konnte nicht länger bleibensein laut klopfendes Herz würde ihr seine Gegenwart verraten, der Sturm der wildesten Gefühle in ihm ihn zu irgend einer Raserei hingerissen haben. Seltsam stritten sich die feindseligsten Empfindungen in ihm mit der weichen Wehmut seines Busens. Er hasste, er verabscheute sieund in demselben Augenblick war er sich doch am hellsten der unauslöschlichen Liebe bewusst, die siegreich ihre Macht an ihn bewährte, und die, wie er klar erkannte, kein Verhältnis jemals zu vertilgen im stand sei. Wie dem in Todesgefahr Kämpfenden ein dunkler Instinct oft den Weg zur Rettung zeigt, so rief es laut in ihm: Fortfort aus diesem Zauberkreisefort, sobald als möglich!

VI

Er schwankte in sein Zimmer zurück, und warf sich auf sein Lager. Da fasste er den Entschluss, noch heute das Haus zu verlassen, wo die Wunden seines Herzens, statt still zu vernarben, täglich bluten mussten, und je brennender der Eindruck war, den der erlauschte Anblick der Geliebten in einer so verführerischen Situation auf seine Seele gemacht hatte, je mehr sah er ein, wie sehr es Not tat, so schnell wie möglich den Versuch zu wagen, ob er zu verdrängen sei.

Als daher nach einer Stunde Erna, wie gewöhnlich, völlig gekleidet aus ihrem Zimmer trat, ihm einen guten Morgen zu bieten, und nach seinem Befinden zu fragen, erwiderte er ohne Aufschub ihren freundlichen Gruss mit der Erklärung, dass er die erhaltene Erlaubnis des Arztes, die Luft wieder geniessen zu dürfen, auf das endliche Verlassen dieses gastfreien Aufentalts ausdehnen wolle, indem er vielleicht schon zu lange ihre Güte durch eine Pflege gemisbraucht habe, die er nun nicht mehr bedürfe, so süss sie ihm auch sei. Er habe daher Anstalten getroffen, sich in die Stadt bringen zu lassen, und bitte sie, seinen innigen Dank für ihre unvergessliche Freundlichkeit und Milde, undsein Lebewohl anzunehmen.

Erna schien betroffen. Verlegen, da ihr keine Gründe einfielen, ihn zurückzuhalten, machte sie ihn leise darauf aufmerksam, dass es Linovsky befremden werde, ihn nicht mehr zu finden.

Dieser, der sein diplomatisches Büreau in der Stadt hatte, und jeden Morgen dort seinen Geschäften widmete, war bereits in aller Frühe dahin gegangen. Aber Alexander erwiderte, dass er den ersten Ausgang, welchen er sich in der Stadt erlauben dürfe, benutzen werde, um auch ihm den Dank für seine gütige Aufnahme, den er ihm schuldig sei, persönlich darzubringen, und dass er sie ersuche, ihn einstweilen ihrem Gemahl bestens zu empfehlen, und seine plötzliche Entfernung mit manchen unvorhergesehenen Umständen zu entschuldigen, die ihn unerwartet jetzt nötigten, sich von einem so liebenswürdigen Zirkel zu trennen.

Erna war bewegt, aber sie wandte nichts mehr gegen seinen fest ausgesprochenen Vorsatz ein, sondern drückte ihn nur in wenigen, aber herzlichen Worten aus, wie leid es ihr sei, seine Pflege nicht vollenden zu sollen, und dass sie hoffe, er werde eben so sorgsam über sich wachen, als wenn i h r Auge noch sein Tun und Treiben beobachten könne.

Der kleine Otto aber, der sich mit unbeschreiblicher Zärtlichkeit an ihn geheftet hatte, und fast nicht mehr von seiner Seite gekommen war, wollte seine Abreise durchaus nicht zugeben. Weinend und bittend hing er an ihm, und aller Trost des baldigen Wiedersehens, den seine gerührte Mutter ihm zuflüsterte, alle Versprechungen lockenden Spielzeugs, das Alexander ihm bei seinem nächsten Besuch mitzubringen gelobte, konnte seine heissen Tränen, seine schmerzlichen Klagen nicht stillen.

Ergriffen von der warmen anhänglichkeit des Knaben, hob Alexander ihn auf, und drückte, sanft ihn beschwichtigend, ihn an seine Brust. Indem schaute er Erna anihr blick traf wie ein zündender Blitz den seinen. Ein unaussprechlicher Ausdruck von Wehmut, Innigkeit und mühsam bezwungener Trauer glänzte in ihm, bis Perlen wie lichter Tau sich um die funkelnden Sterne sammelten, die er nun nicht mehr sehen sollte, und die allein des Daseins Nacht ihm zu erleuchten vermochten. –

Da konnte er seinen Gefühlen nicht länger gebieten. Der Wagen, den Benedikt aus der Stadt gebracht hatte, hielt vor der Tür, und mahnte ihn an die Nähe des unvermeidlichen Scheidens. Er gab der Mutter ihr weinendes Kind, und als sie noch einmal im flehenden Tone tieferschütterter Teilnahme ihn bat, doch sich recht zu schonen, und seine Wunden gut zu pflegen, schlug er sich heftig an die Stirn, indem er ausrief: d i e s e werden wohl heilen, die im Herzen aber n i e ! – Mit diesen Worten eilte er hinweg, sich in den Wagen werfend. Unwillkührlich, wie es schien, war Erna ihm bis zur Hausflur gefolgt, und als er noch einen Moment verweilen musste, da Benedikt's Sorgsamkeit sich es nicht nehmen liess, ihn gegen seinen Willen auf das vorsichtigste zu umhüllen, um ihn gegen alle rauhen und stossenden Bewegungen des Wagens zu verwahren, erblickte er sie in einen Sessel hingesunken, ihr liebes Antlitz mit ihrem Tuche bedeckt, und Otto, dessen kindliche