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, das fern von aller Exaltation einer leidenschaftlichen Glut sich nur innerhalb der Gränzlinie gemässigter Empfindung regte. Ihre Vernunft, so wie ihre Pflicht unterwarfen sie Linovsky unbedingt, und sich ihm ganz unterordnend, war er ihr in der Würde des Hausvaters stets die erste Instanz, die über ihre Handlungen entschiedaber als Gemahl und Vater ihrer Kinder genoss eroder verbarg sie i h m aus Schonung die Aeusserungen einer wärmeren Gesinnung? – nur jenes allgemeine, freundliche Wohlwollen, das ihre reine Seele für alles beseelte, was sie umgab.

Ob sie nun ihren Mann wirklich liebe, und ob überall in die reiche Mitgift, die sie von der natur empfangen, auch die Fähigkeit mit einbegriffen sei, mit ganzer, voller, glühender Seele lieben zu könnener wusste es nichtaber das fühlte er bestimmt, ihn würde als Erna's oft beneideter Gatte dies an sich verdienstliche Streben nach Pflichterfüllung, ohne jenen Grad der Herzenswärme, der die eigentliche Weihe eines liebenden Bundes ist, nicht befriedigt haben.

Dem Anschein nach eine g l ü c k l i c h e Frau, geehrt, geliebt von einem allgemein geachteten mann, dessen bedeutender Rang (er war Nachfolger des *schen Gesandten geworden) ihr eine ausgezeichnete Stelle im bürgerlichen Leben anwies, dessen eigenes Vermögen, verbunden mit dem ihrigen, alle Sorgen des Lebens wie mit goldenem Zauberstab verbannterings um sich eine paradiesische Umgebung, als Mutter zweier, wie aus einer Schaar von Engeln entlehnter Kinder, und an Augusten eine Freundin habend, die im verjährten Besitz ihres vollen Vertrauens mit fast mütterlicher Liebe an ihr hing, und als Hausgenossin ihr stets zur Seite warjung und schön, und überall gefeiertwas konnte ihr zu wünschen übrig bleiben?

Und doch mischte sich zuweilen der Schatten einer rührenden Schwermut in die sanft gemässigte Heiterkeit ihres Wesens, nie in eine Klage ausbrechend, aber doch im stillen Sinnen, im feucht verklärten Schimmer des umwölkten Auges, im leisen Seufzer sich verratend, der ihren Busen hob.

Sie schien in solchen Momenten der Erde, auf der sie wandelte, nicht mehr zu gehören, und scheuchte sie dann ein Geräusch, eine plötzliche Anrede, oder sonst irgend ein Anspruch des Lebens aus den Träumen empor, in die sie nur allzugern versank, so bedurft' es eines Augenblicks, ehe sie sich wieder fand, und der weichere Ton ihrer stimme, das Bittende ihres Blicks, die verdoppelte freundlich sich aufopfernde Milde ihres Benehmens flehte gleichsam um Vergebung, dass ihr Geist schon losgerissen von allen irrdischen Banden, in unbekannte Regionen sich verloren hatte.

Auguste, welche am Tage seiner Ankunft abwesend gewesen war, schien Alexandern, so wie er ihr, ein feindseliges Andenken bewahrt zu haben. Da der Familienkreis sich sehr oft teilnehmend um sein Schmerzenslager versammelte, und man sich bemühte, die Pflichten der Gastfreiheit in ihrem ganzen Umfang zu erfüllen, so konnte auch sie sich nicht ausschliessen. Doch ihr streng fortdauernder Ernst, ihm gegenüber, wurde durch kein Zeichen irgend eines wohlwollenden Anteils gemildert, und auch er bemerkte, ohne sich weiter um sie zu bekümmern, mit einem stummen Vergnügen, das fast der Schadenfreude glich, die Verwüstungen, die der Zahn der Zeit während der Jahre, seitdem er sie nicht gesehen, in ihrer früher schon verblühten Gestalt hervorgebracht hatte.

Endlich, nach mehreren Tagen, erlaubte ihm der Arzt, wieder in die Luft zu gehen, und sich hinaussehnend in den frischen duftigen Sommermorgen, benutzte Alexander auf der Stelle diese Erweiterung der ihm bisher so eng gezogenen Gränzlinie seines Verhaltens.

Langsam wandelte er auf Benedikt gestützt (denn er fühlte sich sehr matt) im Garten umher, bis die süssen Töne eines einfachen Liedes, das Erna ohne alle Begleitung sang, ihnum keinen laut desselben zu verlierendem haus wieder näherte.

Die nach dem Garten gehenden Fenster waren durch Rebengewinde halb verschleiert. Eins derselben stand offenaus ihm drang der himmlische Wohllaut, der durch das Ohr geradezu den Weg zu seiner Seele fand. Leise schlich er heran, um unbemerkt die Sängerin zu hören, vielleicht gar sie zu sehen. Aber wie teuer büsste er dies Verlangen!

versteckt vom dunkeln Grün der Weinranken erreichte sie allerdings sein suchendes Auge, aber in einer Situation, die, alle seine Gefühle stürmisch aufregend, ihn in einen Abgrund voller Flammen stiess.

Sie befand sich in ihrem Schlafgemach. Im nachlässigen Morgenkleide, das sich wie eine Hülle frisch gefallenen Schnees um sie anschmiegte, jede Form verratend, ohne jedoch die zarteste Sittsamkeit zu beleidigen, das schöne Haar noch ungeordnet, in langen Locken sie umwallend, hielt sie den Säugling auf ihrem mütterlichen Schoosse, ihm die Nahrung zu reichen, auf welche der Mensch durch den Wink der natur in der Schöpfung des Weibes eine so heilige Anweisung erhalten hat. Lächelnd liess oft der Kleine den blendenden Busen los, um mit den grossen braunen, Erna so nah verwandten Augen zu ihr aufzublikken und ihren Tönen zu lauschen. Wenn sie dann das Haupt zu ihm herab bog, und ein Kuss der heiligsten Mutterliebe ihren Gesang unterbrach, fasste er die süsse Quelle seiner Labung wieder, und erneuerte abwechselnd mit ihr dies kosende Spiel, von welchem Erna nicht ahnete, dass ein fremder Zeuge es beobachten könne.

Nachdem sie verschiedene Melodieen, teils innig mit dem kind ihres Herzens beschäftigt, teils sichtbar sich in das Gebiet ernster und tiefer Gedanken verlierend, leise vor sich hingesungen hatte, ging sie auf einmal in d i e über, die wie ein