Alle seine Einwendungen wurden jedoch durch den Ausspruch des Arztes, dass er ohne Gefahr der Verschlimmerung seines Zustandes nicht hinweg gebracht werden könne, widerlegt, und da Erna ihn mit der ihr eigenen, lieblichen, herzgewinnenden Weise bat, sich doch zu gedulden, und ihr die Freude zu gönnen, durch ihre Pflege zu seiner Erholung beitragen zu dürfen, auch Linovsky, nachdem er sich etwas gesammelt hatte, eine etwas wohlwollendere Aussenseite zeigte, als vorher, so ergab er sich, wiewohl ein unglückweissagendes Gefühl in seiner Seele ihn mahnte, dass schleunige Flucht heilsamer für ihn als Bleiben sei.
Denn immer neue, immer achtungswertere und anziehendere Eigenschaften entfalteten sich in ihrem stillen Tun und Wirken, das er als Hausgenosse unbeobachtet übersehen konnte, und zwar nicht um dadurch glänzen zu wollen, sondern unwillkührlich wie die Blume ihren Duft ausströmt, verbreitete sie allentalben, wohin ihr milder Einfluss drang, Ruhe, Anmut und den Zauber gefälliger Ordnung.
Es war ihm immer höchst lächerlich und widerlich gewesen, wenn er ein weibliches geschöpf die häuslichen Geschäfte mit Geräusch und Anmassung verrichten, und sich etwas darauf einbilden sah, eine gute Hausfrau zu sein.
Die meisten dieser dahin gehörigen Dinge sind denn auch so mechanisch, dass selbst der gewöhnlichste Verstand sie begreifen kann – warum sollte es der Eigenliebe schmeicheln, sie zu wissen? Sie sind ferner so notwendig, dass sie sich als materielle Basis des Lebens nicht entbehren lassen, und es gereicht den Frauen entweder zur Schande, oder doch gewiss zum Nachteil, unerfahren in ihnen zu sein. Aber die Fertigkeit, ihr Haus und die ihnen anvertraute Einnahme gut zu verwalten, gibt ihnen noch keinen Anspruch auf Bewunderung; denn sie ist nur die Ausübung einer untergeordneten, wiewohl unerlässlichen Pflicht, der vor Allem der Schleier sanfter Bescheidenheit ziemt.
Wie ganz anders als so viele Frauen, die er in dieser Hinsicht beobachtet hatte, erschien das leise, anspruchlose Walten Erna's, die die Seele ihres Hauses war.
Mit ernster Güte wusste sie ein zahlreiches Dienstpersonal zur Punktlichkeit und Ordnung anzuhalten. Sie war g e l i e b t von allen, und zugleich g e f ü r c h t e t , weil die achtung, die sie einflösste, jeden nichts so sehr als die Möglichkeit, ihr zu misfallen, scheuen liess. Mit sicherm, aber ruhigem blick ging sie in jedes Detail der Haushaltung ein, s o r g t e für alles, d a c h t e an alles, und fand auch die geringste Kleinigkeit ihrer Aufmerksamkeit nicht unwert, weil alles nützen kann, scheint es auch noch so unbedeutend. Dabei war sie stets gleicher Laune, seufzte und klagte nie über viele Geschäfte, oder gab durch Klirren der Schlüssel, Türenzuwerfen und eine bis zum ängstlichen Abmühen getriebene Tätigkeit zu erkennen, wie viel auf ihr laste. Immer gut und sorgsam angezogen, immer aufgelegt zu interessanter Unterhaltung, immer ruhig und Zeit habend, obgleich nichts versäumt ward, schien eine weise, jedoch nicht pedantische überlegung alle ihre Handlungen zu ordnen, so dass wie Glieder e i n e r Kette, e i n e regelmässig und still in die a n d e r e griff.
Auch als M u t t e r , ein Verhältnis, das er nicht ohne den herbsten Schmerz sich auszudenken vermochte, stand sie ausgezeichnet vor tausend Frauen, die er kannte, und selbst vor denen, die er vorzüglich in dieser Würde ehrte, da, die himmlische, sich selbst vergessende Liebe, mit der sie die Kinder ihres Herzens umsing, mit jenem Ernst verbindend, der aus der Festigkeit des Willens: nur ihr wahres Wohl als Zweck sich vorsetzend, und sie eben deshalb keineswegs verziehend, hervorgeht.
Otto, der älteste Knabe, war nicht allein von der natur begünstigt, sondern durch den reinen Einfluss des mütterlichen Wirkens bereits zu einer Höhe der Liebenswürdigkeit und Ausbildung gebracht, die selten schon in diesem zarten Alter sich zeigt.
Gehorsam, als die Hauptbasis aller guten Kinderzucht, Bescheidenheit Genügsamkeit, Selbstbeherrschung – alle jene Tugenden, die den, der sie besitzt, um so lieblicher zieren, je öfterer der Mensch sie in sich und Anderen vermisst, waren die sorgsam gepflegten Keime, die Erna in seine junge Seele gepflanzt hatte, und jede Beschäftigung mit ihm, der sie stets wie ihr Schatten umgab, entwickelte seine noch mit Nacht umhüllten Begriffe, und prägte durch Lehre und Beispiel gleich kräftig das Gute und Schöne in sein kindliches Herz.
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Weniger klar liess sich erkennen, was sie als G a t t i n war – oder vielleicht raubten ihm die Leidenschaften, die stets in ihm in Bewegung gerieten, wenn er sie von d i e s e r Seite betrachtete, die nötige Unbefangenheit des Urteils, um sie in einer Beziehung zu durchschauen, welche ihm die schmerzlichste von allen war.
Sie begegnete Linovsky mit einer achtung, die sich durch ein immerwährendes Bestreben, seine Zufriedenheit zu erlangen, ausdrückte. Aber wenn diese auch offenbar das höchste Ziel ihrer Wünsche schien, so mischte sich doch kein gleichsam unwillkührlich entschlüpftes Zeichen eines innig liebend ihm zugewandten Gefühls in die gefällige Milde und Aufmerksamkeit, mit der sie, ihn als ihren Herrn und Gebieter ehrend, sich ganz nach seinen Winken und Willen richtete.
Zog sie wirklich aus der verhängnisvollen Urne des Schicksals, oder vielmehr aus eigner Wahl ein los nach ihrem Herzen, so musste R u h e , fast möchte er sagen K ä l t e , der Grundton ihres Wesens sein