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e ist der Charakter der Gotteitnur leise und unmerklich mit Leiden verschmolzen, tronte sie auf ihrer verklärten Stirn, und Reinheit des Sinnes strahlte in ihrem himmlischen Auge, dasihn über irrdisches Sehnen erhebendsanft seine stürmende Brust beruhigte.

Er fand sie aber sehr verändert, wenn er sie mit dem Bilde verglich, das ihm von ihr gefolgt war während dieser Jahre der Trennung. Denn nicht mehr die blendende, blühende Schönheit, sondern ein dem Unsichtbaren näher als den Freuden der Welt angehörendes, durch ernste Selbstverläugnung geläutertes, durch stillen Schmerz vertieftes Wesen stand vor ihm in einer nicht mehr auf gemeiner Erde einheimischen Gestalt.

Und doch schien ihre freundliche Demut sie ohne Murren an den niedern Dienst des rauhen Lebens zu knüpfen, und eine fromme Ergebung, die aus allem hervorstrahlte, was sie tat und sprach, sie mit den Mängeln des irrdischen Berufs zu versöhnen.

Ob sie wohl glücklich im ehelichen Bunde ist? fragte er sich selbst. Der Frieden, der auf ihrer Stirne tronte, bejahte s c h e i n b a r seine Frage – s c h e i n b a r nur, denn nicht der glückliche allein, auch d e r kann ihn erringen, der durch Glauben an ewige Hoffnungen gestärkt, sich über alle Dornen seiner Bahn hienieden erhebt, ob er gleich ein mühseliges Leben des Entbehrens und der Entsagung führt.

Es war ihm unmöglich, nach dem Namen ihres Gatten zu fragen. Wer es auch sei – h a s s e n musste er ihn, das fühlte er sehr bestimmt, h a s s e n um so glühender, je mehr seine Beobachtungen ihn überzeugen würden, dass Erna ihn liebe.

IV

Sehr bald indessen riss ihn die Ankunft des glücklichen Gemahls aus dem ungewissen Grübeln, wer es wohl sein könne, denn nachdem man den raschen Galop eines Pferdes vernommen, tratHerr von Linovsky ins Haus.

Aengstlich und atemlos, das bemerkte Alexander durch die offenstehende Tür des Nebenzimmers, eilte er auf Erna zu.

Um Gotteswillen, was ist geschehen? rief er ihr entgegen. Ich erfuhr unterwegs, dass du eilig nach einem Wundarzt geschickt habestich will doch nicht hoffen, dass dir oder den Kindern etwas zugestossen ist?

Ruhig sagte Erna: Weder die Kinder noch ich bedürfen seines Beistandes, aber einen Freund von uns hat nicht weit von unserm haus ein Unfall betroffen, der zwar, dem Himmel sei Dank, nicht bedeutend ist, aber dessen Behandlung denn doch meine wenigen medicinischen Kenntnisse übersteigt. Herr von Norbecksie zeigte, als sie seinen Namen nannte, durch die offene Tür nach dem Ruhebett im angränzenden Zimmer, auf welchem er lagHerr von Norbeck wurde durch den Umsturz seines Wagens am kopf verletzt, und um seinen schmerzlichen Zustand sobald wie möglich gründlich zu lindern, hab ich, so schnell ich nur vermochte, nach ärztlicher hülfe gesendet.

Alexander sah Linovsky bei Erwähnung seines Namens erblassen, und es war, als träte eine unangenehme Erinnerung finster vor sein Gedächtnis. Auch dauerte es einige Minuten, während er sich mit Erna in leisem Gespräch in eine Fenstervertiefung zurückgezogen hatte, wohin sein blick ihm nicht folgen konnte, bis er zu seinem Lager trat und ihm, als einen der Höflichkeit nicht gern dargebrachten Zoll, einige halb unverständliche Worte von dem V e r g n ü g e n , ihn wieder zu sehen und von der F r e u d e , dass s e i n Haus gerade das nächste bei dem sich ereigneten Unfall gewesen sei, um ihm als Zufluchtsort dienen zu können, zumurmelte.

Alexander stellte sich kränker als er war, um diese Gemeinplätze nur nicht beantworten zu müssen. In Linovsky's frostigen Mienen, und den feindseligen Blicken, mit denen er ihm gegenüber stand, spiegelte sich ein teil seiner eigenen Gesinnung, und der herbeigerufene Wundarzt, der eben herein trat, unterbrach sehr willkommen die Spannung dieses nicht wohltuenden Beisammenseins.

Erna hatte bereits Charpie und Leinwand zum Verband zurecht gelegt. Nachdem sie den Chirurgus sorglich gefragt, was er noch ausserdem bedürfe, um dem Leidenden recht zu nützen, entfernte sie sich, vor dem Anblick der Sonde erschreckend, die er aus seiner Instrumententasche hervorzog. Sie warf, als sie, von Linovsky begleitet, hinweg ging, noch einen blick so voll innigem Mitleids und rührender Teilnahme auf Alexander, dass dieser wie durch Tropfen eines himmlischen Elixirs seine gesunkenen Kräfte gehoben fühlte, und es ihm ein freudiges Spiel ward, sich nun den schmerzhaften Untersuchungen des Arztes zu unterwerfen.

Der Wechsel so stürmender, die innerste Lebenskraft aufreibender Gemütsbewegungen machte mehr noch als seine Wunden seinen körperlichen Zustand bedenklich. Ein heftiges Fieber wütete in seinem Blute, und der Arzt erklärte, dass einige Tage der tiefsten Ruhe durchaus erst dem Versuch vorausgehen müssten, ihn nach einem anderen Aufentalt zu bringen.

Nicht gern liess sich Alexander dies gefallen. Die widerwärtige überzeugung, Linovsky unwillkommen zu sein, die sein abstossendes Betragen ihm aufgedrungen hatte, beleidigte seinen Stolz, und machte, dass er trotz Erna's wohltuender Nähe sich hinweg sehnte.

Und selbst diese Nähe, die ihm den Pfeil des Schmerzes nur immer tiefer in die gespaltene Brust drückte, musste sie ihm nicht, den Eindruck ihrer Liebenswürdigkeit immer unauslöschlicher machend, das los der Mücke, die das Licht umflattert, in seinem Schimmer sich wärmen will, und, von der gefährlichen Flamme in Asche verwandelt, dahin sinkt, als Sinnbild seines eigenen Schicksals, im Spiegel der Zukunft zeigen?