: Mutter, da ist ein fremder Mann! Sie wandte das Gesicht zu ihm hin, und vom Blitz der schrecklichsten Gewisheit getroffen, blieb Alexander wie gelähmt vor ihr stehen, denn – heiliger Gott! – es war Erna.
III
Sie schien vor dem blick zu erbeben, den er auf sie schleuderte. Der brennendste Hass, die tiefste Geringschätzung, und eine Stimmung, in der es ihm nicht schwer geworden wäre, das blutigste Verbrechen zu begehen, spiegelte sich als Wiederschein der wilden Gährung, die in seinem inneren Statt fand, in seinem Antlitz ab.
Doch – nur einige stumme Minuten ihr gegenüber, und er fand sich wieder.
Wie schön war sie nicht in dieser schweigsamen, demütigen Haltung, vor der Wut erzitternd, die sein Anblick ausdrückte, und doch, vom Gefühl der Mutterwürde gestärkt, ihm furchtlos in das flammende Auge schauend. S o rein und edel hatte selbst Raphael seine Madonna nie gedacht. Der rosige Duft kräftiger Jugendfrische auf ihren Wangen war einer sanft verklärenden Blässe gewichen, und die kindliche Heiterkeit, die sonst wohl ihre Züge anregte, einem stillen, seelenvollen Ernst, der aber durch die unaussprechlichste Güte gemildert ward.
Schweigend waren die ersten Augenblicke des Wiedersehens ihnen vorübergegangen – jetzt aber fasste sich Alexander, und redete sie an.
Verzeihen Sie, gnädige Frau – – denn s o muss ich Sie jetzt wohl nennen, sagte er bitter, dass ein Unfall, der mich nicht weit von hier getroffen, mich ohne die Ahnung, dass ich I h r Haus betrat, hierher führte. Ich glaubte meine ehemaligen Bekannten noch hier zu finden – allein ich habe mich geirrt, wie ich sehe.
Nicht in dem, was Sie zu finden meinten, versetzte Erna. Sie s i n d bei Ihren ehemaligen Bekannten, denn Sie sind bei m i r .
Das möchte um so unangenehmer für uns beide sein, erwiderte Alexander, unfähig, seiner herben Stimmung zu gebieten. Doch Erna nahm gelassen diese unartige Aeusserung hin, und rügte sie nicht. Sie bemerkte gerade jetzt, dass er verwundet und ihres Beistandes bedürftig sei. Eilig rief sie daher die Wärterin des Kindes, übergab ihr den Säugling, und bemühte sich mit der sanftesten Teilnahme, zu erforschen, wo es ihm weh tue, um ihm lindernd und nützlich zu sein.
Er war sehr erschöpft von dem inneren Aufruhr, den Hass und Neid, zwei ihm sonst so fremde Leidenschaften, bei der Vorstellung, dass Erna vermählt sei, in ihm erregt hatten. Gleichwohl wollte er doch, ohne alle hülfe anzunehmen, seinen Weg zu Fuss nach der sehr nah gelegenen Stadt fortsetzen – allein Erna glaubte dies bei seinem psychisch und physisch gereizten Zustand nicht zugeben zu dürfen.
Als nun ihre freundlichen Bitten finster von ihm abgewiesen wurden, und er fest auf seinem Vorsatze beharrte, öffnete sie die Tür eines Nebenzimmers. So gewähren sie es d i e s e n , wenn auch nicht m i r , dass ich für Ihre Erholung sorgen darf, sagte sie, und er erblickte jene Bilder wieder, die die Züge seiner Tante und der Frau von Willfried so treu bewahrt hatten – aber mit ganz anderem Ausdruck, als sie ihn einst erschütterten, wie er an Erna's Geburtstag sie zuerst sah, schauten sie ihm jetzt entgegen. Damals schien Unwille, Vorwurf des begangenen Unrechts und Verachtung in ihren stillen Blicken zu glühen – jetzt lächelten sie ihn beide mitleidig an, als wollten sie in tröstender Milde sagen: Alles ist vergeben, denn das bittere Leiden, das eine Folge deines Leichtsinns war, hat uns mit dir versöhnt.
Er fühlte sich überwältigt. Weich geworden wie ein Kind, konnte er kaum der Rührung seines Herzens wehren, hervorzubrechen – auch Erna war tief bewegt. Wie Tau im Kelche einer Blume, so funkelten Tränen in ihren Augen – aber sie wandte sich hinweg und trocknete sie leise, ihm diesen Anblick entziehend, der ihn nur noch tiefer erschüttert hätte. Sie schien zu a h n e n , ja sogar in gewisser Hinsicht zu t h e i l e n , was in ihm vorging. Indessen machte gerade dies innige Verstehen seiner Gefühle sie schüchterner als vorher, ihr Schranken anweisend, die das Bewusstsein ihrer Pflichten sie zu überschreiten warnte.
Sie ordnete alles an, was seine Pflege erforderte, aber sie legte nicht selbst Hand an, so weh es ihr auch tat, ihrem Kammermädchen ein Geschäft überlassen zu müssen, das s i e gewiss linder und schonender verwaltet hätte.
Ihrem Zureden und Bitten nachgebend, hatte Alexander Platz auf einem Ruhebett genommen. Es fanden sich mehrere ziemlich tiefe Verletzungen am kopf – seine Schmerzen wurden heftiger, und durch ein Wundfieber noch vermehrt, das ihn von Zeit zu Zeit convulstvisch schüttelte. Erna suchte, von seinen Leiden sichtbar ergriffen, ihm durch Hausmittel momentan Erleichterung zu verschaffen, sandte aber sogleich einen Boten nach der Stadt, einen Chirurgus holen zu lassen, der ihn kunstmässiger und wirksamer als weibliche Erfahrung zu behandeln im stand sei.
Duldsam und mild geworden, unterwarf sich Alexander jetzt allem, was sie verfügte. Es tat ihm wohl, sie an seinem Lager sitzen zu sehen, denn aus ihrer Nähe quoll der heilendste Balsam, den es für sein bis zum tod verwundetes Gemüt gab. Ihr gegenüber gewährte es ihm die feinste Schwelgerei der Sinne, so wie den höchsten Genuss der Seele, sich in ihr Anschauen zu vertiefen, und durstig nach so langem Entbehren jeden ihrer Blicke einzusaugen. R u h