und Z a h l e n statt der G e f ü h l e machten den Inhalt derselben aus.
Die Wintermonate brachte er stets in irgend einer bedeutenden Stadt zu, schloss sich auch wohl an deren gesellige Kreise an, doch nur wie einer, der von der Bühne abgetreten ist, und mit den Maschinerieen bekannt, und nicht mehr geblendet von dem auf Effect berechneten Schein, zwischen den Coulissen hindurch einen frostigen blick auf das bunte Treiben wirft, in dessen Mitte er einst eine so lebendige Rolle spielte. So waren vorzüglich, seit jenem Wendepunkt seines Lebens, der ihn von allem Frohsinn geschieden hatte, die Damen, denen er sonst so gern im Allgemeinen wie im Einzelnen huldigte, Gegenstände der höchsten Gleichgültigkeit für ihn, und so manches Netz auch, von zarter Hand gewebt, strebte, den schönen Fremdling zu fangen, so war doch jene Höflichkeit, die die feine Sitte fodert, der einzige Tribut, den er selbst den verführerischten Reizen brachte.
Weit mehr als sie und ihre anmutigen Bestrebungen, ihn zu fesseln, zog ihn die Kunst mit ihrem stillen wundervollen Wirken an. Ihm lag freilich die Ahnung fern, die manchem Menschen in ihr sein höchstes Princip erblicken lässt. Er betrachtete sie nur als Mittel, den Schmerz der unendlichen sehnsucht zu mildern, der Wermut in jeden Tropfen Lust, Seufzer in jeden freudigen laut ihm mischte. Vermittelst seines regen Anschauungs- und Auffassungsvermögens führte sie seiner Seele Gedanken und Bilder zu, welche die Nachtgestalten wenigstens auf kurze Zeit verdrängten, die mit eiserner Beharrlichkeit sonst ihren Platz dort genommen hatten, und auf den lichten Schwingen der Harmonie erhub er sich zuweilen über das grauenvolle Dunkel um ihn her, in das ferne Geisterreich der Töne – oder er fühlte sich durch die Meisterwerke der plastischen Kunst und der Malerei für Momente ihm entrückt.
Nur der Poesie wollte es nicht glücken, den Einfluss auf seinen umhüllten Sinn zu erlangen, den mancher Leidende, durch sie getröstet und gestärkt, ihr über sich einräumt. Denn sie berührte mit ihrem magischen Stabe seine Wunden nicht lindernd, sondern sie von Neuem zum Bluten reizend, und rief eine Menge Erscheinungen, die traumähnlich in ihm dämmerten, zu einem krampfhaften Leben in ihm auf.
Er scheute daher die Möglichkeit, dass ihr geheimer Zauber den Ton in der Tiefe seines Gemütes treffen könne, der als bang erschütternde Dissonanz leichter zu erregen, wie alsdann zu vertilgen war, und da sie nur Reflexe seiner untergesunkenen Hoffnungen, seiner schmerzlich begrabenen Wünsche in die camera obscura seiner Brust zu werfen vermochte, so wählte er als das sicherste Mittel, sich vor jeder unsanften Berührung dieser Art zu schützen, dass er g a r n i c h t s , als höchstens – die Zeitungen las.
In einer derselben, die der Zufall ihm in die Hand führte, fand er die Anzeige, dass der *sche Gesandte seinen bisherigen Aufentalt verlassen, und einen andern diplomatischen Posten an einem nordischen hof erhalten habe.
Diese Nachricht machte einen seltsamen Eindruck auf ihn. Ob er sich es gleich nicht eingestehen mochte, so hatte es ihm doch in seinen stillen Träumen ein wehmütig süsses Gefühl gewährt, sich Erna zuweilen in alle den ihm bekannten Beziehungen und Umgebungen zu denken. Nun war sie fort – denn er durfte nicht bezweifeln, dass sie ihrer Freundin nicht auch nach ihrer neuen Bestimmung gefolgt sei, und ihm ermangelte der feste Punkt, an den er sich halten durfte, um ihre reizende Erscheinung sich zu vergegenwärtigen. Denn wenn auch seitdem sein blick und seine Phantasie sich oft nach Norden richtete, so war es ihm doch, als tappe er in einem wüsten Labyrint, wo der leitende Faden ihm fehlte, um mit seinen Gedanken bis zu ihr hin zu dringen.
Freilich – ihm selbst öffnete ihre Entfernung den Weg wieder zu der nun schon seit länger als vier Jahren verlassenen Heimat, denn nie, das hatte er sich vorgesetzt, wollte er sie betreten, so lange er fürchten musste, i h r je wieder zu begegnen.
Vielleicht aber würde er, an das zerstreute Umhertreiben auf den Heerstrassen nun gewöhnt, noch lange nicht daran gedacht haben, zurückzukehren, wenn nicht dumpfe Gerüchte von den kriegerischen Zurüstungen seines Vaterlandes sein Ohr erreicht, und die politischen Verhältnisse den Ausbruch baldiger Feindseligkeiten ihm als wahrscheinlich dargestellt hätten.
Da schien es ihm doch, als sei es besser, die im unnützen Wanderleben sich zersplitternden Kräfte dem Dienste seines Königs zu weihen, und seiner plötzlich aus ihrer Letargie erwachten Einbildungskraft dünkte das Wirbeln der Trommeln, das Wiehern der Rosse, die energische Sprache der Kanonen, und das zu blutiger Arbeit sich ermunternde Leben ein seinen innersten Bedürfnissen recht angemessenes Spiel. Er beschloss also, zurückzureisen, und sich um eine neue militairische Anstellung zu bewerben. Mancher Beneidenswerte, sprach er leise zu sich selbst, kann den Wahnsinn in verfehlter Liebe finden – mancher den heilenden Tod – – – m i r wird das Schlachtfeld ihn gewähren.
II
Mit einem ganz eigenen Schauer von Wehmut betrat er die Gränze seines Vaterlandes wieder. S t i l l e r war es freilich in ihm geworden, seit er sie vor fünftehalb Jahren überschritten hatte, um das bittere Gefühl des Verschmähtseins in weite Ferne zu tragen – h e l l e r aber nicht. In tausend schimmernden Farben ging ihm die Vergangenheit auf, und alle wie aus langem Schlummer erwachenden Erinnerungen seiner ersten, lebensfrohen Jugend mahnten ihn an den schmerzlichen Contrast zwischen e i n s t und jetzt.
Und doch, so heiter er