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i g zu überlesen.

Dies wollte nun zwar nicht gehen, denn jeder Buchstabe schien ihn mit Basiliskenblick anzuschauen, und ihn dünkte, als knisterten blaue Schwefelflammen aus jeder Zeile, mit spitzen, brennenden Zungen an seinen tödlich verwundeten Herzen lekkend; aber er rief gewaltsam alle Kraft des Willens, die d e m M a n n e zu Gebot steht, auf, und sagte sanft und gefasst zu Benedikt: sorge, dass ich ungestört bleibe diese Nacht, mein guter Junge, denn ich habe zu tun, und muss allein sein. Um Mitternacht bringe mir eine Flasche Rheinwein.

Hierauf winkte er mit der Hand gegen die Tür, und so ungern auch der treue, noch immer leise besorgte Diener ihn verliess, so war er doch an zu strengem Gehorsam gewöhnt, um sich nicht augenblicklich zu entfernen.

Als er mit dem Schlag zwölf Uhr herein trat, fand er seinen Herrn sehr beschäftigt, mehrere Schränke auszuräumen, Papiere teils zu ordnen, teils zu verbrennen, und Geld abzuzählen.

Sehr mässig trank er von dem Weine, den Benedikt ihm gebracht hatte, und befahl ihm, mehrere Sachen, die er bezeichnete, in einen Koffer zu packen, und alsdann, so wie der Tag anbrechen werde, verschiedene Rechnungen zu bezahlen, und andere Aufträge auszurichten, die er unter dem Siegel der Verschwiegenheit ihm anvertraute.

Gegen Morgen war alles still und pünktlich nach seinem Willen geordnet. Da warf er sich unausgekleidet auf den Sopha, und schlummerte einige Stunden, dann ging er zu dem Chef seines Regiments, und bat um augenblicklichen Urlaub zu einer höchst notwendigen Reise. Er erhielt ihn, erhob von seinem Banquier eine bedeutende Summe Geldes und die nötigen Wechsel, entliess reich beschenkt seine übrigen Leute, ausser Benedikt, dessen anhängliche Treue er schon oft erprobt hatte, und ehe noch jemand aus dem Kreise seiner Bekannten seine Absicht ahnete, lag die Residenz bereits hinter ihm im Nebel der Entfernung.

Frankreich, Italien und die Schweiz waren die Länder, nach denen sein unstäter, der tiefsten Schwermut preisgegebener Sinn zuerst strebte.

Da aber sein erbetener Urlaub nicht einmal zu einem flüchtigen Durchstreichen, noch weniger zu einem ruhigen Kennenlernen derselben hingereicht haben würde, und es sein entschiedener Vorsatz war, nie, oder doch nur unter ganz veränderten Umständen, wieder in die Heimat zurückzukehren, so sandte er das Gesuch um seinen Abschied an die Behörde ein, umso sehr er auch seine Militairverhältnisse geliebt hattefrei und unabhängig über sich selbst und über seine Zeit verfügen zu können. Ungern erteilte man ihm diesen, da er von jeher, ächt martialisch denkend und handelnd, an Leib und Seele Soldat war, seinem Regiment durch den regesten Diensteifer, so wie durch die Liberalität seiner Gesinnung und den Glanz seines bedeutenden Vermögens Ehre gemacht hatte, und alle seine Cameraden ihn brüderlich liebten. Um daher nicht a l l e Ansprüche an ihn aufzugeben, stellte man ihn à la suite an, und ungehindert folgte er nun dem zug, deraus seiner unbefriedigten sehnsucht sich entwickelndihn durch den grössten teil Europa's trieb.

Drittes Buch

I

Eine fremde, dunkle Macht war, seit die Hoffnung Denn der tief in ihm noch brennende Schmerz der M e e r e umschuf, das keine A u s f l ü s s e hat, sondern nur ü b e r fliesst, wenn ungewöhnliche Ereignisse es in Bewegung setzen oder Orcane es aufwühlen. Das Ungewöhnliche aber vermied ihn, weil seine die Flügel senkende Phantasie es nicht suchte, und die Melancholie, deren finsterer Schatten wie eine schwarze Wolke über sein Leben zog, ihm jedes fröhliche Ergreifen des Zufalls verleidete.

Indessen bewährte die Zeit auch an ihm ihre lindernde, wenn gleich nicht heilende Kraft. Anfangs hatten ihn die herrlichsten Gegenden und die erhabensten Naturschönheiten eben so kalt gelassen, als führe sein Weg ihn durch die Lüneburger Haide oder über die eintönigen Sandstrecken der Mark; aber nach und nach erwärmte sich sein starrer blick, und ruhte mit Wohlgefallen auf den Wundern reich ausgestatteter Gefilde, in deren Reizen er sich für Augenblicke losgebunden von allem fühlte, was ihn sonst so schmerzlich an die niedere Dornenbahn seines dürftigen Lebens fesselte. Er wusste sich wieder in stiller Einsamkeit die geheimen Hierogliphen der natur zu deutendas flammende Abendrot redete ihn wieder an wie sonst, nur in einer anderen, ernsteren Sprachedie murmelnden Bäche flüsterten ihm wieder dämmernde Träume zudie Wasserfälle sangen Wiegenlieder seinem Schmerz, und die rauschenden Haine wehten Kühlung in die Tiefe seines verwundeten Busens. Nur mit der E r i n n e r u n g war er dem Schein nach für immer zerfallen. Denn wenn sie zuweilen, wie sie zu tun pflegt, ihn leise beschlich in den Stunden des Alleinseins, lächelnd den Spiegel ihm vorhaltend, aus dem das Bild der Vergangenheit ihn begrüsstedann war es um den schwer errungenen Gleichmut geschehengrau und verwischt lag das Dasein vor ihm, dessen innerste Wurzel zerstört warstechende Eisschauer zitterten wieder durch die schnell auflodernde Fieberglut seines innerendes Lebens unendliches Weh legte sich von Neuem, gleich einer erdrückenden Last, auf seine schwer geängstete Brust, und der leise Trost der sanft beschwichtigenden natur war dann auf lange für ihn verloren.

Deshalb hütete er sich auch sorgfältig vor allen Nachrichten aus der Heimat, da sie ihn nicht erheitern, sondern nur aufs Neue verletzen konnten. Er schrieb und empfing keine Briefe, als solche, die zur Fortdauer seiner physischen Existenz in ökonomischer Rücksicht nötig waren,