er, trotz dem, was er so eben gehört, Erna's Nähe, wiewohl seinen Augen noch verborgen, vermutete. Wie die Gletscher, von der untergehenden Sonne zum letztenmal bestreift, in sanftem Rosenlicht erglühen, um dann aufs Neue zu erblassen, von nächtlichem Schatten umhüllt, so wärmte eine zarte Hoffnung noch einmal sein bebendes Herz, um es täuschend der Verzweiflung Preis zu geben.
Denn was glich der Empfindung, die sein glühendes Blut in einen fröstelnden Eisstrom verwandelte, als der verräterische Duft näher und näher kam, und er – an fräulein Mariane Lahnberg's vergilbtem Busen seine liebevoll erzogenen, einem so schönen Zweck geweihten Pflegekinder, die Daphne neben ihrem strahlenden gefährten, den Rhododendron erblickte?
Seiner nicht mächtig drängte er sich zu ihr hin, und: wie kommen Sie zu diesen Blumen? war die nicht sehr freundliche Anrede, mit der er ihren zuvorkommenden Gruss erwiderte.
Höhnisch grinzte ihn Mariane an, und sagte: wir machten vor dem Ball eine Visite bei der *schen Gesandtin. Da lagen diese Blumen auf dem Tische, von denen fräulein Willfried uns sagte, dass sie ein ihr aufgedrungenes Geschenk, und ihr höchst zuwider seien, so sehr sie auch sonst Blumen liebe. Als ich sie nun lobte, und den armen Dingern das Wort redete, sie möge ihnen nicht entgelten lassen, aus welcher unangenehmen Hand sie vielleicht kämen, bot sie mir sie an, wiewohl sie hinzufügte, sie wage es kaum, da ihre Absicht gewesen sei, sie zum Fenster hinaus zu werfen. Ich aber kehrte mich nicht daran, und nahm sie. Finden Sie sie nicht schön?
Knirschend blieb Alexander ihr die Antwort schuldig. Das ist zu viel! rief er aus, fest mit seiner Hand seine Augen verdeckend, vor denen sich alle Gestalten um ihn her zu verwirren begannen.
Um Gotteswillen, schrie Mariane, was ist Ihnen? Ich habe doch wohl nicht etwa eine Indiscretion begangen? Ich beschwöre Sie, sagen Sie niemand, was ich Ihnen eben erzählte, es könnte Verdrus geben. Ich bin nun einmal so ein albernes aufrichtiges Ding, dass ich schlechterdings immer die Wahrheit sagen muss.
Ohne weiter auf sie zu hören, rannte er fort, und kam in einem Zustande in seine wohnung zurück, der fast dem Wahnsinn glich.
Seine Leute, ihn nicht so früh vermutend, waren ausgegangen, und nur Benedikt, sein Reitknecht, ein grundehrlicher, treuherziger Bursch, der alle ihm gegebenen Aufträge aufs pünktlichste besorgte, und mit der grössten historischen Treue darüber berichtete, war zur Aufsicht des Hauses zurückgeblieben.
Erschrocken leuchtete er seinem Herrn in das todtenbleiche Gesicht, ängstlich vor ihm herschreitend, ihm das Zimmer zu öffnen. Und als Alexander hier, ohne ein Wort zu sagen, sich mit stieren Blicken auf den Sopha warf, blieb er verlegen vor ihm stehen, und wusste selbst nicht, ob jetzt der schicklichste Augenblick sei, von den während seiner Abwesenheit sich ereigneten häuslichen Vorfällen zu sprechen. Indess, seine Liebe zur Pünktlichkeit siegte über die Furcht, seinen ihm ganz unheimlich vorkommenden Gebieter vielleicht in tiefen Gedanken zu stören, und schüchtern langte er von dem Marmorsimms des Kamins einen Brief, der von einem Bedienten des *schen Gesandten mit dem Bedeuten überbracht worden sei, dass es keiner Antwort bedürfe.
Ein wirksameres Mittel hätte Benedikt nicht auftreiben können, seinen fast zu Marmor erstarrten Herrn von Neuem zu beleben. Wie der Verschmachtende die letzte Kraft, die ihm übrig blieb, anstrengt, den Becher zu erreichen, in den ihm Labung und Rettung quillt, so ergriff Alexander mit zitternder Hast den Brief, ihn an sich reissend, als könne durch ihn die Quaal seines inneren sich lindern, und noch alles, alles gut werden.
Gleichwohl betrachtete er doch erst, ehe er das Siegel brach, die Aufschrift, sich einen Moment an der zierlichen Frauenhand weidend, die sie geschrieben. Noch nie hatte er Erna's Schriftzüge gesehen; aber ein milder Geist, der Geist der Hoffnung, schien sie zu beseelen, und neu gestärkt und ermutigt öffnete er nun den Brief und las folgendes:
"Ersparen Sie meiner Freundin die unangenehme notwendigkeit, Ihnen eine abschlägliche Antwort erteilen zu müssen, indem Sie Sich mit m e i n e r Versicherung begnügen, dass Erna's Hand auf ewig für Sie verloren ist.
A u g u s t e ."
XXV
Als ungefähr nach einer halben Stunde Alexander sich wieder deutlich besinnen konnte, fand er sich von den Armen des treuen Benedikt umfasst, der ihm ein Glas wasser ins Gesicht gegossen, und so aus seiner dumpfen, ohnmachtähnlichen Betäubung ins Leben zurückgerufen hatte.
Ihm war, als erwache er aus einem taumelnden Rausche. Er fühlte sich angegriffen, aber doch nüchtern und fähig, zu überlegen und zu handeln.
Gott sei gelobt, dass der Herr Rittmeister doch wieder bei sich sind, rief der nun etwas beruhigte Benedikt aus, dem Schweistropfen auf der Stirn und Tränen im Auge standen. Ich dachte immer, Sie würden mir unter den Händen sterben! Hätt ich doch man lieber den fatalen Brief in den Kamin geschmissen, statt ihn drauf zu legen, da er, Gott weiss, was für Teufeleien entält, die den Herrn Rittmeister so ausser sich brachten!
Bei Erwähnung des briefes wurde es vor Alexanders Sinnen immer heller und heller, wiewohl in schneidender klarheit. Er hielt ihn noch krampfhaft zusammengeknittert in der Hand, und entfaltete ihn von Reuem, ihn – wie er sich einbildete – noch einmal r u h