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aufgerissen wurden, und die Gräfin, von der Gesandtin begleitet, herein trat, Erna glückwünschend zu umarmen, und sie für den Abend zu sich einzuladen.

Sehr bewegt, und fast der Fassung beraubt, hielt Erna den Brief noch in der Hand, doch strebte sie, ihn den Blicken der Kommenden zu verbergen, und auch dies, dass sie ein Geheimnis mit ihm teilen zu wollen sich herabliess, schien ihm ein seinen Glauben aufmunterndes Kennzeichen der zu hoffenden Erhörung.

Aber schon hatte die überlebhafte Gräfin es wahrgenommen. Vermutlich ein Gedicht zur Feier dieses schönen Tages! rief sie aus, das versiegelte Papier schalkhaft fixirend. O lassen Sie uns Alle daran teil nehmen, Erna! Lesen Sie uns vor! Von d i e s e r Seite kannte ich unseren Freund noch nicht. Ich wusste freilich längst, dass er, uns Frauen gegenüber, wenn von seinen Gefühlen die Rede war, manches zu e r dichten im stand sei, aber das geschah immer in Prosa; wie er d i c h t e t , ist mir noch fremd.

Es ziemt mir nicht, versetzte Erna mit gezwungenem Lächeln, der Neugier Preis zu geben, was Zutrauen in meine hände niederlegte. Wenn es ein Gedicht ist, darf nur der Dichter entscheiden, ob ein grösseres Publicum als das, das er sich erkohren, es hören soll.

Durch das unzeitige Dazwischenkommen der Gräfin aus allen seinen Himmeln gestürzt, konnte Alexander sich des bittersten Verdrusses nicht erwehren.

Für S i e a l l e i n ward geschrieben, was dieses Blatt entält, erwiderte er, und sich stumm verbeugend verliess er das Zimmer, da ein sehr richtiges Gefühl ihm sagte, dasseinmal verscheuchtdie vorhergehende beglückende Stimmung eben so wenig wiederkehren werde, als das vorhin durch die Gunst des Zufalls erlangte e i n s a m e Zusammensein mit Erna.

XXIV

Mit unschlüssigem, aber freundlichen Wesen geleitete ihn Erna, der Höflichkeit gemäss, bis halb zur tür, und der Ausdruck in ihren Zügen, als er sie zum letztenmal ins Auge fasste, überzeugte ihn still und tröstlich, dass er ihrer Discretion, so wie überhaupt ihrer Gesinnung, vertrauen dürfe.

Er kehrte nun in seine wohnung zurück, ruhiger zwar als er sie verlassen hatte, wiewohl noch nicht weiter vorwärts gekommen, als vorher.

Indessdas Geheimnis seines Herzens war ausgesprochener selbst hatte es der Entscheidung der Geliebten unterworfener durfte daher nicht zweifeln, dass sie b a l d erfolgen werde. Aus Furcht, den zarten Blütenstaub von seinen Hoffnungen zu blasen, entielt er sich gewaltsam alles Grübelnsaber mit gespannter Aufmerksamkeit lauschte er auf jeden Fusstritt, der seinem Zimmer nahte, immer erwartend, ein willkommener Bote werde ihm das ersehnte Ja, oder wenigstens die Weisung bringen, selbst zu kommen, um es von den Lippen der errötenden Braut zu vernehmen.

Aber umsonst. Die zögernden Stunden, durch lange Erwartung gedehnt, glitten im Schneckenschritt an ihn vorüber, und keine Kunde von i h r erfreute seine Einsamkeit.

Auf dem Ball wird sie dir antworten, sprach er zu sich selbst, den stürmischen Aufruhr seines Gemüts durch mühsam aufgesuchte Trostgründe beschwichtigend. Es war zu viel, von der weiblichen Schüchternheit zu verlangen, sie solle ohne alle überlegung, ja sogar mit dem Anschein einer Uebereilung das Wort aussprechen, das Liebe und Innigkeit sich erst verdienen muss, wie die Tapferkeit den Lorbeer, der den Helden schmückt. In ihrem blick werde ich mein Urteil lesenund, o die sonnige Milde, die er diesen Morgen noch mir ins Herz strahlte, als sie mich krank wähnte, berechtigt mich fest zu halten an der freudigsten Zuversicht!

Kaum dämmerte der Abend, so kleidete er sich zum Ball an, und ob er gleich gewöhnlich erst öffentlich erschien, wenn alles versammelt war, und man ihn längst vermisst hatte, so liess ihm heute doch die Unruh keine Rast, und er war der erste Ankömmling im weiten, noch nicht einmal völlig erleuchteten saal. Selbst die Gräfin, sonst eine sehr aufmerksame Wirtin, fehlte noch, da die Stunde, wo sie mit Recht erst ihre Gäste erwarten durfte, noch nicht geschlagen hatte.

Er verbot den Bedienten, ihr seine Ankunft zu melden, und setzte sich in eine Fenstervertiefung, wo die weiten, faltenreichen Drapperien der seidenen Fenstergardinen ihm eine Art von Einsamkeit mitten im Gewühl geschäftiger Zurüstungen gewährten.

Endlich fingen die Wagen an zu rollen, und fröhliche Gruppen füllten den Saal und die angränzenden Gemächer – s i e aber, die sein Auge mit schüchternem Verlangen suchte – s i e sah er nirgends, und als es endlich immer lauter und gedrängter um ihn her ward, verliess er seinen Schlupfwinkel, sich unter die Menge zu mischen.

Da begann der Tanz, aber ohne Erna, die doch bestimmt war, die Königin des Festes zu sein.

Die Gräfin schien verstimmt. Noch hatte er sich ihr nicht genähert, da wurde sie ihn gewahr, und sagte, mismutig an ihn vorüberstreichend: Denken Sie, wie fatal es mir geht! Ich verfehle ganz den Hauptzweck, den ich hatte, Erna einen frohen Abend zu bereiten. Sie hat absagen lassen.

Noch war er halb betäubt von dieser ihn schmerzlich befremdenden Nachricht, da mahnte ihn ein süsser aromatischer Duft an der Daphne würzige Blüte. Er kannte die Schätze aller Treibhäuser der Residenz, und wusste, dass diese liebliche Pflanze in keinem derselben jetzt blühend existire. war es ein Wunder, wenn