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mein ganzes Leben!"

XXIII

Kaum konnte er seine Ungeduld zügeln, bis die Zeit, die ihm nie so langsam, als gerade heute zu schleichen schien, die Stunde herauf führte, wo es die Schicklichkeit erlaubte, Erna seinen Glückwunsch und zugleich diesen Brief zu überbringen.

Denn er selbst wollte ihn ihr übergebenkeiner fremden Hand das Blatt vertrauen, das die Veranlassung der Entscheidung über seine ganze Zukunft werden musste. W i e diese ausfallen werdeer wagte nicht, sich es klar und deutlich zu denken. Ihm war, als risse er in frechem Uebermut den Schleier von einem Heiligenbilde, wenn er mit kühn der Zeit vorgreifenden Wünschen und Hoffnungen in das Dunkel seines Schicksals dränge. Kindlich fromm, und dem Himmel vertrauend, der ja in die Tiefe seiner Seele zu blicken vermochte, und den Ernst des Entschlusses kannte, die Geliebte v e r d i e n e n zu wollen, erwartete er Erna's Ausspruchaber menschlich war es, dass er in zitternder Ungewissheit bangte, und dass er sich nach dem Augenblicke sehnte, der ihn von dieser Quaal befreien werde.

Er überschaute die duftende Reihe seiner blühenden Gewächse, um durch Blumen, diese zartesten aller Gaben, ihren Tag ehrerbietig zu verherrlichen; aber alle schienen ihm gemein und unwürdig, um zur Feier desselben zu dienen, bis eine Daphne durch ihren süss berauschenden Duft ihn fest hielt, und neben ihr ein Rhododendrum ponticum mit seinen reichen Blütenbüscheln in der schönsten Farbenpracht sein Auge auf sich zog. Von jeder derselben, eben so selten als schön in ihrer Art, wählte er die vollste, jugendlichste Blüte, und sie, während er hinging, an seinem Herzen vor dem Frost der noch rauhen Luft bergend, erbat er sich von Gott als ein geistiges Zeichen für seine Wünsche, sie den Abend auf dem Ball an dem ihrigen blühen zu sehen.

Er hörte beim Eintritt in das Haus des Gesandten, dass das fräulein auf ihrem Zimmer sei.

Noch nie war es ihm gelungen, dies Heiligtum zu betretenaber oft schon hatte eine süsse sehnsucht ihn mächtig dahin gezogen, oft seine glühende Phantasie sich träumend innerhalb der Wände versetzt, die so glücklich waren, sie in ihren einsamen Stunden zu umgeben. Er hatte auch wohl dann und wann den Mut gehabt, wenigstens den Versuch wagen zu wollen, ob es nicht möglich sei, in ihr stilles, ihm so bedeutungsvolles Asyl einzudringenaber immer war es, als werde ihre Schwelle von unüberwindlichen Geistern bewacht, die ihm auf mancherlei Weise den Zutritt wehrten. Heute aber fühlte er die Kraft in sich, jedem Hindernis Trotz zu bieten. Und hätten feurige Drachen den Eingang gehütetritterlich würde er sich durchgeschlagen, und dem mächtigen Zug gefolgt haben, der in der exaltirten Aufregung seines ganzen Wesens ihm den gang z u i h r als den Weg seines eigentlichen Berufs zeigte.

Ein Bedienter meldete ihn an. Er sei willkommen, war die freundliche Antwort. Es war elf Uhr Vormittags, und Erna allein. Sie sass in einem einfachen Morgenkleid, das schöne Haar nachlässig geordnet, auf dem Sopha der Tür gegenüber, und erhob sich, als er sie öffnete, sanft, jedoch nicht ohne einen kleinen Anstrich von Verlegenheit, ihn zu begrüssen.

Im zarten Wechsel ihrer Farbe, in der hold ihm entgegen geneigten Stellung und in der liebreichen Verwirrung des unsicher von ihm abgleitenden und auf die Erde sich senkenden Blicks sprach ihn ein geheimer, Mut erweckender Anteil an, denn er fühlte, so könne sie keinen Fremden, keinen Gleichgültigen empfangen.

mächtig dadurch gehoben, näherte er sich ihr, ihr seinen Glückwunsch auszusprechen, und die Blumen ihr zu überreichen. Da auf einmal ward es dunkel vor seinen Augendas frische Rot seiner Wangen verlor sich in Todesblässeseine Kniee bebten, und hätte er nicht schnell nach dem Tisch gegriffen, sich auf ihn, der eine Scheidewand zwischen ihm und Erna bildete, stützendwer weiss, ob er nicht niedergeschmettert durch die Gewalt eines ungeahneten Eindrucks umgesunken wäre!

Denn die Gräber schienen sich ihm aufgetan zu haben, und feierlicher Ernst, so wie bitterer Vorwurf im stummen, strafenden Blicke schauten von der Wand über dem Sopha die Portraite seiner Tante und der Frau von Willfried, in Lebensgrösse und täuschender Aehnlichkeit, auf ihn herab.

Was ist Ihnen? fragte Erna besorgt, als sie sein Zittern bemerkte. Er vermochte nichts zu erwiedern. Aengstlich leitete sie ihn zu dem Sopha, und ihm einen Flacon reichend, und eiligst aus ihrer kleinen Hausapoteke stärkende Tropfen herbeiholend, bemühte sie sich auf die liebreichste Weise ihm beizustehen.

Ihm tat es so wohl, sie so teilnehmend um sich beschäftigt zu schen. Seinen verworrenen Sinnen dünkte diese Scene ein Vorausgenuss der Zukunft, wo eheliches Beisammenleben die Geliebte auch in häuslicher sorge freundlich um ihn bemühen werde, und diese selige Vorstellung rief seine Lebensgeister kräftiger zurück, als der Liquor es vermochte, den sie ihm eingab.

Er schützte eine Anwandelung von Schwindel, vielleicht weil er zu rasch gegangen sei, als ursache des plötzlichen Nichtwohlbefindens vor, das ihm angewandelt sei, und da er die furchtbar mahnenden Bilder jetzt im rücken hatte, ermannte er sich, sich dem Entzücken hingebend, mit Erna allein zu sein, und aus ihrem sorgsam bekümmerten Benehmen so erquickliche Hoffnungen schöpfen zu dürfen.

Schon zog erdie Blumen hatte sie bereits freundlich angenommendas verhängnisvolle Blatt aus seinem Busen, um es hinzuzufügen, als ein Geräusch im Vorzimmer entstand, die Türen stürmisch