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sie h e r z l i c h , und dies schien ihr nicht zu misfallen, ja sie erwiderte sogar zuweilen, wenn es ohne Beziehung auf sich selbst geschehen konnte, die trauliche Innigkeit, mit der er sich an sie anschloss, indem sie mit warmem Anteil ihm zuhörte, und in das, was er erzählte oder behauptete, einging. So wie er aber ihre mild erweichte Stimmung benutzen wollte, sie in ein näheres, heisser von ihm ersehntes Interesse zu ziehen, schien der finstere Genius der Vergangenheit sich wieder zu regen, und mit seinen eiskalt beschattenden Fittigen jeden hellen, freundlichen Eindruck in ihr zu verlöschen. Sie zog sich alsdann, ihm ausweichend, gleichsam in sich selbst zurück, und träumend, sinnend, trauernd, als bemühe sie sich vergebens, die Widersprüche eines dunklen Schicksals zu lösen, dauerte es lange, ehe die genaueste Wachsamkeit auf sich selbst von s e i n e r Seite sie wieder in das vorige ruhige Gleis des freundlich unbefangenen Umgangs zurückbrachte.

Deshalb aber verzagte er keineswegs. Nicht mit stürmender Hand, das fühlte er wohl, durfte er dem mit dem heiligsten Flor bedeckten Geheimnis ihres Lebens seinen Schleier entreissen. Von selbst musste er dereinst fallen, wenn eine immer nähere Bekanntschaft mit ihm sie nach und nach überführt hatte, dass seine Fehler gebessert, seine Tugenden nicht mehr zufällig, sondern auf die sichere Basis fester Grundsätze gestützt waren, und da er sich wirklich b e s s e r fühlte, und auf dem Wege, es mit jedem Tag mehr zu werden, so rückte sein nicht auf Eigendünkel, sondern auf das Bewusstsein seines moralischen ihm zurückgegebenen Werts gegründetes Selbstvertrauen das schöne Ziel, wo er sie sein nennen dürfe, in keine allzu ferne Zukunft hinaus.

XXI

Sie fuhr fort, ihn als einen Menschen zu behandeln, Nun ahnete sie freilich im menschlichen Gemüte h e i t des Charakters, schienen ihr die unerlässlichen Erfordernisse, durch die selbst der tief Gesunkene sich wieder zu erheben im stand sei. Hier aber, i h m gegenüber, der einst ein so grausames Spiel mit dem edelsten Herzen getrieben, konnte sie bei aller Güte ihres selbst so reinen Sinnes sich kein anderes Urteil abzwingen, als dass er auch jetzt nur auf dem faulen Morast der L ü g e das Gebäude seiner sinnlichen Wünsche zu erreichen strebe, und jeder lichte Strahl, der als Zeuge einer geläuterten Gesinnung aus seiner veredelten Seele blitzte, schien ihrem Unglauben an ihn ein täuschendes Irrlicht, auf Sümpfen erzeugt, unfähig mit seinem falschen Schimmer das Leben ihrer Erna zu verklären, sondern nur vom listigen Betrug ausgesandt, ihren frommen Sinn von Neuem zu verlocken.

Sie verhielt sich daher mit unbestechlicher Strenge immer in den abgemessenen Formen kalter Höflichkeit gegen ihn, und versagte gern ihm auch diese, wenn es zuweilen unbeobachtet geschehen konnte. Denn der Ruf seines Leichtsinns und seiner Frivolität, den selbst die verbreiten halfen, die seine vorzüglichen geselligen Eigenschaften an ihm schätzten und seinen Umgang suchten, verglichen mit ihren früheren Erfahrungen, mit seinem eigenen Geständnis, dass er R e l i g i o n nur als ein Phantom betrachte, das Volk zu schrecken, und dass d e r S c h e i n ihm die Wirklichkeit jeder Tugend aufwiege, alles dies bei der selbst erprobten Gabe, sich so täuschend zu verstellen, dass sie ihn einst für einen sehr guten Menschen gehalten hatte, flösste ihr neben dem unüberwindlichsten Mistrauen auch den entschiedensten Widerwillen gegen ihn ein.

So gelang es ihm auch nicht, sich mit Linovsky zu befreunden, woran ihm freilich im Ganzen weit weniger lag, da der tiefe Ernst desselben, seine oft schwermütigen Ansichten und seine Zurückgezogenheit von allen rauschenden Freuden des Lebens ihn eher zurückstiessen, als anzogen. Aber da er nicht bezweifeln konnte, dass Auguste ihm eine üble Meinung von ihm beigebracht, so hätte er sich gern den Triumph gewährt, sie durch eine genauere Bekanntschaft zu entkräften und in Wohlwollen umzuwandeln. Als jedoch mehrere Versuche, den Sonderling gegen sich umzustimmen, vergebens blieben, gab er die idee, sich ihm nähern zu wollen, auf, und begegnete ihm mit derselben wortkargen Gleichgültigkeit, die von Linovsky's Seite das einzige Resultat seiner freundlichen Zuvorkommenheit gewesen war.

Die Bemerkung, dass Erna gerade dann am herzlichsten gegen ihn war, wenn Auguste oder Linovsky, schroff und unzugänglich wie der Felsen im Meer, seine gefällige Annäherung aufnahmen, war ihm ein tröstlicher Beweis, dass sie das ungünstige Vorurteil gegen ihn nicht mit ihnen teile, ja es misbillige, dass sie es nicht einmal der näheren Untersuchung wert zu halten schienen, um davon zurückzukommen.

Oft ruhte ihr holder ausdrucksvoller blick bittend auf Augusten, als wolle er sie anflehen, das Zurückstossende ihres Benehmens gegen ihn zu mildernoft suchte sie durch ein freundliches Wort, das sie an ihn richtete, den Unmut in ihm wieder zu verlöschen, den die stets abgezirkelte, fast geringschätzige Förmlichkeit ihrer Freundin notwendig in ihm erregen musste. Er fühlte sich reichlich durch dieses leise, aber wohltuende Bestreben ihrer alles Bittere so gern lindernden Güte entschädigt, und wagte sie für mehr als dies, für das Zeichen eines individuellen, innigeren Anteils zu halten, den er sich immer mehr zu erlangen und zu verdienen bemühte. Um die ihm Abgeneigten bekümmerte er sich bald eben so wenig, als sie sich um ihn.

XXII

So waren zwei Monate vergangen, die glücklichsten und bedeutungsvollsten seines Lebensdurch Hoffnung gewürzt, wenn gleich oft durch sehnsucht vergiftet, die sich noch so fern