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, v i e r t e Hand liebende Held mir so höhnend zuwirft!

Gewiss, gnädige Frau, antwortete er, es liesse sich für keine schönere Veranlassung eine Lanze brechen, und sie finden mich hier, wie immer, zu Ihrem Dienste bereit. Ich erkenne und ehre die weiblichen Tugenden viel zu sehr, um Beständigkeit, eine der herrlichsten derselben, zu bezweifeln, und mein eigenes Gefühl, ich darf sagen, meine eigene Erfahrung hat schon früher in mir gewagt, den Beschuldigungen Sr. Excellenz zu widersprechen. Denn, was bei dem weniger zart organisirten Mann möglich ist: die Gewalt des ersten unauslöschlichen Eindrucks sich fürs ganze Leben zu bewahrenwie sollte dies nicht bei den Frauen noch weit natürlicher und unerlässlicher seinbei ihnen, deren Gemüt der geweihte Tempel einer jeden Gotteit ist, die wir Unschuld, Treue, Reinheit und Liebe nennen? Und w i r – hier berührte sein funkelnder blick schüchtern im Vorüberstreifen Erna, die sogleich verlegen die grossen Augen senkte – w i r denken, wenn uns e i n m a l eine Sonne warm und wahrhaft durchglüht hat, ewig an den schönen Strahl zurück, und bemerken weder Nebensonnen noch Sterne, wenn sie auch noch so hell glänzen.

Nun fürwahr, unterbrach ihn die Gräfin mit der ihr eigenen Art zu scherzen, indem sie aufstand, ritterliche Galanterie traute ich Ihnen zu, mir beizustehen, nicht aber, dass S i e , von I h r e n Gefühlen und Erfahrungen unterstützt, ein Lobredner der Beständigkeit werden, und sie sogar unter die Eigenschaften des männlichen Charakters, und des Ihrigen insbesondere zählen würden. D a s übertrifft meine Erwartung, und die diplomatische Excellenz wird sich nun gewiss auch ohne Blutvergiessen für überwunden erklären. Daher darf ich jetzt auf einen ehrenvollen Rückzug denken, da die Mitternachtstunde ohnehin nach einer weisen häuslichen Polizeieinrichtung die letzte sein sollte, die man ausser dem Bette zubringt.

Heiter wie man zusammen gewesen war, ging man auseinander, und Alexander nahm, als den letzten Gewinn dieses reichhaltigen Tages, die Einladung des Gesandten mit auf den Weg, so oft er nur immer selbst wolle, seinen Besuch zu wiederholen.

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Dass erwiewohl mit all' der Bescheidenheit, die dem seingebildeten mann ziemtvon dieser Erlaubnis Gebrauch machte, versteht sich von selbst, und da die Anmut seiner Persönlichkeit und der feine Tact fürs Schickliche, der ihm angeboren war, ihn wirklich zu einem sehr angenehmen Gesellschafter machte, durfte er bald keinen Tag mehr im haus des Gesandten fehlen, ohne sich vermisst, um die ursache befragt und aufgesucht zu sehen.

Mächtiger noch als diese freundlichen Veranlassungen zog ihn die eigene Neigung und die Wunderkraft an, die durch Erna's Schönheit eine so unwiderstehliche Gewalt über ihn übte. Immer fester webten sich die Zauberfäden, die ihn an sie fesselten, und je mehr er gelegenheit hatte, sie im engen häuslichen Kreise zu beobachten, wo das Gemüt sich freier als in grossen geräuschvollen Zirkeln entschleiert, oder wenigstens sich öfterer unwillkührlich verrät, je mehr bestärkte sich die überzeugung in ihm, dass die liebenswürdigen Eigenschaften ihres Charakters die Reize ihrer Gestalt und die seltene Ausbildung ihrer Talente noch übertrafen.

Zwar schien sie, ihm gegenüber, sich unerschütterlich fest innerhalb der sich streng vorgezeichneten Gränzlinie einer vorsichtigen, selbst k a l t e n Zurückhaltung erhalten zu wollen; aber ihr Wesen, in dem jede Regung Ausdruck der reinsten natur und der Wahrheit war, konnte nur mühsam und doch nicht täuschend erkünsteln, was sie nicht empfand.

Wenn zuweilen sein Auge plötzlich sie fasste, schien eine rührende Wehmut in dem ihrigen zu schwimmen, und zarte Teilnahme, die sich durch eine stete leise Achtsamkeit auf alles, was er sagte und tat, verriet, bewies ihm, dass eine geheime stimmeihr selbst vielleicht kaum vernehmbarfür ihn in ihrem Busen sprach.

Dass der öftere Wechsel ihrer Farbe, wenn er ihr insbesondere nahte, oder vorzugsweise s i e unvermutet anredete, eher aus einer Aufwallung des Wohlwollens als der Abneigung oder des Unwillens entstand, durfte er, wenn er wahr gegen sich selbst sein wollte, nicht bezweifeln.

Denn sie duldete seine Bemühungen um sie, wenn sie sich auch Mühe gab, sie scheinbar zu übersehen. Sie wich nicht scheu zurück, wenn er sich mit der eifrigen Gewandheit, als gälte es einen Tron zu erobern, herbei drängte, den Platz neben ihr am Teetisch oder bei der Tafel zu erhaschen, und hatte ihn irgend einmal Konvenienz oder Klugheit gezwungen, dies süsse Ziel seines täglichen Strebens einem Anderen zu überlassen, so dünkte ihn eine unbefriedigte Stimmung in ihr und ein leiser Anstrich von Schwermut in ihren Zügen es zu beklagen. Wie die Sonnenwende die Blüte ihres Antlitzes stets dem Strahle entgegen neigt, in dem allein sich die erhöhte Kraft ihres Daseins spiegelt, so war alsdann auch ihre Aufmerksamkeit nur ihm zugewandt, so viel nämlich feiner Weltton und gesellige Rücksichten es nur immer gestatteten.

Gleichwohl, wenn auch alle diese kleinen verräterischen Kennzeichen eines nicht unbefangenen Herzens ihm Mut gaben, einer förmlichen Erklärung näher und immer näher zu rücken, so vermochte doch schon die zarteste Aeusserung seiner Gefühle, sobald er ihr W o r t e zu leihen wagte, sie sichtbar zu verschüchtern, und statt einen Schritt vorwärts dadurch auf der Bahn seiner Hoffnung zu gelangen, fand er sich immer um mehrere dadurch zurückgesetzt.

Durch solche Erfahrungen gewitzigt, hütete er sich wohl, ihr irgend eine Schmeichelei zu sagen, aber unvermerkt wurde sein Ton gegen