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berauscht hatte Alexander den erquicklichen Strom dieser gleichsam einer höheren Sphäre entquollenen Töne in sich gesogen, undso seelenvoll auch Linovsky's Spiel auf der Violine wardoch nur Erna's laut vernommen, nur i h r auf den Schwingen ihres göttlichen Gesanges in den dritten Himmel folgend, aus welchem das prosaische Applaudissement der Gräfin ihn jetzt rauschend und störend herab zog.

Er vermochte es nicht über sich, Erna auch nur mit einem einzigen Worte zu bezeugen, wie sehr sie ihn gerührt, entzückt und erschüttert habe. W o r t e dünkten ihn in diesem Augenblick der herrlichsten Ergreifung die Herrlichkeit der Gefühle zu entweihen, die noch im leise verhallenden Nachklang so tief und innig ihn durchbebten.

Aber als sie nun aufstand, undwenn ihn nicht alles täuschteihr blick, gleichsam verschämt und schüchtern i h n , i h n vor Allen, zu suchen schienals ihr der seinige begegnete, der flammend nur an i h r hingdaer las es in ihrer lieblichen Verwirrungdadas wusste er gewisskonnte kein Zweifel an dem unauslöschlichen Eindruck, den sie auf ihn gemacht hatte, Raum in ihrer Seele finden.

Sie setzte sich wieder zu ihrer Arbeit nieder, und das tief gesenkte Auge fest auf die Stickerei heftend, mit der sie eben beschäftigt war, gewann sie bald ihre gewöhnliche Unbefangenheit wieder. Die Gesandtin, welche unterdessen von ihren Lieblingsgesängen, den eigentlichen Volksliedern, gesprochen hatte, die oft, nicht nur das innerste Gepräge des Nationalcharakters ausdrückend, sondern auch die ehrwürdigen Sagen grauer Vorzeit in frommer Einfalt festaltend, kunstlos und rührend zum Herzen dringen, weil sie vom Herzen abstammen, bat Erna, einige derselben, die sie auf ihren gemeinschaftlichen Reisen gelernt habe, zu singen, und sie tat es ohne alle musikalische Begleitung, nur durch ihre graziöse Mimik unterstützt, welche sie so ganz der kindlichen Eigentümlichkeit der Gesänge, die sie vortrug, anzupassen wusste.

Zuletzt erinnerte sie die Gesandtin noch an ein kleines Lied, das sie einst in Frankreich von einer Prozession junger Mädchen gehört hatten, die, ein Christuskindlein in einer kleinen Kapelle am Wege bekränzend, es sangen, und das sowohl dem Inhalt als der Melodie nach sich ihnen damals tief eingeprägt hatte. Es bestand bloss in diesen vier Zeilen:

Doux enfant Jesus!

Donne moi le Saint Esprit,

Et toutes les vertus

De ta mère Marie, Marie, Marie.

Alle hörten bewegt diese Worte an, die durch Erna's reine, jetzt sanft gedämpfte stimme und eine ganz eigene kunstlose, aber die innersten saiten des Gefühls berührende Melodie sich unaufhaltsam durch das Ohr ins Herz stahlen.

Die Gesandtin erzählte, dass die Sängerinnen meist nur erst zwölfjährige Kinder gewesen wären, welche mit ihren leichten, fast äterischen Gestalten, in ihrer südlichen Blässe, mit dem dunklen Haar und Augen, in denen eine schwärmerische Andacht sich mit dem Ausdruck der Unschuld ihres zarten Alters gepaart habe, ihr wie eine Schaar Verklärter erschienen wären. Sie habe sich der Tränen nicht entalten können, und wisse noch selbst nicht, ob der Anblick der weissgekleideten, geisterhaft an ihr vorüberschwebenden Kinder, oder die rührende Weise ihres Liedes am meisten auf sie gewirkt habe.

Alexander achtete wenig auf das, was sie sagte. Nur mit einem Gegenstand beschäftigt, konnte er sein Auge von Erna nicht losreissen, die mit einer so milden, lieblichen Frömmigkeit in ihren Zügen dies kleine Lied gesungen hatte, dass unwillkührlich alle seine Gefühle in ihm riefen: Himmlische! das Gebet, das eben von deinen Engelslippen erklang, ist schon erhört. Alle Tugenden, die die Mutter Gottes zierenDemut, Würde und Reinheitalles, alles ist bereits dein herrliches Eigentum. Flehe nicht um mehr! – – wie dürften sterbliche Wesen es dann jemals wagen, sich dir hoffend und liebend gegenüber zu stellen? –

XIX

Das Abendessen versammelte die Gesellschaft traulich um einen runden Tisch, wo die Unterhaltung allgemein wurde, und bald sich leicht und ungezwungen um verschiedene nicht uninteressante Gegenstände bewegte.

Der Gesandte, der unter der Hülle äusseren Ernstes einen heitern, jovialischen Sinn verbarg, fand Vergnügen daran, mit der Gräfin, deren neckend muntere Laune ihn anzog, einen immerwährenden kleinen Krieg zu führen.

Nicht aus einem gewissen Geist des Widerspruchs, sondern um sie stets von Neuem anzuregen, und ihr gelegenheit zu geben, ihrem Mutwillen freien Lauf zu lassen, bildete er stets ihre Oppositionspartei, und bestritt, sie gern zuweilen selbst bis zu leichtem Unwillen reizend, alles, was sie sagte und behauptete.

So ergriff er auch jetzt wieder lebhaft die entgegengesetzte Meinung, um sie zu verteidigen, als die Gräfin über ihr Lieblings-Tema, die Unbeständigkeit der Männer, geraten war, und der weiblichen Beharrlichkeit in Lieb und Treue und allem Guten das Wort redete, und besonders bestritt er die auch von ihr in Schutz genommene, und als etwas Heiliges und Unauslöschliches betrachtete e r s t e L i e b e , der er durchaus nur in der Reihe der Irrtümer und der Selbsttäuschungen ihren Platz anweisen wollte.

Denn er erklärte geradezu, es gehöre zu den Chimären des Menschen, und insbesondere der Frauen, an die Ewigkeit einer ersten Liebe zu glauben, und man müsse den Schwachen, irgend eines Stabs Bedürftigen auch diesen Wahn nicht rauben, da man ihnen nicht leicht eine Entschädigung dafür geben könne.

Aber bei M a n n und W e i b sei die e r s t e , z w e i