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wohnung des Gesandten eingerichtet, und man atmete bald unwillkührlich einen teil des Friedens und der ruhigen Heiterkeit ein, welche nicht allein innerhalb der einfach geschmückten Räume, sondern auch in den Gemütern ihrer Bewohner herrschte.

Ein freundlicher Salon versammelte sie um den flammenden Camin. Erna hatte sich einen Moment entfernt, um ihren Pelz abzustreifen, und erschien nun in einer zierlichen Hauskleidung, sich, – als sei hier ihre eigentliche Sphäre, – mit Eifer und Lebendigkeit all der kleinen Geschäfte annehmend, die sonst der Wirtin obliegen.

Als der Tee gebracht wurde, trat auch Linovsky herein, und mit ihm eine alte Bekanntschaft Alexanders, Auguste nämlich, vor deren strengem, kalt ihn messenden blick sein der unbefangenen Freude geöffnetes Herz, gleichsam krampfhaft erstarrend, sich wieder zusammen zog.

Sie schien nicht überrascht, ihn hier zu finden. – Dies war ihm ein Zeichen, dass Erna sie auf seinen Anblick vorbereitet hatte, da sie voraus wusste, er werde an der Gesellschaft teil nehmen. Ohne Befremden, wohl aber mit einer gewissen frostigen Geringschätzung und mit jener Art von Scheu, mit welcher der Gesunde sich von dem Pestkranken abwenden würde, setzte sie sich neben ihn, und wurde ihm durch die Steifheit ihres ihm so offenbar abgeneigten Wesens zu einer höchst drückenden, widerlichen Erscheinung.

Ganz sicher hätte sein beleidigter Stolz nicht so geduldig die schweigenden aber unverkennbaren Merkmale ihrer feindseligen Gesinnung hingenommen, wenn seiner Politik nicht die notwendigkeit eingeleuchtet wäre, sie als Erna's Freundin, die von je her einen fast mütterlichen Einfluss auf sie hatte, s c h o n e n zu müssen.

Er stellte sich also, als übersähe er ihr unverbindliches Betragen, undohne die allgemeine Höflichkeit zu vernachlässigen, setzte er sich wohlweislich durch keine Annäherung der Gefahr aus, ihre Stimmung gegen ihn noch deutlicher als durch diese stummen Kennzeichen von ihr ausgesprochen zu sehen.

Eine Beobachtung, die er im Stillen machte, gab ihm indessen von der einen Seite das Wohlbehagen wieder, das von der andern ihm geraubt worden war.

Denn er glaubte nämlich zu bemerken, dass zwischen Linovsky und Augusten ein Verhältnis existire, dessen Eigentümlichkeit ihnen wenig Rücksicht auf Erna zu nehmen gestattete.

Es herrschte zwischen ihnen ein so achtungsvoller, inniger und zutraulicher Ton, dass man sie leicht hätte für ein Paar Verlobte halten können, dienicht aus leidenschaft, sondern aus Vernunft, ruhiger überlegung und ächtem Wohlwollen sich gegenseitig fürs ganze Leben erkoren haben.

E r begegnete ihr mit der zartesten Aufmerksamkeit, fasste jede ihrer Aeusserungen auch in der leisesten Beziehung auf, richtete hauptsächlich an sie alles, was er sprach, und schien, sie nie aus den Augen verlierend, ihrem Urteil stets das seinige zu unterwerfen.

S i e hingegen nahm, als gebühre es ihr so, seine freundliche Beflissenheit um sie wie ein Recht auf, an das ein engeres Verhältnis ihr Ansprüche gegeben. Sie hörte i h m am liebsten zu, wenn er redete, und musste sie bon gré mal gré jemand Anderm ihr Ohr leihen, so lauschte sie doch wenigstens auf seinen Ton, und strebte, an dem, was er unterdessen sagte, teil zu nehmen, so wie sie in allen streitigen Punkten der Unterhaltung ihn gleichsam als die höchste Instanz zu betrachten und zu ehren schien. Widersprach sie auch zuweilen einmal seiner Meinung, so geschah es auf eine Art, welche deutlich bewies, dass nur das Verlangen, den Faden des Gesprächs mit ihm weiter fortzuspinnen, aber keine der seinigen entgegengesetzte überzeugung sie dazu vermochte.

Alle diese kleinen, oft so charakteristischen Züge, die auf Liebe hinzudeuten pflegen, gossen in Alexanders, durch Eifersucht leicht aufgeregtes, stürmisches Gefühl, eine linde Beruhigung über diesen Punkt, und er gönnte der blassen, verbleichten Auguste, so zuwider sie ihm auch war, den offenbar für sie zu schönen und jugendlichen Verehrer, da ihm dadurch die sorge, er möchte sich um Erna bewerben, vom Herzen fiel.

Die Gräfin, deren lebendig regsamer, Sinn stets, auch bei der angenehmsten Unterhaltung, nach A b w e c h s e l u n g verlangte, foderte Erna auf, Musik zu machen. Ohne sich lange zu weigern, setzte sie sich zum Fortepiano, und bat Linovsky um seine Begleitung mit der Violine.

Welch ein neues Talent entfaltete jetzt die Hochbegabte, sie, die mit der herrlichsten Blüte aller Eigenschaften, welche das Vollkommene bezeichnen, eine Anspruchslosigkeit verband, die durch den Zauber der Bescheidenheit den Zauber ihrer Kunst noch erhöhte.

Ihre zarten Finger schienen, leicht wie ein Gedanke, über die Tasten hinschwebend, beseelte Sprachwerkzeuge zu sein. Sie weckte die schlummernden Töne mit einer Leichtigkeit und Sicherheit, mit der nur die tiefe Bedeutung verglichen werden konnte, die den herzgewinnendsten Ausdruck in jede Note zu legen wusste.

Als sie nun die volle, silberhelle stimme erhob, sie mit ihrem trefflichen Spiel zu verschmelzen, da entüllte sich d e r U m f a n g i h r e r K u n s t ganz in der Entwirrung der schwierigsten Passagen, in den überraschendsten Läufern, in den meisterhaftesten Intervallen, so wie d i e T i e f e i h r e s G e f ü h l s , der Melodie erst durch die reinste Intonation eine Seele verleihend, im erschütternden Ausdruck gewaltsam hervorbrechender leidenschaft, mild besänftigt durch den schmelzenden Erguss sanfter Empfindung, und dann wieder im erhabenen Schwunge ernsten Gesanges wie ein frommer Gedanke sich aufwärts zu den Sternen erhebend, sich aussprach.

Süss