sie ihm gab, während der Stunde des Heimwegs Erna nahe zu sein.
Ehe sie aber noch einstiegen, brachte ein heimlich von ihm beauftragter Gärtnerbursche einen Korb voll der lieblichsten Blumensträusse, die er unter die Damen verteilte.
Eine wunderschöne Rose hatte sich der leichten Fessel entrissen, und war vereinzelt im Korbe zurück geblieben. Er wagte es, sie Erna noch insbesondere anzubieten, und streifte sorglich vorher die Dornen ab, die sie verletzen konnten.
Die Gräfin bemerkte es. Was tun Sie? rief sie aus. Sie rauben ja dem armen Röslein Wehr und Waffen, und machen es zu einem unnatürlichen Unding. Denn eine Rose ohne Dornen – ist das nicht gerade, wie Liebe ohne Schmerz? Beides ist auf dieser prosaischen Erde nicht zu finden, und wer weiss, ob es sogar in den elisäischen Feldern, oder in Oschinnistan, und wie die sonstigen Domainen und Residenzen der Feen und Zauberer heissen mögen, zu haus ist.
Der natur nachzuhelfen, ist ja das schöne Vorrecht der Kunst, erwiderte er, wie nicht vielmehr der Verehrung, die dem zarteren Geschlecht so gern in der Liebe den Schmerz und an der Rose die Dornen sparen möchte.
Er reichte hierauf die nicht mehr verwundende Blume Erna ehrerbietig hin. Sie nahm sie an, und er hatte die süsse Genugtuung, gewahr zu werden, dass sie, als sie sich unbeobachtet glaubte, sie tief in ihrem Zobelpelz verbarg, um sie vor dem kalten Atem der Winterluft zu schützen.
Jetzt mahnte das schallende Glockengeläute der Schlitten, das kunstmässige Klatschen der Peitschen in den geübten Händen der Vorreuter, und der Schein der fackeln, die den dunkeln Winterabend verklärten, an die Heimkehr.
Er bot Erna den Arm, sie in seinen Schlitten zu führen, und hüllte sie sorgsam in die reichen Tygerdecken desselben, die zum Schutz gegen die Kälte dienten. Der Gedanke, sie so gewissermassen für einige Zeit in seiner Gewalt zu haben, und sie furchtlos und ruhig der Leitung seiner Zügel sich hingeben zu sehen, durchzuckte ihn mit süssem Schauer, und weckte eine Reihe wehmütig seliger Bilder in seiner Seele.
Ach – dürfte er so ihr künftiges Schicksal lenken, wie jetzt den Schlitten, der die teuerste Bürde trug! Gewiss – d i e s e überzeugung war ihm klar – sollte sie es nimmer bereuen, es ihm anvertraut zu haben.
Denn er fühlte sich ein ganz anderer Mensch geworden, als vormals. Sein vergangenes Leben passte durchaus nicht mehr zu der inneren Welt seiner jetzigen Gesinnung, und er mochte kein d o p p e l t e s Dasein in sich ahnen, wie so mancher in sich trägt, sondern glaubte fest, dass ein Herz, in dem i h r Bild herrsche, unwillkührlich sich zum Tempel der Reinheit und der moralischen Würde veredlen müsse.
Zuerst war die Unterhaltung zwischen ihnen sehr wortkarg. Ihm genügte es, sich stumm der Gewissheit zu überlassen, dass s i e es sei, die er fuhr, und dies Gefühl, verbunden mit der eigenen Blödigkeit, die ihn in ihrer Nähe zu befallen pflegte, verschloss seine Lippen. Es schien ihm unbescheiden, hier, wo sie ihm nicht entrinnen konnte, die Rechte einer älteren Bekanntschaft geltend zu machen, und ihr irgend etwas zu sagen, was sie an die Vergangenheit erinnern, und so in Verlegenheit setzen, oder ihren Unwillen reizen könnte. Er wagte es daher nur, von der Schönheit des Abends zu reden, der, trotz der Kälte, aus dem tiefen Blau des sternbesäeten himmels, und aus dem blitzenden Schneegewand der Erde, durch den Fackelglanz rötlich erhellt, mit streng nordischer Anmut sie ansprach.
Erna erwiderte einiges auf seine Bemerkungen. Der Ton ihrer stimme war sanft und milde, und sie schien sich allmählich zu einer freiwilligeren Mitteilung zu bequemen, wenn diese gleich stets innerhalb der Schranken fremdartiger Zurückgezogenheit sich erhielt. So sprach und fragte sie manches, unter andern wollte sie wissen, wem das Landhaus gehöre, das, als sie den Weg zurückgelegt hatten, aus einer entblätterten Baumgruppe heiter mit seinen hellerleuchteten Fenstern von einer kleinen Anhöhe dicht am Wege ihnen entgegen schaute.
Er antwortete ihr, dass der Besitzer einer seiner Ju
gendfreunde sei, der früher bei seinem Regiment gestanden, seit Jahr und Tag aber seinen Abschied genommen, sich verheiratet, und diesen kleinen halb ländlichen halb städtischen Besitz, den er S o r g e n f r e i nenne, zu seinem beständigen Aufentalt gewählt habe. Sie versetzte hierauf, dass schon beim früheren Vorüberfahren die simple Eleganz der Bauart und die schöne Lage dieses Hauses ihr aufgefallen sei, und dass sie begreife, wie man recht gern an einer so lieblichen Stelle sich zeitlebens ansiedlen möge.
Unter diesem Gespräch hatten sie die Tore der Re
sidenz erreicht, und nach wenig Minuten hielten sie vor dem Hotel des Gesandten still.
XVIII
Nicht ohne einen leisen Schauer von Wonne betrat Alexander die Schwelle, die zu der wohnung der Geliebten führte.
Zwar konnte er sich denken, dass das Allerheiligste derselben, i h r Z i m m e r , ihm verschlossen bleiben werde; aber es waren doch dieselben Wände, die sie täglich umgaben, die er sehen, es war i h r häusliches Leben, das er beobachten sollte, und um keinen Preis der Welt hätte er das Recht vertauscht, sich nun mit eigenen Augen überzeugen zu dürfen, wie sie im engeren Kreise des heimatlichen Tuns und Wirkens sich bewege.
Ohne Pracht, aber in einem edlen, gefälligen Styl war die