fixirend, wie so auf einmal verändert! Mir deucht, dass das Princip: V i e l e z u l i e b e n , vor Kurzem noch ebenfalls ganz das Ihrige war, und dass Sie Sich durch Wort und Tat auch recht freimütig dazu bekannten. Woher die plötzliche Metamorphose? Erhalten vielleicht gewisse Tugenden erst ihren Glanz durch Reibung an entgegengesetzten Fehlern? Oder wollen Sie – in allen Farben des Chamäleons schillernd – uns heute d a d u r c h überraschen und ergötzen, dass Sie uns zeigen, wie Ihre Gewandteit selbst das Heterogenste für Ihren Charakter, die Maske der Beständigkeit, mit Anstand zu tragen versteht?
Der heitre scherzhafte Ton, in dem sie sprach, milderte zwar die Bitterkeit der Beschuldigung, die für Alexandern in ihren Worten lag, aber da sein blick auf Erna, die dunkel glühend errötet war, ihm bewies, dass der Fluch des Argwohns gegen ihn, der wie ein mephitischer Dampf sich aus dem bitteren Kelch ihrer früheren Erfahrung entwickelt hatte, jetzt von Neuem wieder ihr zutrauensvolleres Wesen vergiftete, fühlte er sich so ergrimmt gegen die leichtfertige Frau, dass er den unersetzlichen Schaden, den sie ihm, ohne es zu wissen oder zu wollen, tat, auf das bitterste hätte an ihr rächen mögen.
Er nahm sich indessen zusammen, und strebte mit der Fassung eines Weltmannes, dessen Oberfläche stets ruhig scheint, wenn es auch im inneren tobt und brauset, durch eine ebenfalls scherzhafte, aber piquante Replik sich zu verteidigen. Doch kostete es ihm wirklich Ueberwindung, ihr den Groll zu verbergen, der sein Herz erfüllte, und der, wenn er sich verraten hätte, die leichte Neckerei schnell in das dornenvolle Gebiet einer förmlichen Entzweiung hinüber geführt haben würde.
Indessen war die Dämmerung eingetreten, und mit ihr die Stunde des Mittagsessens, das sie erwartete. Ein liebliches Gemach von origineller Erfindung verband, den Mittelpunkt ausmachend, zwei lange Reihen von Gewächshäusern, in denen ganze Wälder der herrlichsten Orangerie mit Blüten und Früchten prangten, und im vollen Schmuck des Südens der Schneehülle der Mutter Erde draussen spotteten. Stufenweis senkte sich von den hohen Wänden die Blumenfülle aller Zonen, so wie aller Jahrszeiten in zierlichen Gefässen herab, mit süssem Duft die Nahenden begrüssend, und zahme Canarienvögel flatterten, jetzt vom Glanz der Lichter aus ihrer früh begonnenen Ruhe aufgescheucht, zwischen dem frischen Grün umher, und belebten es auf eine anmutige Weise.
Anders aber war der erwählte Speisesaal decorirt, der durch verborgene Röhren sommerlichmilde erwärmt, in lieblicher Täuschung eine Felsengrotte darstellte. Grosse Granitblöcke, zum teil bemoost, zum teil mit Epheu und Gesträuchen umzogen, fügten sich, kunstvoll die natur nachahmend, zusammen, und wölbten sich in bedeutender Höhe, einen weiten, luftigen Raum umschliessend. Palmen, Cipressen und Laurus, mit weiser, gefälliger Oeconomie verteilt und gruppirt, schienen schlank dem weichen Moos des Bodens entsprossen, als sei hier ihre eigentliche Heimat. Ein reicher Quell ergoss von oben seine silberne Fülle rauschend als Wasserfall über mehrere Felsentrümmer, die ihn brachen und vervielfältigten, bis seine schäumende Flut zu einem breiten Wasserspiegel sich sammelte, der alsdann mit sachterem Geplätscher in einem Becken von rohbehauenem Granit sich verlor.
Hier, durch schimmernde Lampen tageshell erleuchtet, fanden sie eine reich besetzte Tafel, und es bestätigte sich auch diesmal die alte, vielbewährte Erfahrung, dass – nicht der tierische Genuss des Gaumenkitzels – sondern die Fröhlichkeit des Beisammenseins, das harmlose Ruhen aller Geschäfte und das unwillkührliche Verstummen mancher Sorgen unter munterem Geschwätz, eine wohlgeordnete gesellige Mahlzeit zu einer nicht unerheblichen Erholung und Lebensfreude zu machen pflegt. Heiterkeit und Scherz herrschte in dem kleinen aber frohen Kreise, jedoch ohne im mindesten die Gränzlinie zu überschreiten, welche die Charis vorzeichnet, denn man wurde gegenseitig traulicher, ohne dreist zu werden. Munter erklangen die Becher, mit des Bachus edelsten Gaben gefüllt, und selbst die Damen versagten es nicht, tropfenweise den Champagner zu nippen, wozu die Männer mit wahrer Kriegslist, durch ausgebrachte Gesundheiten und sonstige heitere Veranlassungen, sie stets von Neuem zu verleiten suchten.
XVII
Anfangs hatte Alexander schüchtern nur von ferne Erna's Züge und ihre Stimmung beobachtet, und so lange er sie in sich gekehrt, nachdenkend und schweigend erblickte, fand der Frohsinn den Weg zu seinem Herzen nicht.
Doch bald klärte sich der trübe Nebel auf, der ihre Stirn umwölkte, und das schöne Auge hing nicht mehr, durch die gesenkten Wimpern verschleiert, am Boden, oder erhob sich ernst, von schmerzlicher Gedankenfülle umdüstert. Freier schaute es um sich her, in seiner eigentümlichen, reinen, überirrdischen klarheit strahlend, wie ein milder Stern, der aus höheren Regionen den Glauben an das Heilige und Ewige unauslöschlich in jede Seele senkt.
Kindlichen Sinnes, und die zarten saiten ihrer Gefühle leicht bewegt, wie die vom leisesten Hauch bewegte Aeolsharfe, war ihr der Uebergang von tiefem Ernst zu mitteilender Fröhlichkeit nicht schwer, und sie kehrte nur dann erst wieder zu der ihr von den Bemerkungen der Gräfin aufgedrungenen, einsylbigen Förmlichkeit zurück, als diese Letztere, die mit der Gesandtin in ein sie lebhaft interessirendes Gespräch geraten war, beim Wegfahren plötzlich erklärte, dass sie den Platz bei derselben im Schlitten einzunehmen und den ihrigen Erna zu übertragen wünsche.
Ich werde Ihnen untreu, sagte sie zu Alexandern, aber ich mache Ihnen keine Entschuldigung, sondern ich erwarte Ihren Dank, da ich meine Stelle so würdig besetze.
Eben so ahnungslos, wie sie ihn vorhin beleidigt hatte, versöhnte sie ihn jetzt durch die gelegenheit, die