, statt Vertrauen ein. –
Hinweggescheucht von diesem Bilde hatten sie von dem widerwärtigen Eindruck, den es auf sie machte, sich noch nicht erholt, als der Gesandte, der ihnen ein wenig vorausgegangen war, sie durch einen lauten Ausruf der Bewunderung zu sich hinzog.
Hier wartete ihrer eine anmutigere Ansicht. Sie fanden ihn vor der Sirene ihrer Zeit, der reizenden Maria Stuart, die im schwarzen Sammtäubchen, das liebetrunkne Auge sanft erhoben, und den zarten Spitzenkragen um den noch zarteren Schnee des üppigen Busens geschmiegt, in wunderbarer Schönheit ihnen entgegen strahlte. Weich und lieblich hoben sich die Umrisse dieser reizenden Form von den goldbefranzten Purpurkissen ab, auf denen sie ruhte, und der blendende Schmelz ihrer blühenden lebenatmenden Farben bezeichnete sie in der jugendlichen Frische jener Zeit, wo noch der Tron statt des Kerkers ihr los war, so wie das still vor sich hin träumende Lächeln ihres verführerischen Mundes schweigend zu verkündigen schien, dass damals wohl die Regungen einer zärtlichen leidenschaft, doch noch nicht der Wurm des befleckten Gewissens und der Schmerz verlorener Freiheit in ihrem inneren nagte.
Manch mitleidiges Bedauern erweckte die Erinnerung ihres Unglücks beim Anblick ihrer Schönheit b e i d e n H e r r e n ; manch strenges, wiewohl gerechtes Urteil von Seiten d e r D a m e n , die bei der Uebersicht ihrer Schicksale fanden, dass sie nicht durch unvermeidliche Verhängnisse, sondern grösstenteils durch ihre eigene Schwäche, das Vergessen ihrer nicht nur k ö n i g l i c h e n , sondern auch w e i b l i c h e n W ü r d e , das Beleidigen alles Zartgefühls und das Verläugnen jeglicher Schaam die Dornenkrone eines schmachvollen Todes statt der zwiefachen Kronen erwarb, mit denen natur und Rang sie geschmückt hatte.
Erna schwieg, wie sie zu tun pflegte, wenn ihr milder, aber stets der Wahrheit geheiligter Sinn, nicht zu verteidigen vermochte. Doch hörte sie mit Aufmerksamkeit dem F ü r und W i d e r zu, wodurch man sich bemühte, die unglückliche Königin teils zu verdammen, teils zu entschuldigen.
Nun, wir wollen uns nicht streiten, sagte der Gesandte lächelnd, als die Debatten immer lebhafter wurden. Eine schmerzliche Busse, und am Ende der versöhnende Tod haben jetzt ja längst die schöne Sünderin wieder gereinigt. Ich spreche sie nicht von aller Schuld frei, aber viel, sehr viel trug gewiss die Rohheit ihres Zeitalters und der schottischen Sitten, und ihr in Frankreich durch Schmeichelei verwöhnter, durch Ueppigkeit aufgeregter Charakter nebst den mehrmals verfehlten Wahlen ihres Herzens zu ihrem Verderben bei. Jung, feurig, durch Parteienhass verfolgt, und a l l e i n stehend, hielt sie das dunkle Gefühl, das sie leitete, für Instinkt der Schutzbedürftigkeit, und wurde so zu gleicher Zeit ein Gegenstand öffentlicher Geringschätzung und eine Beute männlichen Uebermuts und männlicher Härte, von der nichts als neue Uebereilungen ihr eine Erlösung zu versprechen schienen. Ich bekenne, dass ich mir sie weit lieber als eine Verführte, Gefallene denke, deren Unglück mein Mitleid anspricht, da ungünstige Verhältnisse sie Stufenweise weiter auf den unrechten Weg drängten, wie als eine Lasterhafte, die durch eine schwarze Seele die himmlische Schönheit dieses Körpers entweihte, Mordgedanken hinter dieser anmutigen Stirn verbarg, und schamlose Unsittlichkeit, zerstörenden Hass und Rachgefühle in diesem blendenden Busen hegte. Daher scheint mir die Anwendung des Spruches nicht unpassend auf sie: w e r v i e l geliebt hat, dem wird viel vergeben werden.
In dieser Verdrehung des eigentlichen Sinnes jener Worte erkenne ich ganz d e n D i p l o m a t i k e r , der gewohnt ist, seine vielseitigen Meinungen unbestimmt auszudrücken, damit ihm stets ein Schlupfwinkelchen übrig bleibe, unterbrach ihn lachend die Grafin, Maria Stuart hat V i e l e geliebt, ob v i e l oder w e n i g – wer könnte das ergründen, und wenn er auch eben so tolerant wie Sie und noch bestochener vom Eindruck ihrer Reize wäre?
Ja gewiss, sagte Alexander, den Erna's Nähe und ihre holde Freundlichkeit allmählich in eine immer steigendere Begeisterung versetzt hatte, sie kannte in der Flatterhaftigkeit ihres gedankenlosen Leichtsinns die eigentliche Liebe, jene Himmelstochter, nicht. Sie, die nur e i n e n Gegenstand mit der Glut eines vollen Herzens umfasst, nur e i n e m das Dasein und alle Kräfte eines durch sie geheiligten Gemüts zu widmen vermag, hätte die Unglückliche nicht so unsicher im Leben schwanken, und am Ende als Opfer ihrer eigenen frivolen Unbedachtsamkeit sinken lassen.
Er m e i n t e in diesem Augenblick so herzlich was er sagte, er fühlte durch die Neigung, die so wahr und rein für Erna in seinem Busen aufgeflammt war, sein sonst profanes Wesen so veredelt, sich – im Endlichen das Unendliche ahnend – dem vorhergehenden Larvenleben so entrückt, und den wahren Wert des Daseins, den er sonst im Schein und Schimmer suchte, in seiner eigentlichen Wurde anerkennend, dass es nur eines fernen Entgegenkommens, nur einer leisen, aber bestimmten Hoffnung der Erhörung bedurft hätte, die unerschütterliche Basis in ihm zu gründen, die in jeder künftigen Versuchung ihn vor dem Fallen bewahrt haben würde.
XVI
Er verdiente es daher nicht, durch den eigentümlichen, oft etwas stechenden Humor der Gräfin, auf eine schmerzliche Weise der Heuchelei bezüchtigt, und in Erna's Augen herabgesetzt zu werden.
Ei, ei! hub sie nämlich an, ihn schalkhaft mit ihren Blicken