im Jahr 973 in Quedlinburg unter heiligen Betrachtungen der sieben letzten Sterbensworte des Erlösers sanft und selig verschieden sei, worauf man seinem entseelten Leichnam die Ruhestätte in Magdeburg angewiesen, das, durch die Durchzüge barbarischer Völker verwüstet, von ihm neu gegründet, und durch den ehrwürdigen Dom daselbst wahrhaft kaiserlich für alle zeiten ausgestattet worden sei.
Als nun aber Erna ihn fragte, was der grosse Kaiser einst am Osterfeiertag in Pavia erfahren, und welche mächtigeren Feinde als ein Kriegsheer von aussen, er rühmlich damals in seinem inneren bezwungen habe, wusste er ihr nicht Rede und Antwort zu geben.
Triumphirend, ihn belehren zu können, trug sie daher im Chronikenton ihm die Begebenheit vor, die sich da ereignete, und lächelte gutmütig über sich selbst, indem sie, wie sie sagte, vor einem so gründlich unterichteten Publicum als Lehrerin der geschichte auftrat.
Als nämlich einst Otto das Osterfest in Pavia beging, wurde seine Tafel unter andern speisen, auch mit einem Osterfladen besetzt, dessen köstlicher Duft einen jungen Herzog von Schwaben, der sich am kaiserlichen Hof aufhielt, zu lüsterner Begierde reitzte.
Ohne das genäschige Verlangen nach dem Genuss dieses Fladens mässigen zu können, oder zu wollen, erdreistete er sich, ehe noch der Kaiser herein getreten war, ein Stück davon abzubrechen.
Ergrimmt wurde der Truchses diese Verletzung schuldiger Ehrfurcht gegen Kaiserliche Majestät in der frevelhaften Verunzierung seiner Tafel gewahr, und erhob seinen Stab, das knabenhafte Beginnen des jungen Herzogs zu züchtigen.
Aber unglückseliger Weise verwundete er ihn, und der Hofmeister desselben, Herr Heinrich von Kempten wurde durch das Blut seines Zöglings, das er fliessen sah, so in Wut versetzt, dass er den Truchses, diese Schmach zu rächen, auf der Stelle niederstiess.
Als nun der Kaiser in der Absicht, sein Mahl zu halten, herein trat, und den treuen Diener ermordet zu seinen Füssen erblickte, entbrannte er in ungemessenem Zorn, und befahl, den Täter augenblicklich hinzurichten.
Da warf sich der Hofmeister zu seinen Füssen, und flehte nur um ein kurzes Gehör, sich verantworten zu dürfen.
Aber Otto versagte es ihm in der Heftigkeit der leidenschaft, und wiederholte den gegebenen Befehl, ihn sogleich, ohne Aufschub, zum tod zu führen.
Da bemächtigte sich des Unglücklichen die Verzweiflung, die nichts mehr zu hoffen, nichts mehr zu fürchten hat. Ausser sich fiel er den Kaiser an, der sich dieser Kühnheit nicht versah, schlug ihn zu Boden, raufte ihm den Bart aus, und würde ihn mit starker Faust erwürgt haben, wenn nicht die Umstehenden hinzugeeilt wären, und mit vieler Mühe ihn aus den Händen des Rasenden gerettet hätten.
Jetzt wollte man, empört über so unerhörte Freveltat, ihn zum tod schleppen, ohne einen neuen Befehl des atemlosen Kaisers dazu zu erwarten.
Aber siehe – er winkt mit der Hand – noch kann er nicht sprechen, doch sein gütiges Auge befiehlt Schonung – zerknirrscht von Schaam und Reue steht der nun wieder zu sich selbst gekommene Verbrecher in der Ferne.
Da ruft ihn Otto zu sich, und spricht mit sanftem Ton: "ich bekenne, dass nicht Du, sondern Gott durch Deine Hand mich gezüchtiget und geschlagen, dieweil ich das Obrigkeitliche Amt in Anhörung der sache durch Zorns Verleitung hab unterlassen. Weil ich nun meines Amts vergessen, so hat mich Gott an diesem Tag des Herrn durch Deine Züchtigung mit gebührendem Schmerz erinnern lassen, wie ich mich hinführo in dergleichen Fällen verhalten soll. deswegen rede, was zu Deiner Notdurft dient, darob ich wissen kann, wie diese Begebnis zu entscheiden.
Hierdurch ermutigt, trug Heinrich von Kempten ihm hierauf in geziemender Ehrfurcht den Verlauf der Sache vor, und fügte die demutsvolle Bitte um Vergebung seines zwiefachen Vergehens auf seinen Knieen hinzu.
Zorn und Rachsucht schwiegen in des Kaisers edlem Herzen, und er hob das früher gefällte Todesurteil wieder auf, und begnadigte den Reuigen. Doch, dieweil Du mir den Bart, die Zierde des Mannes, mit kühner Hand zerrauft und verwüstet hast, fügte er hinzu, so sollst Du eine Zeitlang mein Angesicht meiden, und mir nicht unter die Augen treten.
XV
Lachend über den Schluss der Erzählung, die Erna mit komischem Ernst vortrug, auf eine Menge alter Autoritäten sich berufend, aus denen sie dieselbe geschöpft hatte, wandelte man noch lange umher, um – von der eintretenden Dämmerung gedrängt – wenigstens flüchtig noch die übrigen Portraite zu betrachten, die als Stufen der nach und nach sich entwickelnden Kunst, und als Gepräge ihres Zeitalters so viel Interesse einflössten.
Nur momentan verweilte man bei Otto dem Dritten, dem schönen, jugendlichen Kaiser, den Eifersucht in Italien durch ein paar vergiftete Handschuh im Lenz des Lebens dahin raffte, und bei Adolph von Nassau, dem mutigen Nonnenentführer, der so früh Krone und Leben verlor. Mitleidig gingen sie an dem unglücklichen Heinrich dem Vierten vorüber, den der eigene undankbare Sohn vom Trone drängte, ihm nicht nur gewaltsam die Zierden kaiserlicher Würde rauben liess, sondern ihn unbarmherzig dem Hunger und dem Elende Preis gab; aber schaudernd wandten sich alle von dem Bilde Heinrichs des Achten von England ab, der mit einer Physionomie, als habe ihn Naturanlage und Gewohnheit zum Henker bestimmt, seine ganze, scheussliche Seele in den Fanatismus und Blutdurst ausdrückenden Blicken trägt. Sein doppeltes Kinn und die feiste Fleischmasse seiner Wangen, die das feindselig glühende Auge fast begräbt, scheint von dem eingesogenen Blut zu strotzen, das er so reichlich vergoss, und das wahrhaft fürchterliche Lächeln, das seine Züge umschwebt, flösst Entsetzen