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sagte, für die ihr gegebene frohe Nachricht, und entliess ihn am anderen Morgen, ohne zu vermuten, w e n sie unter ihrem dach bewirtet habe.

Als aber der Kaiser wieder zu den Seinigen gekommen war, sammelte er ein Kriegsheer, und bewaffnete es mit Beilen, um einen Weg durch das Dickicht des Waldes zu bahnen, bis sie das Schloss seiner unkindlichen Tochter erreichten, das er bestürmen liess.

Als nun der Graf von Altenburg sich so feindlich umzingelt sah, fragte er, wer es wage, ihm mit Kriegsüberzug zu nahen, und: K a i s e r H e i n r i c h , donnerte es in sein Ohr, während er an der Spitze des Und als nun ein Herold ihn zur Uebergabe auffoDa zerraufte sich Helena das Haar, und lief mit geDa stritten in dem schwer beklommenen VaterherTränen perlten an des Kaisers grauen Wimpern, mancherlei Fäll hat doch die Liebe, brach er aus. Wohlan! es soll Euerer Fürbitt' gewillfahret werden.

Diese milde väterliche Antwort öffnete wie durch einen Zauberschlag ohne alle fernere Gewalt das Schloss, und die Liebenden kamen, zwar bebend, aber nicht mehr zaghaft, hervor, und warfen sich in Demut nieder vor ihren beleidigten Herrn und Vater, der sie aber liebreich aufhub, ihnen verzieh, und sie wieder mit sich in sein Hoflager führte.

XIV

Ich muss gestehen, i c h wäre nicht so bereitwillig gewesen, zu verzeihen, sagte die Gräfin, und es scheint mir eine grosse Schwäche des Geistes und des Charakters anzudeuten, dass der gute Kaiser nach solchen Erfahrungen wie ein ganz gewöhnlicher Comödienvater sich benahm, und statt zu strafen vergab und vergass. Ich hätte an seiner Stelle den Herrn Grafen laufen lassen, die saubere Helena aber in ein Kloster gesteckt, um – n i c h t die L e i d e n s c h a f t , der sie gefolgt warwohl aber die L i e b l o s i g k e i t i h r e r k i n d l i c h e n G e s i n n u n g gehörig zu büssen.

Dass die gefühllose Tochter dies verdient hätte, bestreite ich nicht, unterbrach sie Erna, aber sollte, was Ihnen Armut des Geistes dünkt, nicht eher ein Reichtum des Herzens gewesen sein, der den Kaiser vielleicht unwillkührlich bewog, nicht als Richter, sondern nur als Vater zu handeln? Wie der Ocean den Tropfen verschlingt, dass keine Spur mehr sein kurzes Dasein verrät, so tilgt die Liebe durch ihre unüberschwängliche Fülle ja auch die einzelnen Kränkungen und Beleidigungen aus, die uns von aussen kamen, denn d i e L i e b e überwindet alles, und vergiebt alles. –

Mit brennenden Blicken lauschte Alexander ihren Worten, die so tröstlich die dunkle Wolke seines Schicksals mit dem goldenen Saum der Hoffnung zu schmücken schienen. Errötend bemerkte sie die hochgespannte Achtsamkeit, mit der er ihr zuhörte, und setzte, Misverständnissen vorbeugend, hinzu: die h i m m l i s c h e L i e b e nämlich, die das eigentliche Leben ist, und die Nacheiferung dessen, der seine erwärmende Sonne Bösen und Guten scheinen lässt, und seinen erquickenden Regen über Gerechte und Ungerechte verteilt, und die, weil sie nicht im Irrdischen, sondern in einer höheren Region ihr Wesen gründete, unsterblich ist, und unsterblich macht.

Sie wandte sich hierauf wieder zu den Gemälden, und die Lebendigkeit, mit der sie nach ächt weiblicher Art sich in der geschichte wenig um die Heldentaten berühmter Männer, desto mehr aber um die kleinen individuellen Züge ihres Privatlebens und um die zeitgemässen Eigenheiten ihrer Sitten bekümmert hatte, und die Genauigkeit, mit der ihr treues Gedächtnis sich ihrer erinnerte, charakterisirte ihr Geschlecht auf eine sehr anmutige Weise, und nahm ihrem Wissen, das sie unbefangen und freudig aussprach, jeden pedantischen Anstrich gesuchter Gelehrsamkeit, da es nur als freundlicher Anteil an dem m e n s c h l i c h empfundenen Wohl oder Weh der längst in Staub Verwandelten erschien.

Es machte ihr Vergnügen, mit dem Gesandten, der die geschichte als sein Lieblingsstudium trieb, ein kindlich neckendes Examen anzustellen, in welchem er oft nicht zu bestehen im stand war, da sie begehrte, er solle in die grössten Einzelnheiten eingedrungen sein, und immer mehr d e n M e n s c h e n , als seinen öffentlichen Charakter im Auge behalten haben.

Er hingegen, der Würde des historischen Zwecks sich bewusst, und ihn auf höheres beziehend, als auf das eigentlich m e n s c h l i c h e Leben, von dem schon Salomon behauptet, dass es nichts neues zu bieten habe, hatte ihn i m A l l g e m e i n e n aufgefasst, und weniger enge grenzen der Uebersicht sich gezogen. Wohlgeordnet wusste er die allmählich aus der Nacht hervortretenden Fortschritte der Bildung nach ihrer Zeitfolge sich vorüber zu führen, aber von dem eigentlich Häuslichen, Herzlichen der Vergangenheit, das für Erna die Hauptsache war, hatte er keine Notiz genommen.

Daher als sie jetzt vor Otto des Grossen Bilde standen, wusste er zwar in der möglichst chronologischen Ordnung darzutun, dass dieser seltene, wahrhaft grosse Mann im Jahr 937 in Aachen von Hildebert, Erzbischoff zu Mainz gekrönt worden sei, tapfer als Kriegsheld für Recht und deutsche Ehre gekämpft, ritterlich seine Feinde überwunden, stets einen frommen gottseligen Wandel geführt habe, und