1820_Ahlefeld_001_24.txt

Geringschätzung gränzende Gleichgültigkeit ihn zu verdammen schien.

Auf einer Anhöhe, zu der, wo der Wald aufhörte, eine breite Allee sanft empor leitete, lag Bellevue, das Ziel ihrer Fahrt, und hell und freundlich von der mittäglichen Sonne beschienen, strahlte ihnen das wohlgebaute Schloss mit den weit ausgebreiteten Orangeriegebäuden entgegen, die es umgaben.

Dort stiegen sie aus, und wandelten umher. Der Reichtum so vieler tropischen Gewächse, die Zierden jedes Himmelsstrichs, und der Triumph der Kunst, die selbst in dieser Jahreszeit die dem Sommer eigentümlichen Blumen zum Blühen zwang, machte auf Erna, die der Pflanzenwelt so hold war, einen kindlich frohen, ihr ganzes Wesen freudig umwandelnden Eindruck.

Auch Alexander fühlte sich freudiger angeregt, indem er bemerkte, dass in dieser sanften Neigung wenigstens ihr Gefühl dem seinen begegnen müsse, denn an K i n d e r , an M u s i k und B l u m e n hing sein Herz vorzüglich, und beurkundete eben dadurch, dass es ursprünglich eine edlere Tendenz von der natur erhalten hatte, als sich im Getöse seelenloser, oft gar die Seele entweihender Freuden müde zu schlagen. Er selbst zog in seinen Zimmern mit der genausten Sachkenntnis, und mit wahrer väterlichen Liebe die schönsten Blumen, und so ungeduldig er auch übrigens war, so konnte sein rascher Sinn doch mit der grössten Behutsamkeit und Ausdauer das Entwickeln und Fortschreiten einer Knospe belauschen, oder dem leisen Entfalten einer lang ersehnten Blüte entgegen harren.

Es näherte ihm Erna auf eine zwanglose und ganz zufällig scheinende Art, dass seine botanische Gelehrsamkeit ihr viele Namen, die ihr fremd waren, zu nennen wusste, und da er diese Wissenschaft nicht bloss systematisch, sondern mit wahrer entschiedener Vorliebe und Anwendung auf das praktische Leben geübt hatte, so konnte er ihr mehr mitteilen, als die trockene Nomenclatur allein bietet, und fügte die Eigenschaften, Zwecke und charakteristischen Tugenden eines jeden Gewächses, das ihr eine neue Erscheinung war, mit hinzu.

Eine so harmlose Unterhaltung machte sie zutraulich. Schon hörte sie nicht nur mit gespannter Aufmerksamkeit seinen Belehrungen zu, sondern suchte durch fragen ihren Umfang zu erweitern, und durch Einwürfe, und oftmals keck genug ausgesprochene Zweifel sich immer gründlicher durch seine Mitteilungen zu unterrichten. Unvermerkt entfernten sie sich von den Uebrigen, die weniger lebhaften Anteil an den Einzelnen nehmend, sich lieber dem Gesammteindruck dieses erkünstelten Frühlings überliessen, und vor der prächtigen camellia japonica stehend, docirte er ihr mit vielem Ernst, dass sie vermöge des ewig frischen Grüns ihrer Blätter und des pergamentartigen Stoffs ihrer Blüten zu dem Geschlecht der Orangerie gehöre, in China und Japan zu haus sei, und die Eigenheit besitze, dass ihre vom höchsten Purpur bis zum reinsten Weiss übergehenden Blüten abfallen, ehe sie noch verwelkt sind.

Diese Worte schienen in Erna's leicht bewegtem Gemüt eine sonderbare Erschütterung hervorzubringen. A b f a l l e n , v o r d e m V e r w e l k e n , welch ein neidenswertes los! sagte sie leise vor sich hin, und beugte sich auf eine der Blüten herab, die, obgleich nur sanft von ihr berührt, sich vom Stiel trennte, und herab säuselte.

Schnell hob Alexander sie auf. Wie eine Mutter in ihren Kindern noch fortlebt, sprach er, so pflegt man diese Blüten auf junge Knospen ihres Stammes zu setzen, wo sie noch lange in ihrer Schönheit fortdauern, ohne eine andere Nahrung in sich zu ziehen, als die, die sie in ihrer eigenen Kraft finden.

Sie nahten sich jetzt der Plumeria rubra, und Erna fragte, ob dies nicht eine Abart des Oleanders sei, den sie in südlichen Ländern so oft im Freien habe blühen sehen.

Alexander musste eine flüchtige Familienähnlichkeit zwischen diesen Gewächsen anerkennen, berichtigte aber den freundlichen Irrtum, in welchem sie gleichsam eine alte Bekanntschaft in dieser Pflanze zu erneuern wähnte, dahin, dass er ihr aus einander setzte, wie sie, aus Jamaika abstammend, nur in heissen Lüften gedeihe, und schon in den sonderbaren, mit einander gleichlaufenden, und noch vor dem rand der grünen Blätter sich wieder vereinigenden Seitenadern ihre indische Herkunft beurkunde, da eine solche Zeichnung europäischen Gewächsen nicht eigen sei. Sie verlange stets eine gleiche, und nicht zu schwache Temperatur der Wärme, und lohne die sorgsame Pflege, die ihr unter kälteren Zonen Bedürfnis sei, durch ihren herrlichen Duft, der ihr in ihrer Heimat auch noch die Benennung: roter Jasmin zugezogen habe. Ihren botanischen Namen verdanke sie dem verdienstvollen französischen Pater Plumier, der zu Anfang des vorigen Jahrhunderts die westindische Naturgeschichte mit so vielem Eifer untersuchte, so treffliche Entdeckungen als Resultate seines Forschens uns hinterliess, und der erste war, der diese Zierde eines fremden Himmelsstrichs nach Europa sandte.

Mit vielem Interesse hörte Erna ihm zu. Wie schön find' ich diese Art, das Andenken eines Naturforschers zu ehren, sagte sie. Ein unvergänglicheres Denkmahl, als Erz und Marmor bieten können, blüht ihm in der ewig sich erneuernden Jugend und Schönheit des Pflanzenlebens, und trägt seinen Namen dankbar in ferne Jahrhunderte hinüber.

Ich kann's nicht ausdrücken, fuhr sie zur Gräfin gewendet, fort, die sich ihr genähert hatte, welchen warmen Anteil gerade d i e s e r Zweig der Naturgeschichte in mir erregt, welch eine eigene, schmerzlich süsse Bedeutung mein Gemüt in das stille Knospen, Treiben und Vergehn der Pflanzen legt. Es gemahnt mich, wie das menschliche, oder vielmehr wie das weibliche Leben, das auch, so eng