ein Einsiedler zu werden, so bitte' ich, diesen Plan wenigstens noch ein paar Tage aufzuschieben, denn ich habe auf Sie gerechnet, und zur Strafe für Ihre Misantropie so unumschränkt über Sie disponirt, als hätte ich das Recht, Sie zu meinen beweglichen oder unbeweglichen Gütern zu zählen.
Ahnungslos, welch eine Himmelspforte ihr Vorschlag ihm aufschliessen werde, antwortete er, mit sauerm Mismut im Herzen, aber mit der behenden gefälligkeit eines gewandten Hoffmanns, dass er keiner Gewalt als der Ihrigen sich freudiger unterwerfe, und sie daher vollkommen berechtigt sei, in jeder Hinsicht über ihn zu gebieten.
Der Winter ist so schön, und wir haben ihn eigentlich noch gar nicht benutzt, fuhr die Gräfin fort, denn Bälle, Schauspiele und Assembleen könnte uns allenfalls auch der Sommer gewähren; nun hör' ich, dass seit gestern herrliche Schlittenbahn sein soll, und habe ein Projekt entworfen, wie wir den morgenden Tag recht geniessen wollen. Um zwölf Uhr Vormittags sind Sie bei mir zum Frühstück geladen. Sie bestellen zu halb zwei Uhr Ihren Schlitten nach, und haben die Ehre, mich nach Bellevue zu fahren. Dort erwartet uns das Diner in der Orangerie. Mit Fackelschein fahren wir zurück, und, da ein Tag, der so heiter beginnt, notwendig auch ein frohes Ende haben muss, so bringen wir den Abend bei dem *sischen Gesandten zu, der mit seiner Familie auch von der Partie sein wird, und sich's ausgebeten hat, dass wir dann sämmtlich bei ihm absteigen.
Der Nachsatz ihrer Rede söhnte Alexandern mit dem Vordersatz wieder aus, denn nur mit innerem Widerstreben, aus Höflichkeit, nicht aus Neigung, da er zu geselligen Freuden keineswegs aufgelegt war, hätte er sich ausserdem in ihren Plan gefügt, der jetzt seine kühnsten Erwartungen übertraf. So sollte er sie wiedersehn, ohne in dem misfälligen Licht eines Zudringlichen zu erscheinen, ohne sie aufzusuchen, ja, auf eine Art selbst gesucht, die seinem Stolz schmeicheln, und ihm einiges Ansehn in ihren Augen verschaffen musste, da die Gräfin Tannow, die ihn zu ihrem Führer wählte, eine der gefeiertesten Damen der Residenz war.
Freudig einwilligend verbeugte er sich, und würde ihr sein Entzücken noch lebhafter bezeugt haben, wenn nicht teils die Klugheit ihm geraten hätte, es zu verbergen, teils ein Anblick ihn so befremdet und zerstreut hätte, dass es ihm nicht möglich war, sich gehörig zu sammeln.
Es trat nämlich ein junger Mann in die Loge des Gesandten, der mit allen Kennzeichen genauer, traulicher Bekanntschaft Platz hinter Erna nahm.
Eine angenehme Gestalt und ein freier, durch Welt und gute Erziehung gebildeter Anstand zeichnete ihn aus – mehr noch ein gewisser Ernst, der reifer wie seine Jahre war, und sich fast zur Düsterheit hinneigte. In dem freundlichen Empfang, der ihn von Seiten der Gesandtin und Erna's wurde, lag ein eben so unverkennbarer Ausdruck von achtung als von Wohlwollen, und unwillkührlich beneidete er den Unbekannten um das Lächeln, und den herzlichen Gruss, mit welchem Erna ihn aufnahm.
Er verarbeitete das Unbehagen in sich, das bei diesem Anblick mit plötzlichem Schauer die frohen Wallungen seines Blutes kühlte, und als er wieder so viel Ruhe gewonnen hatte, um gleichgültig fragen zu können, forschte er nach dem Namen des ihm völlig Fremden, und erfuhr, dass es Herr von Linovsky, der Legationssecretair und sehr geachtete Hausfreund des Gesandten sei. Die Gräfin schilderte ihn als einen guten, klugen, aber etwas bizarren Menschen, der den Philosophen spiele, allen geselligen Freuden abgeneigt, aber demungeachtet seiner übrigen guten Eigenschaften wegen von den beiden Damen sehr wohl gelitten sei.
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Da Erna nach der ersten Begrüssung sich wieder ruhig zum Teater wandte, und Linovsky sich keineswegs bemühte, sie durch seine Unterhaltung davon abzuziehen, so stillten sich in Alexandern allmählich die eifersüchtigen Regungen, die ihm von neuen bestätigt hatten, wie teuer ihm das liebenswürdige Mädchen geworden sei.
Ohne das mindeste Recht auf sie, ja selbst ohne eine eigentliche Hoffnung zu haben, war ihm doch, als sei sie mit tausend unzerreissbaren, durch heisse Liebe gewebten Banden an ihn geknüpft, und als dürfe niemand wagen, sie ihm streitig zu machen, oder auch nur in bescheidener Entfernung Wünsche in Beziehung auf sie zu hegen, die er sich allein vorbehielt.
Er fühlte, es sei die höchste, entscheidendste Zeit die Bahn unwürdiger Verirrungen nun auf immer zu verlassen, und den Weg der Tugend künftig zu wandeln, und übersättigt vom austrocknenden, öden Weltleben sehnte er sich darnach – aber er fühlte auch, dass er der himmlischen Stütze der Liebe bedurfte, um mit hülfe ihrer Allmacht zu dem höheren Standpunkt empor zu klimmen, von dem ihn bisher Leichtsinn und Frivolität geschieden hatte. Schon war sein Herz mild erwärmt von jener heiligen Flamme, die über alle ehemaligen Täuschungen der Sinne ihn erhebend, keinem Rausche, sondern einer inneren Verklärung gleich, durch die das Leben sich läutert; aber Erna's Betragen deutete nicht auf die Wahrscheinlichkeit einer einstigen Erwiederung seiner Gefühle, denn der ruhige Ernst ihrer Züge und die kühle Stille ihres Blicks, wenn er dem seinigen begegnete, schlug seine feurigen Hoffnungen nieder, doch nur um – Nahrung aus seinen Wünschen schöpfend – sich bald wieder von neuem zu entzünden.
Er nahm sich vor, mit der leisesten Behutsamkeit zu verfahren, um durch ein immer gleiches, bescheidenes Benehmen Erna's Unwillen so wie ihr Mistrauen zu entkräften. Dann erst, das sagte ihm die Vernunft und ein gewisser innerer Takt,