mit sich selbst entzweit, und doch sein ganzes Wesen durch einen neuen, kräftigeren Impuls aufgeregt, kam Alexander nach haus, und verträumte noch manche Stunde in Erna's Andenken, ehe der Schlummer sein müdes Auge schloss. Hätte er seiner Neigung nachgeben mögen, so würde er am folgenden Tag schon versucht haben, Zutritt im haus des Gesandten zu erhalten, das, ohne jemals grosse Feste zu geben, sich jeden Abend gastlich den Besuchen gebildeter und befreundeter Menschen öffnete. Aber nach der Art, wie Erna ihn aufgenommen, schien es ihm zu kühn, ihr in ihrer eigenen wohnung zu nahen, ehe nicht ein zweites, milderes Zusammentreffen am dritten Orte ihn dazu ermuntern würde. Denn auch nur den leisesten Schein einer Zudringlichkeit auf sich zu laden, war seinem Stolze unerträglich, selbst hier wo es Beschwichtigung der inneren, ewig nagenden Unruh und Linderung der sehnsucht galt, die an seinem Herzen zehrte.
Erna's Erscheinung wirkte indessen in seiner Seele fort, indem sie ihn immer mit sich beschäftigend, von seinem gewohnten Tun und Treiben abzog. Nie hatte er einsamer und zurückgezogener gelebt. Ganze Tage brachte er, sich selbst genug, in seinem Zimmer zu, über die tiefe Bedeutung ihres Charakters, die reiche Entfaltung ihrer schönen Anlagen nachzudenken. So lebendig, als sei sie es wirklich, erblickte er dann im Spiegel seiner Phantasie ihre schlank aufstrebende, hohe, und doch in dem reizendsten Ebenmaas so sanft gerundete Form, und das seelenvolle Gesicht, das in seinen Zügen einen so himmlischen Ausdruck offenbarte. Dann lag die ganze Welt versunken und vergessen hinter ihm, und nur ein einziges, unendliches Gefühl sagte ihm, dass er lebe, aber nur um zu wünschen und zu hoffen, was doch so fern, in so unerreichbarer Höhe schimmerte, wie der Mond, der seinen reinen Strahl zur dunkeln Nacht herab senkt.
Noch hatte nichts im Leben seinen Charakter zur tiefen Einkehr in sich selbst zurückgedrängt. Jetzt auf einmal fand die unstäte Begehrlichkeit seines Sinnes einen festen Halt im Dasein. Er fühlte sich besser, als sonst, folglich auch ihrer würdiger. Die Vergnügungen, in denen er sich ehemals berauschte, ekelten ihn jetzt an – schaal und unschmackhaft waren ihm die Früchte der Weltklugheit, die er gegen den Preis eines reinen Herzens eingetauscht hatte, und gern würde er alle Blüten seines künftigen Lebens, gleich einer Opfergabe, auf den Altar reiner Anbetung niedergelegt haben, hätte Erna nur freundlich die Hand ausstrecken wollen, sie zu empfangen.
Die einzige Annäherung, die er sich gestattete, war des Abends, wo er durch die Strasse ging, in der sie wohnte. Dann sah er zu den hellen Fenstern empor, wie man zu den Sternen aufblickt, wenn man die Dürftigkeit der Erde recht tief empfindend, sich nach dem Himmel sehnt. Ihm war dann, als könne er, wenn ein leichter Schatten an den Wänden vorüberschwebte, erkennen, ob sie es sei oder nicht, und nicht nur manche Sekunde im flüchtigen Vorüberstreifen, sondern ganze halbe Stunden ruhig verweilend, brachte er in seinen Mantel gehüllt, dem haus gegenüber zu, dessen Mauern so glücklich waren, sie zu umschliessen.
Acht Tage waren so seit jenem Ball vergangen – da fand er einst die Fenster dunkel, folglich seinen Abendspaziergang des höchsten Reizes beraubt. Verdrieslich darüber lief er zwecklos noch durch einige Strassen, und als sein Weg ihn am Opernhause vorüberführte, und, durch die Entfernung gedämpft, Mozarts Zauber in den herrlichen Tönen Don Juan's sein Ohr traf, beschloss er, leise von ihnen ergriffen, einzutreten, obgleich die Vorstellung längst begonnen hatte.
IX
Hier fand er unverhofften Ersatz für seine früher verfehlten Wünsche. Denn als er, im Parterre stehend, gleichgültig und finster sein Auge über die schimmernden Logenreihen hingleiten liess, wurde er mit einem Male wie durch einen elektrischen Schlag fest an e i n e Stelle gebannt. Denn er erblickte Erna, welche – ihre ganze Aufmerksamkeit der Darstellung widmend – neben der Gesandtin sass.
Dass sie mit unverwandtem blick auf der Bühne ruhte, begünstigte sein Verlangen, s i e , nur s i e zu sehen, da es unbemerkt von ihr geschehen konnte. Wie schön war sie wieder, einfach, fast nachlässig gekleidet, und doch von unendlicher Eleganz und Zierlichkeit umgeben. Ein Spitzenschleier bezeichnete, mit seinem äterischen Gewebe sanft sich an ihr Haupt schmiegend, die schöne Form desselben, und ein türkischer Shawl die edlen Umrisse ihrer Gestalt. Ihre sprechenden Mienen, durch lebhafte Teilnahme an dem was sie sah und hörte, mit immer neuem, kindlich reinem Ausdruck beseelt, boten ihm, in ihrem Anschauen alles um sich her vergessend, eine unerschöpfliche Fülle des Genusses und der Bewunderung. Daher kam es, dass er erst mehrere Male am Ermel gezupft werden musste, ehe er sich umsah, eine Botschaft der Gräfin Tannow zu vernehmen.
Sie befinde sich in der Loge gerade über ihm, liess sie ihm sagen, und wünsche ihn auf ein Wort zu sprechen. Ungern folgte er ihrem Geheiss, denn wenn er gleich in ihrer Loge den süssen Anblick nicht verlor, der ihn hier fast zur Bildsäule versteinert hatte, so war er doch dort weniger unbemerkt, und gezwungen, seine Blicke sorglicher zu bewachen, als hier, wo er weit unbeachteter sich im Gedränge der Menge verlor.
Er musste indess gehorchen. Man sieht Sie ja gar nicht mehr, flüsterte die Gräfin ihm zu, als er über ihren Stuhl gebeugt, sie begrüsste. Haben Sie die Absicht,