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misfälligen Eindruck, ihn die Sprache des Gefühls, der Erkenntnis und der Reue reden zu hören, da sie nach seinen ehemaligen Bekenntnissen dies Betragen nur für listige Verstellung hielt. In edlem Zorn erglühend fehlte der Nichtachtung, die sie in diesem Augenblick für ihn empfand, die Kälte, welche sonst gewöhnlich Geringschätzung zu charakterisiren pflegt, und mit bewegtem Busen und flammendem Auge sprach sie, indem sie aufstand: Ein Schauspieler von I h r e m Talent, Herr von Norbeck, sollte seine Rolle nur vor einem d a n k b a r e n Publicum recitiren. Der Beifall eines unbedeutenden Mädchens wie ich, würde Ihnen schon darum nicht gnügen, weil er nicht rauschend istund jener i n n e r e des Bewusstseins, wenn er auch der Preis einer künstlerischen Darstellung sein könnteden achten ja, wie Sie mir früher gesagt haben, Leute von Welt und gutem Ton nicht.

Sie wandte sich hierauf rasch von ihm ab, und setzte sich zum Spieltisch der *sischen Gesandtin, wo sie verweilte, bis es zur Abendtafel ging.

VII

Bitter, und im höchsten Grad aufgeregt war die Stimmung, in welcher Alexander ihr nachsah. Das Schonungslose, Auffallende ihrer brüsquen Entfernung beleidigte ihn fast noch mehr als die ihn herabwürdigende Bedeutung ihrer Worte, denn es stellte ihn seiner Meinung nach, vor der Welt bloss, und er fühlte sich, voll Furcht, dass ein seine Eigenliebe so demütigendes Benehmen von jedermann habe bemerkt werden können, eben so empfindlich am Heiligtum äusserer Ehre angegriffen, als tief im inneren gekränkt, durch das Unrecht, das sie ihm tat.

Indessdies letztere musste er ihr wohl verzeihen, denn war e r es nicht, der ihre zutrauensvolle Jugend durch Argwohn vergiftet, und den Glauben an Wahrheit, Güte und Treue in ihr erschüttert hatte? O wie gern hätt' er jetzt ihn neu erwecktwie innig, schmerzlich sogar, war sein Sehnen, sie möge milde ihm die reine unbefleckte Hand reichen, um aus seinem bisher so profanen Leben ihn in ein besseres, seiner würdigeres, hinüber zu ziehen. Was hätt' er nicht darum gegeben, jenen feindselig erkältenden Eindruck wieder verlöschen zu können, den er einst so froh war, in ihrem Herzen erregt zu haben. Dochwer vermag das Rad der Zeit z u r ü c k zu wälzen, und Geschehenes ungeschehen zu machen? Noch verliess ihn die Hoffnung, sie zu gewinnen, nicht, denn nach den ersten Momenten unmutiger Aufwallung flüsterte seine Eitelkeit Worte des Trostes in den Sturm seiner Seele.

Sie z ü r n e t DirGott sei Dank! – Du bist ihr nicht gleichgültig, jubelte er, als er bedachte, dass sie, die Feingebildete, unmöglich mit Verletzung aller Höflichkeit so heftig von ihm geschieden sein würde, wenn ihr Gemüt nicht im lebhaftesten Kampfe zwischen Stolz und Neigung begriffen gewesen wäre.

Da er es nicht für geraten hielt, heute noch den Versuch, sie zu sprechen, zu erneuern, so bemühte er sich wenigstens, etwas näheres über ihre hiesigen Verhältnisse zu erfahren.

Man erzählte ihm, dass sie erst ganz kürzlich mit der *sischen Gesandtin hier angekommen sei. Sie habe in Italien ihre Bekanntschaft gemacht, und sei von ihrer Mutter auf dem Sterbebette dem Schutz und der Fürsorge derselben empfohlen worden. Diese habe nach dem tod der Frau von Willfried mit inniger Liebe das teuere ihr anvertraute Pfand bei sich aufgenommen, und Erna mit sich nach Frankreich geführt, wo ihr Gemahl früher, ehe er hieher versetzt worden, einem diplomatischen Posten vorgestanden. Nach einem zweijährigen Aufentalt in Paris habe das veränderliche los seines Standes ihm h i e r seinen Platz als Gesandter angewiesen, und Erna, die sich so innig zu dieser Familie zähle, als sei sie durch Bande des Bluts mit ihr verwandt, sei ihr auch hieher gefolgt. Man rühmte sehr den anmutigen Ton dieses Hauses, und riet Alexandern, sich doch ja recht bald dort einführen zu lassen, da man stets einen auserwählten kleinen Cirkel und die angenehmste Unterhaltung dort finde.

Um den Pfeil, mit welchem Erna's Schönheit ihn verwundet hatte, ihm durch ihren steten Anblick noch tiefer ins Herz zu drücken, wiess ihm der Zufall seinen Platz bei der Abendtafel ihr gerade gegenüber an.

Wie brannte er vor Verlangen, nur einem jener Blicke zu begegnen, der wie einst, als er ein solches Glück noch nicht zu schätzen wusste, ihm ihr vom süssen Zauber der Liebe bewegtes Gemüt verraten hatte. Aber umsonst. Sie schien der Erinnerung jener Zeit so ganz entfremdet zu sein, so völlig seine Bekanntschaft und das noch vor wenig Momenten Vorgefallene vergessen zu haben, dass ihr Auge so unteilnehmend und fremd über ihn hinwegstreifte, als sei er gar nicht dawenigstens nicht für sie.

Und doch gewährte es ihm einen schmerzlichen Genuss, sie unablässig zu beobachten. Die Unschuld und Unbefangenheit eines Kindes mit scharfem Verstand und der feinsten Geistesbildung verbunden, die grösste Anspruchslosigkeit bei dem entschiedensten Recht zu Ansprüchen, stellte in ihrer person ein seltenes, aber unwiderstehliches Gemisch von Liebenswürdigkeit dar, das kaum ihrer siegenden Reize bedurft hätte, um jedes Herz magnetisch anzuziehen. Heiter, wie ein Frühlingstag, und sich der Fröhlichkeit des Augenblicks kindlich hingebend unterhielt sie sich mit ihren Nachbaren, und wer sie in diesem Austausch des Scherzes und der geselligen Mitteilungen sah, konnte schwerlich ahnen, dass ihr Geist in der Schule ernster Erfahrungen gereift, ihr Gefühl im Prüfungsfeuer tiefen Schmerzes geläutert sei.

VIII

Mismutig,