Benehmen des Fräuleins gegen ihn, wenn sie es gleich nur für zufällig hielt, und um die Empfindlichkeit zu mildern, die sie sehr wohl an ihn bemerkte, sprach sie in der Hoffnung, das Unangenehme seiner Situation zu vermitteln, die Bitte aus, dass Erna ihm, der ein ihrer Kunst würdiger Tänzer sei, zur Freude sämmtlicher Zuschauer eine Française schenken möge.
Ruhig, ohne ein Zeichen des Unwillens oder der persönlichen Abneigung erklärte sie, dass der Wunsch der Gräfin ihr Befehl sein würde, wenn sie nicht bereits das Maas im Tanzen überschritten hätte, das ärztliche Vorschrift ihr ihrer Gesundheit wegen vorgezeichnet habe. Eine lang anhaltende, heftige Bewegung vertrage sich nicht mit ihrem Wohlbefinden, und sie sei zu erhitzt und ermüdet, um diesen Abend noch wieder tanzen zu dürfen.
Da ihre Entschuldigungsgründe von ihrer Gesundheit hergeleitet waren, konnte die Gräfin nichts dagegen einwenden, und mit der feinen Geschliffenheit der grossen Welt, die bei keinem Gegenstand so l a n g e v e r w e i l t , dass er l a n g w e i l i g wird, gab sie dem Gespräch sogleich eine andere Wendung.
Indess begann ein neuer Tanz, und die beiden Damen, zwischen welchen Erna gesessen, folgten der Aufforderung, daran teil zu nehmen. Die Gräfin wurde abgerufen, und Erna, sich jetzt nicht ohne einige Verlegenheit ihm allein gegenüber findend, setzte sich wieder mit gesenktem Auge auf ihren Platz, während er mit klopfender Brust sich zu dem Entschluss ermutigte, sich kühn an ihrer Seite niederzulassen, und sie anzureden.
VI
Lange suchte er, der sonst so Gewandte, jetzt vergeblich nach einem Worte passender Annäherung.
Er merkte, dass nicht nur in ihm allein, dass auch in Erna die Verwirrung stieg, mit der die Unmöglichkeit, ihm jetzt schicklicher Weise auszuweichen, sie erfüllte, und er schöpfte Ermunterung aus dieser Wahrnehmung, da selbst ihr Unwillen ihm schmeichelhafter war, als die bisherige stille Gleichgültigkeit mit der sie ihn übersah.
Darf der Neffe einer Frau, welche Sie so kindlich verehrten, es wagen, Sie hier willkommen zu heissen? sagte er endlich.
Bei diesen Worten verdunkelte sich die Glut auf Erna's Wangen. Ein tiefer Ernst gab ihren Zügen Ruhe, ihrer Haltung Würde. Warum beschwören Sie die abgeschiedenen Geister, Herr von Norbeck, antwortete sie, gönnen wir den toten ihre Ruhe.
Und sollte diese Ruhe durch eine ehrfurchtsvolle Erinnerung gestört werden? erwiderte er. Vielleicht hab ich meine Tante während ihres Lebens nicht so gekannt und geschätzt, wie ihr seltner Wert es verdiente. Der Leichtsinn meiner früheren gedankenlosen Jugend, der mich blind für wahre Verdienste machte, liess mich manches in dem trügerischen Lichte törichter Verblendung wahrnehmen, was späterhin durch eine bessere überzeugung und durch Reue mir ganz anders erschien. Daher wenn ich mit Wehmut und Dankbarkeit der edlen Frau gedenke, deren Vortrefflichkeit ich zu spät einsah, um sie in ihrem ganzen Umfang noch auf Erden ehren zu können, und mich bestrebe, jetzt, wo sie nicht mehr Zeuge meines irrdischen Wandels sein kann, ihn so zu führen, dass sie mit mir zufrieden sein würde, wenn sie ihn beobachten könnte – sollte das nicht das würdigste Todtenopfer sein, das ich ihren Manen zu bringen vermöchte?
Statt durch den sich entschuldigenden Sinn seiner Rede gerührt, und zu versöhnender Milde bewegt zu werden, fühlte sich Erna erbittert und empört, da sie ihn für einen Heuchler hielt.
Denn was sie seit ihrem kurzen Aufentalt in der Stadt bereits – teils zufällig, teils leise durch eigenes Forschen veranlasst – von ihm gehört hatte, stellte ihn nach dem allgemeinen Urteil als einen entsetzlichen Wüstling dar, so früh schon verdorben, dass ihm nicht einmal eine Ahnung von Schuldlosigkeit, noch weniger das Andenken wahrer Herzensreinheit geblieben sei, und der – ewig in frivole Abenteuer und Intriguen verstrickt – sich voll frecher Spottlust und schadenfroher Verstellung eine jede Maske anzupassen wisse, die sich zur Befriedigung seiner momentanen Wünsche und Begierden eigne.
Zwar sprach das Urteil der Welt auch von seiner persönlichen Liebenswürdigkeit, und manchem grossmütigen, schönen Zug seines ursprünglich edlen, nur durch Ausschweifungen entweihten Charakters liess man Gerechtigkeit widerfahren. Auch verteidigten ihn viele, wenn er getadelt wurde, mit Eifer, da die Sittenlosigkeit eines jungen unverheirateten Mannes in Bezug auf Frauen gewöhnlich von den meisten nicht so streng gerichtet wird, als sie es wohl sollte. Aber konnte seine Freigebigkeit, sein Mut, sein Frohsinn, der dem Leben stets die lachende Seite abgewann, wohl den Mangel jener höhern Tugenden in ihm ersetzen, die allein erst dem Menschen sittliche Würde geben? – Seine individuelle Anmut durfte, so meinte Erna, niemand zu seinem Vorteil bestechen, da diese die Gefahr seiner verderblichen Nähe nur vergrössern half. Er war in ihren Augen, was sie nicht ohne Schauder sich denken konnte: e i n M e n s c h o h n e R e l i g i o n . Er selbst hatte ihr ja – sie bebte noch bei der Erinnerung jenes schrecklichen Augenblicks – mit kecker Dreistigkeit gesagt, dass er n i c h t s g l a u b e , n i c h t s h o f f e , und dass üppiger Lebensgenuss die einzige Tendenz seines Handelns, das einzige Prinzip seiner Moral sei. Diese Erfahrung, die ihr Gedächtnis nur allzutreu bewahrt hatte, verdunkelte noch den düstern Schatten, den sein Ruf in ihre Seele warf.
Es machte daher auf ihr alle Heuchelei tief verachtendes Gemüt einen sehr