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Kaum erinnerten noch die edlen seelenvollen Züge an den bleichen Schatten, den ihr früheres Bild in seinem Gedächtnis zurückgelassen hatte. War dies stolz in so reizender Lebensfreudigkeit auftretende Mädchen, das mit heller Geistesgegenwart und klarer Umsicht die Huldigungen der Menge kaum zu beachten schien, wirklich jenes einst so blasse, blöde Kind, das in seiner Verlegenheit oft so link sich darstellte, und schüchtern in sich selbst zusammenzitterte, wenn ein blick es traf, oder ein Wort es zur Rede zwang? Etwas über mittlere Grösse heran gewachsen, schmückte die lieblichste Harmonie aller Verhältnisse ihren schlanken Bau, und der ungezwungenste, edelste Anstand vollendete den einschmeichelnden Eindruck, den ihre vollkommen schöne Gestalt bei'm ersten Anblick auf jeden unverwahrloseten Sinn machte. Ihr reiches braunes Haar, kunstvoll aufgewunden, und wieder in seidene, wallende Locken um Stirn und Schläfe ausgegossen, war mit Diamanten durchflochten, doch ein reineres Licht, als diese auszuströmen vermochten, strahlte von den klaren herrlichen Augen, in denen eine seltene Tiefe des Gemüts, verschmolzen mit allem Feuer eines hellen Geistes, sich aussprach. Ihr Anzug war einfach, doch kostbar. über blendend weissen Atlas schmiegte sich ein Gewand von indischem Mousselin gleich einem zarten Gewölk um ihren edlen Wuchs, und ein reicher Gürtel befestigte den weichen Faltenwurf. Die funkelnden Juwelen ihres Halsbands und ihrer Ohrringe, so wie des Diadems, das sich um ihre Locken wand, und die köstlichen Brüssler Spitzen, die ihren Busen umgaben und den Saum ihres Kleides bildeten, erhöhten den Neid, den ihre persönliche Anmut bereits in den meisten anwesenden Damen erregt hatte.

Alexander kämpfte mit sich selbst, o b und w i e er

sie anreden solle. Sie an ihre frühere Bekanntschaft mit ihm zu mahnen, konnte nur bittere Erinnerungen in ihrer Seele zurückrufen, und gleichwohl ihrer gar nicht zu erwähnen, hätte ihm den Schein einer Oberflächlichkeit des Sinnes gegeben, den er wie alles was ihm fortan in ihrer Meinung schaden konnte, fürchtete.

Er gründete auf die Neigung, die sie ihm einst so

unbefangen verraten hatte, die schönsten Hoffnungen seines Herzens, und gehoben, und gleichsam schon veredelt durch die zum erstenmal empfundenen Gefühle einer edlen, wahren Liebe, nahm er sich vor, w a h r zu sein, ihr bei der ersten schicklichen Veranlassung offen seine damaligen, so wie seine jetzigen Gesinnungen zu entdecken, um durch seine Reue über das Vergangene sich ihrer Verzeihung wert zu machen, und seinem Charakter ihr verlorenes Zutrauen wieder zu erwerben. Für jetzt aber beschloss er, die fröhliche Tendenz des Abends nicht durch so ernste Erklärungen zu unterbrechen, und sich mit strenger Selbstbeherrschung innerhalb den Schranken zu erhalten, mit denen die Convenienz die Hochgefeierte umbaute.

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Unstreitig war Alexander der beste Tänzer der Residenz. Nicht Eitelkeit oder der ihm sonst so gewöhnliche Hang zu glänzen, sondern der Wunsch, in irgend eine leise Beziehung mit ihr zu kommen, erweckte das Verlangen in ihm mit Erna zu tanzen, und schon wollte er bittend sich ihr nähern, als sie aufstand, undeinem Glücklicheren bereits versagtan ihm vorüber ging.

Als Zuschauer blieb er, an eine Säule sich lehnend, stehen, und war so vertieft in ihrem Anblick, dass er die Annäherung der Gräfin Tannow, nicht bemerkte. Er schrack ein wenig zusammen, als ihre scherzhafte Anrede ihm bewies, dass er beachtet worden sei. Doch schien sie kein Arg aus seinem, jede Bewegung Erna's verschlingenden Anschauen zu haben, sondern es nur auf sein Interesse an einer Kunst zu beziehen, in der er selbst Meister war, und als sie gleich darauf äusserte, dass er ihren Gästen durchaus das Vergnügen verschaffen müsse, ihn mit fräulein Willfried tanzen zu sehen, weil ausser ihm kein Tänzer ihr völlig an Geschicklichkeit gleich sei, erfüllte sie, ohne es zu ahnen, den brennendsten Wunsch seines inneren, indem sie auf seine etwas schüchterne Einwendung, dass er ihr noch gar nicht vorgestellt sei, und daher nicht wage, sie aufzufodern, sichum des allgemeinen Bestens willen, wie sie sagte, das durch den Genuss eines solchen Schauspiels gewinnen werdezu seiner Fürsprecherin erbot.

Mit ihrem Tuche sich Kühlung zuwehend, sass Erna nach geendigtem Tanz in der Reihe der Damen, als die Gräfin ihr nahte, und Alexandern ihr vorstellend, seinen Namen nannte.

Der Klang desselben schien sie keineswegs zu erschüttern, wie er erwartet hatte. Sie erhob sich von ihrem Sitze, ihn zu begrüssen, doch würdigte sie ihn nur eines kurzen, ruhig an ihm vorübergleitenden Blickes, und seine Anrede gleichsam überhörend, wandte sie sich von ihm ab, zur Gräfin, mit Feinheit und völliger Unbefangenheit ein heiteres Gespräch beginnend.

Da stand er jetzt, der sonst so kühne übermütige Jüngling, die Glut der Verlegenheit auf seinen Wangen, und den schmerzenden Stachel der Demütigung tief und immer tiefer in die Brust gedrückt. Welch ein Empfang! – Ihm war, als müsse die ganze Versammlung wahrgenommen haben, wie gleichgültig und beschämend sie ihn aufgenommen hatte, sie, deren Herz er bei'm Wiedersehn vom Blitz zärtlicher Erinnerungen getroffen, vom Weh mühsam bekämpfter, aber nicht erstickter Liebe bestürmt glaubte.

Er biss sich grimmig in die Lippen, während er mit den Augen unstät umherschweifte, und mit Anstrengung aller seiner Kraft sich bestrebte, durch äusserliche Fassung den inneren Aufruhr seines Wesens zu verschleiern.

Die Gräfin drang freilich nicht in die eigentliche Tiefe seines bitter gereitzten Gefühls ein, aber ein wenig zu oberflächlich, um höflich zu sein, schien ihr doch das