1820_Ahlefeld_001_17.txt

lieblichen Fülle der Jugend und Gesundheit doch durch die Anmut mit der sie sich trug und bewegte, so äterisch erschien, als schwebe ihr Fuss einher, statt die Erde zu berühren.

Länger konnte er sein Verlangen nicht bezwingen, zu erfahren, wer diese wundervolle Erscheinung sei, und er wandte sich mit dieser Frage an die Gräfin, neben der er noch immer stand.

Sehen Sie, so bestraft sichs, erwiderte diese scherzhaft, wenn Sie mit der Stadt boudiren, und ihr den rücken kehren. Dieser neue Stern ist während Ihrer Abwesenheit an unserem Himmel aufgegangennehmen Sie sich nur in Acht, lieber Norbeck, dass Ihre hochgepriesene Freiheit nicht die Flügel an seiner Glorie versengt.

Ein schmerzlich süsses Weh zuckte bei diesen Worten durch seine Brust. Ihm war, als wäre ihm die Weissagung einer Prophetin erklungen, und ein Schauer ganz eigener Art rieselte durch alle seine Nerven. Doch noch immer blieb seine Neugier ungestilltnoch einmal wiederholte er seine Frage nach dem Namen des liebenswürdigen Fremdlingsaber wie unbegränzt war sein Erstaunen als die Antwort ihmErna von Willfried nannte.

III

Unbeweglich, wie eine Bildsäule, blieb er, von dem Klange dieser wenigen Worte getroffen, stehen, und eine längst versunkene Welt, schwankend zwischen neuer Furcht und Hoffnung, dämmerte in seiner Seele wieder auf, wie ein grünendes Eiland aus stürmenden Fluten sich erhebt.

Es ist kein Wunder, dass fräulein Willfried schön tanzt, hörte er jetzt die Obristin Lahnberg zu einer neben ihr stehenden Matrone sagen, Neid und Bitterkeit in ihren grämlichen Zügen. Hätte meine Mariane eben so wie sie Jahrelang in Paris diese leichtfertige Kunst erlernt und getrieben, vielleicht würde sie auch so durch ihre Geschicklichkeit glänzen. Aber sie hat immer das Reelle dem leeren Schimmer vorgezogen. Es ist übrigens nicht schwer, zu brilliren, wenn man halb Europa durchreisen kann, um in Italien mahlen und singen, in Frankreich tanzen zu lernen, und wenn man vor allen Dingen dabei die noble Dreistigkeit hat, seine Talente geltend zu machen.

Jetzt näherte sich Mariane, ihre Tochter, mühsam ihr von Misgunst verzerrtes Gesicht zu einem freundlichen Lächeln zwingend. War das nicht ünique, Mama? fragte sie. Es ist ein Vergnügen so deliciös tanzen zu sehenman kommt sich ordentlich wie im Ballette vor. Freilich sollte das W e s e n t l i c h e nicht unter der Ausübung s o l c h e r Künste leiden. In diesem Augenblick hört' ich von sicherer Hand, dass fräulein Willfried im häuslichen eben so unerfahren, als geschickt im Tanzen ist. Keine Suppe soll sie kochen, keine vernünftige Nat nähen können, und da unser Beruf doch nicht ist, wie von der Tarantel gestochen durchs Leben zu hüpfen, so ist es zu bedauern, dass sie das Wichtigere über so frivole und vergängliche Geschicklichkeiten versäumt hat.

Das ist die heutige Modeerziehung, die sich nicht zu n ü t z e n , sondern nur zu s c h i m m e r n bemüht, fiel ihre Mutter eifrig ihr ins Wort. Zu m e i n e r Zeit wurde nur soliden Kenntnissen Wert beigelegt, und daher hab ich Dich auch so erzogen, dass ich vor Gott und Menschen Ehre einlege, und gewiss ein rechtschaffener Mann dereinst mit Dir nicht betrogen wird. Aber die selige Willfriednun, man soll von toten nur Gutes sprechen, und sie war meine sehr genaue Freundin, denn wir haben zwei Jahr lang zusammen der hochseligen Prinzess Sophie als Hofdamen gedientsie hatte immer etwas überspanntes und geziertes, und ihre Sucht, sich allentalben vorzudrängen, scheint denn auch auf die Tochter übergegangen zu sein. Doch sie hat Geld, und dadurch macht sich heute zu Tage jede Närrin geltend, während das stille bescheidene Verdienst, wenn es arm ist (hier blickte sie ihre überreife, vergilbte Tochter seufzend an) unbemerkt und ungesucht wie das Veilchen im Moosse verduftet. –

Alexander hatte genug erfahren, um zu merken, dass dies Gespräch nicht ohne Absicht sich in seiner Nähe entspann. Man zählte ihn im Kreis der jungen Heiratsfähigen Männer zu den vorteilhaftesten Partieen, und grobe und feine Netze hatten sich daher schon oft von Seiten längst erwachsenen Fräuleins und ihrer Mütter ausgebreitet, den schimmernden, nur allzuglatten Goldfisch zu fangen.

Die so verschiedenen Kunstgriffe weiblicher Koketterie, mit der eine jede, ihrer Individualität angepasst, die Maske wählte, die ihrer Meinung nach am meisten anzuziehen und zu fesseln geneigt war, belustigte ihn oft, und er machte sich nicht selten das grausame und unedle Vergnügen, Hoffnungen zu erregen, welche er bis auf einen gewissen Punkt steigerte, und dann plötzlich täuschte.

Leichtfertig und schadenfroh hätte er sonst mit erheucheltem Ernst in die neidischen und verläumderischen Aeusserungen dieser Törinnen eingestimmt, aber heute war es ihm nicht möglich. Sein Herz war so voll, so plötzlich verwandeltdie Brust so gepresstes zog ihn mit Riesenkraft zu der aufgeblühten Rose hin, der er als Knospe so weh getan, dass er um dem inneren Drange seines Sehnens genug zu tun, sich voll Reue hätte zu ihren Füssen stürzen und weinen mögen.

IV

Er nahte sich dem Strahlenkreis, dessen Mittelpunkt sie war. Zwar fand er sie zu umringt, um sie anreden zu können, hatte auch jetzt noch kaum den Mut, es zu w o l l e n – aber er weidete sich doch an ihrem Anschauen, das ihm mit jedem blick neue Reize entfaltete.

Wie hatten diese fünf Jahre sie verändert.