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den Fesseln der Ehe, sein gränzenloser Hang zur Ungebundenheit und sein Leichtsinn hatte schnell wieder dies bessere Gefühl erstickt, und ihn überredet, es sei nur eine Aufwallung des Mitleids, durch die Gefahr erregt, in welcher er sie erblickte.

Als durch den Tod seiner Tante ihm ihr ganzes, sehr bedeutendes Vermögen zufiel, hätte es die Lage der Dinge, und sein Vorteil wohl erfodert, dass er persönlich Besitz von ihrer Hinterlassenschaft genommen hätte. Aber er scheute sich die Gegend wieder zu sehen, wo, wie er glaubte, Erna atmeteauch konnte' er sichs nicht verhehlen, dass seine Tante unzufrieden mit ihm aus der Welt gegangen sei, und da es zu den Gesetzen seiner Lebensphilosophie gehörte, sich alle unangenehmen Gemütsebwegungen zu ersparen, so übertrug er alles was ihm oblag, einem Rechtsgelehrten, und folgte nach wie vor dem Strome, der ihn in die wilden Wirbel der Zerstreuungen zog.

Doch, wie selbst tiefere Eindrücke allmählich von der Hand der Zeit verwischt werden, so schwand im Rausche seines wüsten Lebens auch nach und nach jeder leise Vorwurf, den das Andenken der Vergangenheit ihm machte, und immer seltener und immer gleichgültiger nahte ihm Erna's Erscheinung, bis sie endlich ganz unter den wogenden Leidenschaften, die in seinem inneren stürmten, sich verlor.

Fünf Jahre waren verstrichen, seit er sie hatte kennen lernenda schlug, ihm unerwartet, die Stunde der Vergeltung, die selten ausbleibt und oft dann erst das Unrecht straft, wenn der, der es beging, es bereits vergessen hat.

Er war einige Tage abwesend gewesen, und kehrte spät am Abend in seine wohnung zurück, wo er von der Gräfin Tannow, die eins der angesehensten Häuser der Residenz ausmachte, eine Einladung zum Ball vorfand.

Zwar war die Uhr schon zehn, und das Vertauschen seiner nachlässigen Reisekleidung mit einer glänzenden Toilette konnte leicht noch eine Stunde hinwegnehmenzudem fühlte er sich nicht wohl, und verstimmtaber demungeachtet konnte er sich nicht entschliessen, zu Haus zu bleiben. Denn er sehnte sich nach Geräusch und Abwechselung, um seinen blick durch andere Gegenstände von sich selber abzuziehen, wo er nur mit Unmut verweilte. Seinen Frohsinn lähmend, war der böse Geist des Ueberdrusses nach und nach über ihn gekommen, und hatte ihngesättigt von der Fülle eitler Weltlust, die er genossendas Schaale, Seelenlose, Ermattende seines zwecklosen Lebens in düsterer Beleuchtung wahrnehmen lassen.

Nachdem seine Erfahrungen ihn mit allen bekannt gemacht hatten, was das Dasein bietet, fand er so wenig genügendesso wenig, was der Zeit trotzend, auch in der Zukunft ihm noch die Freuden versprochen hätte, die es einst ihm gewährte. Ein stilles, dunkles Sehnen nach der früh verlohrenen Unschuld seines Herzens, nach dem unwiederbringlichen Wert der Unverdorbenheit regte sich in seinem Busen, und verschattete ihm finster die Welt, deren verpestender Hauch gleich dem Sirocco alle schöneren Blüten des Lebens ihm vergiftet hatte. Doch die Unbehaglichkeit dieser Gefühle war zu drückend, als dass er nicht hätte suchen mögen, sie los zu werdener kleidete sich daher um, und fuhr hin, wo er Zerstreuung seiner finstern Grillen zu finden wähnte.

II

Feenhaft strahlten die hellerleuchteten Fenster herab in die dunkle Strasse, die von ihrem Abglanz erhellt wurde, und rauschend, und seinen Sinn zur Fröhlichkeit auffodernd, tönte die Ballmusik durch die stille, schweigende Nacht.

Schon halb erheitert sprang er aus dem Wagen und eilte hinauf. Aber befremdend blieb er einige Augenblicke am Eingang stehen, denn kein Empfang begrüsste ihn, niemand kam ihm entgegen, und selbst die Bedienten schienen in Zuschauer verwandelt zu sein.

Alles drängte sich, einen weiten Kreis in der Mitte des Saals umschliessend, diesem, innerhalb desselben es unverkennbar etwas vorzügliches zu sehen gab, so nahe, wie nur immer möglich zu kommen. Selbst die Spielenden, sonst so fest an ihre Plätze gebannt, dass kaum ein Erdbeben sie hätte in Bewegung bringen können, waren aufgestanden, und hatten ihre Tische verlassen, und rings an den Wänden war man sogar auf Stühle gestiegen, um nur nichts von dem Schauspiel zu verlieren, das unbekannter weise auch seine Neugierde zu erregen begann.

Endlich wurde ihn die Frau des Hauses gewahr, und winkte ihn zu sich. Der Platz an ihrer Seite vergönnte ihm, einen blick in das Allerheiligste des Saals zu tun, und er sah, von einem seiner Freunde und von einer fremden Dame einen französischen Contretanz mit einer Leichtigkeit und Vollkommenheit aufführen, die er noch nie in diesem Maasse an einem weiblichen Wesen wahrgenommen hatte.

Ihre blendende Schönheit, und das Edle ihres Wuchses und ihrer Haltung nebst ihrer einfachen, aber reichen Kleidung erhöhte noch das Entzücken, das ihre Kunst gewährte, und staunend stand er, in Bewunderung verloren, und wagte kaum zu atmen, aus Furcht, es möchte irgend eine Bewegung dieser Grazie ihm entschlüpfen.

Endlich war der Tanz geendigt. Stolz auf das Recht, sich ihr nähern zu dürfen, gab ihr Tänzer ihr den Arm, sie nach einem Sitze zu führen und ehrerbietig wich die Menge aus einander sie hindurch zu lassen, während alle Blicke bewundernd auf ihr ruhten, alle hände rauschend ihr Beifall klatschten.

Ihr Gesicht war ein wenig seitwärts gewandt, als sie an Alexandern vorüberging. Er sah nur einen teil des ausdrucksvollen Profils, nur den blendend weissen Nacken, um den grosse Diamanten sich reihten, mehr Zierde von i h m empfangend, als sie zu geben vermochten, nur den Silphidenwuchs, der bei aller