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kleidete, indem sie ihm ein höhnisches Ansehn gab, dass ich Ihnen Ihr übereiltes Urteil verzeihe. Dass uns der Umgang mit Schafen, Hühnern und Pflanzen allerdings bis zum Langweiligwerden unschuldig erhält, ist freilich, wenn Sie wollen, ein Vorzug des Landlebens, den aber der gebildetere Sinn weder begehrt noch beneidet. Dass unser Dasein ein L u s t s p i e l für uns, ein S c h a u s p i e l für andere, und für niemanden ein T r a u e r s p i e l sei, ist, wie mir scheint, der vernünftige Zweck, den die natur uns vorzeichnet, und um ihn zu erreichen, dürfen wir gern links und rechts die Blumen pflücken, die an unserm Wege blühn, wenn auch die kalte, engherzige Moral, die im Geschmack der Carteuser uns memento mori predigt, nicht eben uns Beifall winkt. So wenig, als g r ü n d l i c h e Kenntnisse nötig sind, um in wissenschaftlicher Hinsicht zu glänzen, da das Gesetz der feinen Lebensart fordert, dass man keinen Gegenstand erschöpfe, und bloss verlangt, dass man die Oberfläche eines jeden leicht berühre, um mit Gewandteit und Eleganz darüber hinzugleiten, eben so wenig sind diese mürrischen, frostigen Tugenden, die man als Freudenstörer der Jugend uns früh zu verehren zwingt, nötig, um uns d i e achtung zu erwerben, die wir zu einer angenehmen Existenz bedürfen. Wenn wir nur d e n S c h e i n derselben, da wo es gilt, zu beobachten wissen, um unseren Abenteuern, Intriguen und Genüssen ein ehrbares Gewand zu geben, so richtet die Welt milde, mag es auch im inneren aussehn, wie es will.

Und sollte es nicht unsere Pflicht sein, auf einen höheren Richter zu achten, als auf das seichte, durch Trug und Lüge, und Blendwerke aller Art befangene Urteil der Welt? unterbrach ihn Erna. Sollte nicht der Glaube an Gott, an die Nichtigkeit alles Irrdischen, und die Gewissheit einer Zukunft, wo kein S c h e i n mehr gilt, uns über das unwürdige Bestreben erheben können, den Beifall der Menschen zu erlangen, ohne ihn verdienen zu wollen?

Mit dem schärfsten Ausdruck des Spottes zu dem er seine Züge nur immer zwingen konnte, lächelte Alexander zu ihrer inneren Empörung. Es ist recht gut für d a s V o l k , sagte er, das solcher Zügel bedarf, wenn man ihm weis macht, dass ein höheres Wesen, und ein zukünftiges Leben jenseits des Grabes existirt. Denn wie das unverständige Kind die Züchtigung fürchtet, die eine Folge seiner Unarten ist, so scheut auch der uncultivirte, bornirte Sinn des gemeinen Mannes die moralische Rute, die in der Vorstellung einer ewigen Verdammniss oder Seeligkeit liegt, und manches Böse unterbleibt auf diese Weise aus Furcht vor der Strafe. W i r aber, die wir auf einer höheren Stufe der Aufklärung stehen, und Vorurteile, wie billig, verachtenwarum sollten w i r uns überreden, an Phantome zu glauben, die nur in überreitzten, fanatischen Gehirnen entsprungen, eine menschliche Erfindung, und bloss der Schwärmerei heilig sind? Und sind dies wirklich Ihre Grundsätze? fragte Erna, zur Marmorbüste erblasst. Ja, versetzte er, indem er ihre kalte, zitternde Hand ergriff. Ich halte es für Pflicht, mich Ihnen zu zeigen, wie ich bin, da ich Sie liebe, und von Ihrem Besitz das Glück meines Lebens hoffe. Warum, reizende Erna, sollt' ich verhehlen, dass meine Vernunft längst den Sieg über jene Schreckgestalten davon getragen hat, mit deren Strafgericht eine sogenannte religiöse Erziehung uns zu ängstigen bemüht ist. Ich glaube an keine Fortdauer der Seele, und an kein Jenseits, und darum geniess' ich auch das Leben als das einzig wahre Gut, das wir besitzen, das jeder Augenblick vernichtend in das Nichts zurückstürzen kann, aus dem es entstand. Lassen Sie uns nicht in idealischen Gefilden schwärmen, wo nur sich selbst quälende Phantasten zu haus sind, sondern erlauben Sie mir, Sie aus der äterischen, unhaltbaren Region Ihres Wahns in die Wirklichkeit herab zu führen. Genuss des schäumenden Jugendbechers und ein fröhliches Verbannen aller schwerfälligen Sorgen ist die wahre Philosophie, die einzige Religion, zu der ich mich bekenne, und Sie von Ihren finsteren Irrtümern zu befreien, und Ihr Dasein an meiner Seite so heiter wie möglich zu machen, soll das süsseste Ziel meines Strebens sein.

Erna schauderte, und bebte zurück. Er wagte es, seinen Arm um ihren Nacken zu schlingen und sie an seine Brust zu ziehen. Da ermannte sie sich plötzlichglühende Röte verdrängte die Leichenblässe ihres Gesichts, und es stiegen wieder Funken in ihr starres Auge. Den blick nach o b e n gerichtet, als wolle sie von da Kraft und Fassung sich erflehen, wandte sie sich nach einer stummen, aber unendlich ausdrucksvollen Minute von ihm ab, mit dumpfer, fast tonloser stimme die Worte aussprechend: Unglücklicher! Gott helfe Ihnen wieder auf den rechten Weg, und vergeb es Ihnen, dass Sie mich so lange täuschten. W i r haben uns nichts mehr im Leben zu sagen.

XVIII

Sie schwankte hinweg, und Alexander blieb mit Augusten allein.

Sie haben meine Freundin sehr gekränkt, sagte Auguste nach einer Pause, in der sieunschlüssig was sie tun solle, und selbst tief erschütterterst mühsam die Kraft zu sprechen gewann. Gewiss ihr