heiligen Pflicht gedacht hatte, als die Beruhigung ihrer Mutter ihr war. Doch, dass e r sie daran mahnte, dünkte ihr ein neuer Beweis seines gediegenen inneren Werts, seiner unaussprechlichen Tiefe und Zarteit der Empfindung und gern erblickte sie auch von dieser Seite ihn über sich stehend, zutrauen- und verehrungsvoll den blick zu der sittlichen Höhe erhebend, in der er ihr erschien.
Sie hatten kaum, Arm in Arm, und von den Vorsichtsmaasregeln sprechend, mit welchen sie das Vorgefallene der kränklich schwachen Mutter mitteilen wollten, den Saum des Waldes berührt, der ins Freie führte, als die ängstlich ausgesandte Dienerschaft der Frau von Willfried, die sie suchte, ihnen bestätigte, dass Alexanders Vermutung eingetroffen, und das zurückgekehrte Pferd der Verräter ihres Unfalles geworden war.
Mit verdoppelter Eil strebten sie das Haus zu erreichen, und erst als Erna gesund und wohlbehalten am Bett der in Krämpfen liegenden Mutter knieete, linderte sich das unsägliche Weh, unter dem sie gelitten – ein Strom von Tränen, der zugleich das heisseste Dankgebet zu Gott war, benetzte das geliebte, ihr wiedergeschenkte Kind und erleichterte ihre durch Centnerschwere beklommene Brust, und der herbei gerufene Arzt tat das Seinige, den Folgen ihrer nahmenlosen Angst entgegen zu arbeiten.
XVII
So lange sich ihre Mutter noch nicht völlig erholt hatte, widmete Erna sich ganz ihrer Pflege. Nur dann und wann holte sie sich aus dem Nebenzimmer, wo Alexander sehr oft Augusten Gesellschaft leistete, einen stärkenden blick von ihm, oder einen erquikkenden Händedruck.
Er benutzte indess mit kluger Vorsicht diese Zeit, um sich der Ausführung seines Plans zu nähern, indem er in Augusten, die so gern um Erna's willen an ihn glaubte, allmählich die Stützen untergrub, auf denen ihre achtung für ihn ruhte.
Leise und unvermerkt leitete er das Gespräch auf das Leben in grossen Städten und schilderte die Verdorbenheit der Sitten dort mit einem Feuer, das nicht an dem Abscheu vor solcher Gesunkenheit, sondern am sichtlichen Wohlgefallen daran entzündet zu sein schien.
Man verlangt von der guten Gesellschaft nur dreierlei, sagte er einst, als Erna ihm zuhörte. Ein feines Benehmen, einen eleganten Ton, und eine Art von Ansehn, das sich entweder auf Geburt, Rang und Einfluss, oder auf Reichtum, Geist, oder persönliche Annehmlichkeiten gründet.
Ein fleckenloses Leben ist keineswegs nötig um mit Auszeichnung behandelt zu werden – ja oft wirft es sogar auf den, der es übt, das schlimmste Licht, in dem ein Mensch von gutem Ton erscheinen kann, nämlich: das Ridicül. Tackt für das Schickliche, Witz, gute Laune, Dreistigkeit, und die Gabe jede Rolle mit Gewandteit zu spielen, die der Augenblick nötig macht – dies ersetzt reichlich die sogenannten Verdienste, und eine leichte, selbst leichtfertige Aufführung wird freundlich von der grossen Welt verziehen, wenn sie nur mit geselliger Anmut und d e m S c h e i n der Decenz verbunden ist.
Erstaunt hörte Erna ihm zu. Sie glaubte, er scherze, oder er wolle Augustens feste Grundsätze, die auch ihr zur Richtschnur ihres Lebens dienten, auf die probe stellen. Aber er sah so ernst aus – die wärmste überzeugung schien aus ihm zu sprechen, und ihr wurde ganz unheimlich, während ihr Herz mit ängstlichen Ahnungen kämpfte.
Und als sie schüchtern den Einwurf wagte, dass der beobachtete S c h e i n der Decenz einem unverdorbenen Gemüt unmöglich genügen könne – dass ein ächt religiöser Sinn nicht in dem durch Täuschung erschlichenen Beifall der Welt, sondern in der Reinheit seines Bewusstseins, und in dem gewissenhaftesten Befolgen der Gebote der strengsten Sittlichkeit w a h r e Befriedigung zu finden vermöge, lächelte er sie mit jenem gutmütig sich überhebenden Gemisch von Ironie und freundlichen Bedauerns an, wie man die ungereimten Einfälle eines Kindes zu belächeln pflegt.
Allerdings, versetzte er, sind dies die Regeln, welche Präceptor und Gouvernante in früher Jugend uns sclavisch einzuprägen suchen – aber wie bald reibt das wirkliche Leben diesen Rost der Schulmoral von uns ab, und dann erst treten wir aus langweiliger Unbemerkteit hervor, und fangen an zu glänzen.
Um comme il faut zu sein, muss man die F o r m jener liebenswürdigen Tugenden annehmen, die vielleicht früher wirklich existirten, jetzt aber nur einen trügerischen Wiederschein in der Seele des Menschen zurückgelassen haben, wie der blaue Himmel im Teiche sich spiegelt, ohne darum Himmel zu sein. Milde, Nachsicht, Güte, Bescheidenheit, und wie die guten Eigenschaften weiter heissen, die uns in unserer Kindheit gepredigt werden, müssen stets die eigentliche bittere Pille des Gemüts vergolden. Denn beissende Ausfälle, Lästerungen und sinnliche Vertraulichkeiten dürfen sich nicht ungestraft in ihrer Nackteit sehen lassen – sie müssen durch irgend eine mildernde Hülle sanft verschleiert, durch Witz, treffenden Scharfsinn und den Anschein einer anständigen Schicklichkeit erst autorisirt werden, in der guten Gesellschaft zu erscheinen.
Wenn es so ist, sagte Erna mit ihrer Angst ringend, so ist die Zurückgezogenheit des Landlebens ja ein zwiefaches Glück. Nicht nur, dass in ihm die natur uns näher ist, und uns inniger mit Gott verbindet, als all das bunte Treiben in der Welt – wir b e d ü r f e n auch, selbst wenn wir ihre Anwendung nicht v e r s c h m ä h t e n , jener armseligen Kunstgriffe nicht, die dazu dienen ohne inneren Wert zu schimmern.
Sie sind noch so neu in der Welt, meine holde Erna, erwiderte Alexander jene ironische Miene beibehaltend, die ihm so übel