. Anders glaubte aber Erna sein Innerstes bewegt, weil das ihrige ihr der Maasstab war, nach dem sie es beurteilte. Ihr schien es aufs tiefste ergriffen – ein süsser Wahn überredete sie, dass sie seine Gesinnung eben so durchschauete, wie die ihrige rein und offen vor ihm lag, und in ihrer kindlichen Unerfahrenheit ahnete sie nicht, dass selbst ihre forschendsten Blicke wie von einem ehernen Schilde von der undurchdringlichen Rinde abprallten, womit Verstellung sein eigentliches Wesen umgab.
Wie dank' ich Gott für mein Leben! flüsterte sie leise, und hob das schöne Auge, in welchem eine Träne funkelte, zum Himmel, indem sie seine Hand sanft zu drücken wagte. Ach, in den angstvollen Momenten, wo ich es zu verlieren fürchtete, hab ich zum erstenmal seinen ganzen vollen Wert erkannt, und recht von Herzen gebetet, dass es mir erhalten bliebe.
Das gute, fromme Kind sah so verklärt in der Begeisterung der Dankbarkeit aus, war so innig durchdrungen von dem Glücke des Daseins, dass Alexander mit Wohlgefallen auf den durch einen ganz neuen Ausdruck beseelten Zügen weilte, aus denen eine himmlische Freundlichkeit ihm entgegen strahlte. Leicht entflammt und durch die Einsamkeit, so wie durch das Neue dieser Situation hingerissen, konnte er nicht umhin, seinen Hang zur Galanterie nachzugeben, und der sich so hold ihm hingebenden Erna recht viel Schönes und Liebeatmendes zu sagen, was in dieser reizbaren Minute, und bei dem festen Glauben, in ihm ihren Bewerber zu sehen, doppelt tiefen Grund in ihrem unbewahrten Busen fasste.
Und als er im Wechselgespräch, das von seiner Seite immer mehr den Schein der leidenschaft annahm, durch ihr naives, unverstelltes Entgegenkommen wie in eine fremde Welt entrückt den Wallungen nicht gebieten konnte, die sie in ihrer Unschuld für Liebe hielt, und er sie stürmisch an seine Brust zog, und auf ihre jungfräulichen noch nie berührten Lippen den ersten glühenden Kuss drückte, der i h r das Siegel einer ewigen Treue schien – da konnte ihr kindliches, tief erregtes Herz die Fülle seines Entzückens nicht bergen, und in seliger Wehmut ihn umfassend, sprach sie es aus, wie sie ihn liebe, und wie glücklich sie sich preise, sich die Seinige nennen zu dürfen.
XVI
Doch dies Geständnis wirkte wie beruhigendes Oel auf ein stürmendes Meer, indem es seine heiss erwachte Sinnlichkeit in die kalten grenzen der Vorsicht und der Besinnung zurück scheuchte.
Der Ernst, mit dem dies Kind seine Annäherungen als eine über das ganze Leben entscheidende, die ganze Zukunft im engsten Bunde umfassende Liebe betrachtete, war ihm lächerlich. Wäre ein sentimental platonisches Verhältnis nicht in seinen Augen das langweiligste unter der Sonne gewesen, er würde es eine Weile fortgesetzt haben, um zur belustigenden Bereicherung seiner Menschenkenntnis immer neue Erfahrungen zu sammeln, wie die unentweihte Unschuld der ersten Jugend sich benimmt, wenn der Liebe magische Gewalt sie mit ihren Netzen umfängt.
Aber da es ihm nicht in den Sinn kam, durch eine ernstliche Verbindung seinen freien Nacken zu fesseln, so hielt die Furcht, in das Gewebe seiner eigenen Kunstgriffe verstrickt, und dann zu unangenehmen Erörterungen gezwungen zu werden, denen der feine Weltton gern ausweicht, ihn neben dem wenig belohnenden des damit verbundenen Zeitverlustes zurück – und sie zu verführen – nein, er war doch nicht verdorben genug, um nicht von diesem Gedanken mit Unwillen sich abzuwenden. Denn ob er bei seinen Ansprüchen an Politur der Form und äusseren Benehmen gleich fand dass das in geselliger Feinheit so unerfahrene Landmädchen sich besser in ihren Hühnerhof, und unter die Bewohner ihres Dorfs, als in die in tausendfache Facellen geschliffene Residenz schicke, so musste er doch die schleierlose Wahrheit ihres Charakters achten, und die reine Güte ihres Herzens verehren.
Er konnte sich nicht abläugnen, dass es Unrecht sei, bei seinem festen Entschluss, sie nicht zu heiraten, ihr im tiefen Frieden der Kindheit so ruhig schlummerndes Herz geweckt, und gewaltsam in den berauschenden Kreis flammender Jugendwünsche entrückt zu haben, ohne ihren mutwillig erregten Hoffnungen, ihren auf sein Betragen sich stützenden Erwartungen etwas anders als den Schmerz unbefriedigter sehnsucht zu hinterlassen.
Zwar schmeichelte es seiner Eitelkeit, sich zu denken, dass sie ihm nachtrauern, dass sie sein Bild als ihr beständiges Ideal lebenslang im inneren sich bewahren werde – doch tat ihm zu gleicher Zeit die verlorene Ruhe ihres Gemüts leid, die ein Opfer ihrer Unerfahrenheit und seiner Koketterie geworden war, und er nahm sich vor, nicht länger ein so grausames Spiel mit Empfindungen zu treiben, die er nicht zu erwiedern geneigt war, sondern den günstigen Totaleindruck, den er auf sie gemacht, in so fern zu zerstören, als er seinen Charakter betraf.
Mochte sie immer seiner persönlichen Liebenswürdigkeit Gerechtigkeit widerfahren lassen – seine Eigenliebe gestattete ihm ohnedem nicht, diese in ein nachteiliges Licht zu stellen. Auch war es hinlänglich für die fromme Einfalt ihrer Sitten und die strengen Begriffe, welche Lehren und Beispiele ihr eingeprägt hatten, ihr den Leichtsinn seiner Grundsätze und die Frivolität seiner denkart zu zeigen, um jeden Wunsch seines Besitzes zu verlöschen, ohne dass er nötig hatte, unzart und schonungslos sich zurück zu ziehen.
Diesen Vorsatz in der Seele, störte er zuerst ihre goldenen Illusionen durch die Erinnerung an die Angst ihrer Mutter, wenn nämlich, wie sich vermuten lasse, der Araber den Weg nach haus gefunden habe, und ohne seine Reiterin ihr ein Bote der schmerzlichsten sorge, ein Verkündiger des Unglückkes geworden sei.
Erna erschrack, dass sie dem Zauber ihrer Gefühle hingegeben, nicht von selbst an die Erfüllung einer so