Charlotte von Ahlefeld
Erna
Kein Roman
Seiner Königlichen Hoheit
dem Herrn
Erbgrossherzog zu Sachsen-Weimar
und Eisenach, etc.
ehrerbietig gewidmet.
I
Ein liebes Mädchen sollst Du heute kennen lernen, Alexander, sagte die verwitwete Generalin von Zwenkau zu ihrem Neffen, einem zwanzigjährigen Husarenoffizier, der aus der Residenz gekommen war, sie in der Landstadt zu besuchen, in der sie wohnte. Das wäre eine Partie für Dich. Gut, hübsch, sehr verständig, wohlerzogen und reich – liebes Kind, was könntest Du mehr verlangen? Das sind fürwahr Eigenschaften, die eine glückliche Ehe gründen.
Ehe? antwortete Alexander lachend. dafür, hoffe ich, soll mich der Himmel mein Leben lang bewahren. Nein, Tante, d i e L i e b e ist eine Frühlingssonne, die das Dasein wärmt, und duftende Blumen hervorlockt – d i e E h e aber ein Maienfrost, unter dessen feindseeligem Einfluss sie wieder erstarren. Ungebunden, nur mir selbst angehörend, will ich des Lebens süssen Reiz geniessen, und nie mein Haupt jenem Joche darbieten, dessen Schwere nicht allein die Freiheit, sondern auch das Glück erdrückt.
So hat die Verdorbenheit grosser Städte auch D e i n e Grundsätze schon vergiftet, versetzte die Generalin. O Alexander, lass Dich doch nicht irre leiten von der sittenlosen, versunkenen Menge, die der ehrwürdigsten Gefühle spottet, weil in ihrer kraftlosen Brust kein Raum mehr dafür ist. Eine frühe Verbindung mit einem achtungswerten weiblichen geschöpf wäre ganz gewiss ein sicheres Mittel, Dich in diesem Schwarm rein Dir selbst zu erhalten – soll ich nicht wünschen, dass Du es ergreifen möchtest? Ernestine, oder Erna, wie wir gewohnt sind, sie zu nennen, die ich längst für Dich im Sinne hatte, ist die einzige Tochter einer meiner Freundinnen, der Frau von Willfried, die das hier unmittelbar an die Stadt gränzende Landgut Seedorf bewohnt. Wiewohl noch nicht vierzehn Jahr alt, verspricht dies hoffnungsvolle Kind doch ein Muster weiblicher Liebenswürdigkeit zu werden. Es fehlt ihr nichts bei den vollkommensten, zum teil schon entwickelten Anlagen, als ein gewisses Selbstvertrauen, das ihre Schüchternheit nicht aufkeimen lässt. Sie ist so bescheiden, so wahrhaft demütig, dass sie keine Ahnung davon hat, wie viel sie sein könnte, wollte sie ihren Wert geltend machen. Nur wer sie so genau kennt wie ich, wird sie ganz verstehen, aber sie verdient das Studium ihres Charakters, und wahrlich, es belohnt sich, denn nie wohnte ein reineres, heiligeres Gemüt in einer lieblicheren Hülle.
Sie machen mich ganz neugierig, liebe Tante, unterbrach sie Alexander scherzend. Ich bin ein Freund der jungen Rosenknospen, deren erstes zartes Rot zwischen frischem Frühlingsgrün hervordämmert, und oft in dem Versprechen eines herrlichen Entfaltens schon eben so schön ist, als in der Blüte selbst. Gern werde' ich mich an dem reizenden Anblick weiden, und – will das holde Röschen f ü r m i c h blühen, mich an seinem süssen Duft ergötzen. Aber es a u f e w i g in meinen Lebenskranz winden, nein Tante, das vermag ich nicht, und wäre es auch völlig dornenlos, und geradeswegs aus Eden entsprossen.
Leichtsinniger! sprach die Generalin sehr ernst, wenn Du auch – s c h e i n b a r oder w i r k l i c h – doch hoff ich, nur das e r s t e r e , den Sinn für Lauterkeit und reine Sitten verloren hast, so wirst Du doch nicht vergessen, welch' hohe achtung der Unschuld gebührt. Ich erwarte daher wenigstens, dass Du d i e T o c h t e r m e i n e r F r e u n d i n nicht zum Spielwerk männlicher Koketterie und frivoler Eroberungssucht wählst, und der Ruhe ihres Herzens schonst, wenn Du auch, ihrer Reinheit wegen, sie vielleicht mit Recht zu hoch über Dir erblickst, um an eine Verbindung mit ihr denken zu mögen.
Alexander sah, dass seine Tante aufgebracht war. Er küsste schmeichelnd ihre hände, und versicherte ihr mit all der einnehmenden Anmut, die ihm eigen war, dass seine Aeusserungen bei weitem nicht so ernstlich gemeint seien, als sie ihr schienen, und dass – wenn er sich auch noch für viel zu jung zum Heiraten halte, er doch gewiss ihrer mütterlichen Absicht, so wie den Verdiensten ihres unbekannten Lieblings volle Gerechtigkeit widerfahren lasse.
II
Es gelang ihm, die Erzürnte wieder zu versöhnen, denn es war schwer, seiner hinreissenden Freundlichkeit, und seinen liebkosenden Bitten zu widerstehen.
Selten hatte die natur einen Jüngling so verschwenderisch ausgestattet, als ihn, den bei hellem Geist und warmen, raschem Gefühl die Vorzüge einer bezaubernden Gestalt schmückten.
Sorgsame Leitung über die Untiefen und Klippen der grossen Welt hätte gewiss aus ihm einen der trefflichsten Männer gebildet – aber schon in der frühsten Jugend sich selbst überlassen, und mit offnen Sinnen und ungebundner Freiheit den geräuschvollen Zerstreuungen einer der üppigsten Residenzen Deutschlands hingegeben, war – durch die Macht des Beispiels hingerissen – die Reinheit seines Gemüts unter den Lockungen der Verführung und der eigenen Sinnlichkeit längst schon verloren gegangen. Nicht die Aegide der Tugend, sondern nur die Feinheit seines Geschmacks schützte ihn mitten in der Fülle des Leichtsinns und des Uebermuts vor dem Versinken in zügellose Ausschweifungen, die das Bessere im Menschen unwiederbringlich vernichten.
Aus diesem immer verderblicher werdenden Rausch der Sinne, dem er sich mit der ganzen Heftigkeit seines leidenschaftlichen Charakters hingab, würde, wie seine Tante sehr